Von nackten Ninjas und unsensiblen Briten

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Ich wachte durch irgendetwas auf, das mich an der Nase kitzelte. Vorsichtig öffnete ich ein Auge und schielte auf mein Riechorgan. Etwas Schwarzes krabbelte gerade in Richtung Nasenspitze. Etwas Schwarzes?! Erschrocken richtete ich mich auf und schlug mit meiner Hand nach dem Vieh. Als ich auf meine Handfläche sah, klebten da die Überreste einer Ameise. Angewidert wischte ich meine Pfote an meiner Hose ab und sah mich um. Neben mir lag ein leise schnarchender Louis in einer etwas unbequem aussehenden Pose. Liam lag gegenüber von uns und hatte einen schlafenden Iren auf der Brust. Harry lag etwas abseits und hatte ein seliges Lächeln auf den Lippen. Eine Locke fiel ihm ins Gesicht. Ich stand mit wackligen Knien auf und tapste zu ihm rüber.
Diese Locke störte mich irgendwie.
Ich ging vor Harry in die Hocke und strich im die Strähne vorsichtig aus dem Gesicht. Nicht auszudenken, wenn er jetzt aufwacht. Dann würde er nie wieder Respekt vor mir haben. Einen Moment verfing ich mich im Anblick seines Gesichts. Harry murmelte irgendwas und fuchtelte mit den Händen in der Luft rum. Und ehe ich mich versah, hatte er seine Arme um mich geschlungen und zog mich zu ihm.
Ich quiekte erschrocken auf.
Na klasse. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich versuchte mich zu befreien, aber Harry war selbst im Schlaf stärker als ich.
„Harry", flüsterte ich. Keine Reaktion.
„Harry!", versuchte ich es etwas lauter. Harry brummelte wieder was und drückte mich enger an sich. „Harry! Wach sofort auf!", schimpfte ich. Aber keine Chance. Curly schlief wie ein Toter. Da blieb nur eins.
Ich näherte mich seinem Ohr und flüsterte: „Harry. Lass mich los, ich hab nichts an"
Und tatsächlich: Harry lächelte breit, drehte seinen Kopf zu mir und öffnete die Augen.
„Tatsächlich, Flo?"
Er schloss noch einmal die Augen - und riss sie erschrocken wieder auf.
„Flo?! Was zum Teufel machst du da?!"
„Nach was sieht's denn aus? Ich warte, dass du wach wirst, damit du mich loslassen kannst!"
Harry starrte mich an. „Hab ich irgendwas verpasst? Haben wir gestern Nacht etwas gemacht, an das ich mich nicht mehr erinnern kann?"
Ich lächelte ihn verführerisch an. „Kannst du dich denn an nichts mehr erinnern, Schatz? An nichts, was wir letzte Nacht gemacht haben?"
Harry sah mich völlig entgeistert an.
„Hast du was genommen? Wieso lebe ich noch? Bist du betrunken oder warum hast du mich nicht schon längst zerstückelt?", fragte er panisch.
„Klar bin ich betrunken, Honey. Von der Liebe", hauchte ich.
„Meinst du das ernst? Haben wir wirklich-„
„Meine Fresse, natürlich nicht, du Vollidiot! Würdest du jetzt bitte endlich deine Griffel von mir nehmen?!"
Harry sah mich leicht enttäuscht an und lockerte seinen Griff. Ich rappelte mich auf und holte tief Luft. Curly sah von unten zu mir hoch.
„Noch eine Frage, Flo. Wieso habe ich dich im Arm gehalten?"
„Ich hab mich über dich gebeugt und..."
... hab dir eine Locke aus dem Gesicht gestrichen, wollte ich noch sagen. Aber das durfte ich auf keinen Fall.
„...und hab dir ein riesiges Insekt aus dem Gesicht entfernt", meinte ich deshalb.
Harry zog eine Augenbraue hoch.
„Es war wirklich groß. Mindestens zehn Zentimeter!", stammelte ich.
Der Lockenkopf zog die andere Augenbraue hoch.
„Und es waren um genau zu sein fünf riesige Insekten!", wollte ich das ganze dramatischer machen. Aber da konnte ich noch von einer außerirdischen Insekten Armee erzählen, die Curly im Schlaf überfallen hatte und die ich heldenhaft mit meinen Karatekünsten besiegt habe, Harry glaubte mir nicht.
„Kannst du mir vielleicht lieber mal erklären, wie man so sexistisch veranlagt sein kann, dass man nur aufwacht, wenn einem jemand sagt, dass er nackt ist?", ging ich zum Angriff über.
Jetzt wurde Harry rot.
„Das... das ist ein Schutzmodus!"
„Ein Schutzmodus", wiederholte ich.
„Ja. Falls mich in der Nacht nackte Ninjas angreifen"
„Und du meinst, die kommen erst mal zu dir und flüstern „Harry, ich bin nackt" in dein Ohr?", fragte ich spöttisch.
„Kann ja sein...", murmelte Harry.
Also, diese Ausrede ist echt noch schlechter als meine. Das dachte Harry anscheinend auch. Er sah mich unsicher an und ich musste grinsen. Er lächelte erleichtert zurück. Während wir uns so ansahen, ertönte auf einmal ein markerschütternder Schrei. Vor Schreck verlor ich das Gleichgewicht und fiel
noch mal auf Harry.
„Was ist, Flo? Hast du immer noch nicht genug?", grinste er.
„Harry, ich warne dich. Nur weil ich gerade einen schwachen Moment hatte, heißt das nicht, dass ich dich alles durchgehen lasse" Ich befreite mich energisch aus seiner Umarmung und stand auf.
„Lass uns lieber mal schauen, wer da gerade so gebrüllt hat. Vielleicht ist jemand in Schwierigkeiten" Ich marschierte in die Richtung, aus der das Geschrei kam. Harry kam mir hinterher.
„Wer wird da schon in Schwierigkeiten sein. Ein Fuchs oder eine Maus"
„Ich kann mich aber nicht erinnern, ein Tier jemals so schreien gehört zu haben. Nee, da muss jemand bedroht werden" Ich beschleunigte meine Schritte und Harry folgte mir meckernd.
„Ich hab jetzt aber keine Lust irgendwelchen Hippies zu helfen", zeterte er.
„Wieso Hippies?", fragte ich verwirrt.
„Na, von wem sonst sollte dieser Schrei kommen wenn nicht von irgendwelchen Öku-Peace-Love-Fritzen, denen die Saite ihrer Gitarre gerissen ist, als sie den Tag begrüßen wollten!"
„Das sind jetzt aber sehr viele Klischees auf einmal, Harry", tadelte ich ihn. Da sah ich plötzlich ein zwei Zelte