Leise kommt sie in mein Zimmer. Ich merke nur, wie ein schmaler Lichtstreif an der Wand entlang schleicht, bis sich die Tür wieder schließt. Ich öffne meine Augen nicht. Ich will nicht. Vor mir läge ohnehin nur unendliche Dunkelheit. Und sie. Das Quietschen der Dielen verrät sie. Sie weiß, dass ich nicht möchte, was sie tut. Trotzdem kriecht sie unter meine Bettdecke. Ich mache ihr keinen Platz, aber das stört sie nicht. Hat es noch nie. Eine Weile bleibt sie regungslos liegen. Es ist nichts zu hören, außer ihr leiser, begieriger Atem. Ich merke, wie mir Blut durch meinen Körper pumpt. Ich kann mich nicht bewegen. Ihre bloße Anwesenheit macht es mir unmöglich, auch nur zu reagieren. Ich spüre ihren Atem an meinem Hals und meiner Wange und bekomme eine Gänsehaut. Sie weiß, dass ich sie höre, rieche, fühle. Dass sie mich bewegungsunfähig macht. Sie umarmt mich zuerst nur, aber ich weiß, dass es nicht dabei bleiben wird. Es dauert nicht lange, ihre Finger erforschen meinen Körper, jede Stelle. Sie atmet schwer. Ich will nicht. Aber sie. Und sie bekommt immer, was sie bekommt. Genauso auch diese Nacht.
Das laute Scheppern von Tellern weckt mich am Morgen. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich schon wieder verschlafen habe. Ich stöhne auf und setze mich gähnend im Bett auf. Ich höre meine Mutter bis in mein Zimmer diese unerträglich fröhlichen Lieder summen. Ich kann mir vorstellen, wie sie durch die Küche tänzelt, übertrieben gut gelaunt. Ich brauche einige Sekunden, bis ich mich überwinde, die Decke zurückzuwerfen. Noch ein Blick auf die Uhr. Nur um sicher zu gehen. Obwohl ich am liebsten einfach liegen geblieben wäre, schleppe ich mich ins Badezimmer. In der Schule würde ohnehin niemandem auffallen, wenn ich fehle. Schon seit Wochen kümmert so gut wie niemanden mehr, dass ich existiere. Ich spüle alle schlechten Gedanken mit eiskaltem Wasser aus dem Gesicht und vermeide es, mich im Spiegel zu betrachten. Besonders morgens will ich diese grässlichen beinahe grauen Augen nicht ansehen, die so aussehen, als wollen sie mich jede Sekunde anspringen, wenn ich nicht aufpasse. Auch wie meine Haare aussehen, ist mir gerade relativ egal. Seit meine Frisöse sie liebevoll als Straßenköter-blond bezeichnet hat und sich anschließend wunderte, weshalb sie sie bis zu einem kurzen Pixie-Cut abschneiden sollte, möchte ich sie gar nicht mehr ansehen. Mit Tönen habe ich es schon probiert, aber dafür scheinen meine Haare untauglich. Und zu allem Überfluss bin ich gegen Färbemittel allergisch - also bleibe ich wohl mein Leben lang mit Straßenköter-blond gesegnet. Ich lasse mir Zeit mit dem Zähneputzen. Nicht, weil ich noch genügend Zeit habe, sondern weil ich unter keinen Umständen jetzt schon nach unten gehen möchte. Unten sitzt sie. Und ich will ihr nicht begegnen. Aber das werde ich wohl niemals vermeiden können, solange sie hier wohnt. Bevor ich aus dem Bad gehe, ziehe ich vor dem Spiegel eine Grimasse. Die Augenringe ignoriere ich. Sie hat dich wachgehalten, fällt es mir wieder ein und ich schließe seufzend die Augen, bevor ich die Küche betrete. Wie erwartet tanzt meine Mutter mit einem Geschirrtuch und einer Hand voll nassem Besteck durch die Küche und singt die Lieder aus dem Radio mit. Ich unterdrücke es, Mama bereits am Morgen anzumaulen, doch bitte still zu sein und lasse mich an den Küchentisch fallen - ihr direkt gegenüber. Sie sieht nicht einmal zu mir hoch. Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachte ich sie, wie sie ihre wunderbar manikürten Fingernägel mit einem Klarlack bestreicht.
»Tory, sei so gut und gib Sascha den Stapel Zeitschriften mit, wenn du ihn heute siehst. Seine Mutter fragt schon seit Tagen danach«, sagt Mama schließlich. Kurz zucke ich zusammen, als sie zu reden beginnt. Aber wieso eigentlich? Sie spricht sowieso nicht mit mir.
»Alright«, antwortet Tory mit ihrem grässlich schönen Englisch und ich stöhne genervt auf. Erst jetzt sieht sie mich an. Nur ein kurzer Blick. Ein Blick, der so vieles aussagt. Und im nächsten Moment tut sie wieder so, als wäre ich gar nicht da. Als wären wir uns fern. Aber das sind wir nicht.
»Becci!«, raunt Mama mir zu und sieht mich tadelnd an. Ich weiß, was sie meint und atme nur laut auf. Natürlich, ich soll nicht so abfällig zu unserer lieben Tory sein. Mama hält immer zu ihr. Anders habe ich es nie erwartet. Schon seit ihrer Ankunft heißt es ständig »Sei nett zu ihr« oder »Mach ihr den Aufenthalt so angenehm wie möglich.« Mama hat keine Ahnung. Sie glaubt, dass Tory und ich uns hassen. Natürlich, wenn Tory das ständig behauptet. Je länger sie bei uns ist, umso mehr hasse ich sie tatsächlich. Je öfter sie zu mir ins Bett kriecht, je öfter ihr Blick mich durchbohrt, je öfter ich ihre Anwesenheit mit allen Sinnen bemerke. Sie weiß das, aber es stört sie nicht.
In Ruhe isst sie das Brot, das meine Mutter ihr liebevoll geschmiert hat, weil ihre Fingernägel noch nicht trocken sind. Sie tut, als hätte sie ewig Zeit. Aber die hat sie auch. Denn in zwanzig Minuten wird unser Bus an der Haltestelle stehen. Und wenn Tory noch nicht da ist, dann wartet er eben auf sie. Auf mich hat er allerdings noch nie gewartet. Aber bei Tory ist das anders. Tory ist sexy, cool und überall beliebt. Jeder, der sich mit ihr umgibt, gilt automatisch als cool. Nur ich nicht. Denn sie hasst mich, also hassen mich alle. Aber was nachts passiert, wenn wir alleine sind, das weiß niemand von ihnen. Das wissen nur Tory und ich.
Sie steht auf, als sie fertig ist. Sie wirft mit einen kurzen Blick zu, aber ich betrachte nur den halb heruntergekratzten Nagellack auf meinen Fingernägeln, als gäbe es nichts Wichtigeres. Ich habe nichts dagegen, dass sie geht. Es ist, als fällt eine unsichtbare Last von mir. Endlich kann ich mich entspannen. Ich setze mich aufrecht, um mir endlich mein Frühstück zu machen, da fängt meine Mutter mit ihrer üblichen morgendlichen Debatte an.
»Kannst du nicht ein einziges Mal früher aufstehen, so wie Tory?«
»Kannst du nicht ein einziges Mal aufhören, mich mit ihr zu vergleichen?« Ich lasse das Brot auf meinen Teller fallen. Wieso habe ich überhaupt geglaubt, dieser Morgen könnte anders sein, als jeder andere seit ihrer Ankunft?
»Aber ich vergleiche dich doch nicht mit ihr, Schatz«, behauptet Mama und ich drehe mich zu ihr um.
»Ach nein? Wie nennst du das dann?«
»Ich weiß, dass du sie nicht magst. Das zeigst du mir wirklich oft genug, aber versuch bitte mit ihr klar zu kommen.« Sie seufzt, als ginge ihr diese Streiterei zwischen Tory und mir sehr nahe. Aber das Einzige, was sie daran stört ist wahrscheinlich, dass sie sich selbst dafür hasst, ihre Tochter nicht so sehr zu lieben wie sie. »Wir haben uns nun mal bereiterklärt, eine Austauschschülerin aufzunehmen und jetzt ist es eben so. Außerdem ist sie eine große Hilfe, was die Hausarbeit betrifft. Du solltest dir ein Beispiel an ihr nehmen, Rebecca!« Ihre Fürsorge hat sich in Ärger aufgelöst. Ich drehe mich zurück und betrachte das leere Brot auf meinem Teller.
»Du solltest dir ein Beispiel an ihr nehmen, Rebecca«, äffe ich meine Mutter nach und stehe ohne etwas zu essen vom Stuhl auf. Tory macht immer alles richtig. Tory ist perfekt. Ich kann es nicht mehr hören.
»Willst du gar nichts essen?«, tut meine Mutter besorgt, aber ich stürme aus der Küche. Verhungere ich eben. Würde sowieso niemanden stören.
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Extraordinary
ChickLitBeccis Leben ist eigentlich gar nicht so schlecht. Zumindest bis die Austausschülerin Tory bei ihr einzieht und ihr Leben auf den Kopf stellt. Seit ihrer Ankunft ist nichts mehr wie vorher. Sie ist der Blickfang der Schule und schafft es, ihre Freu...
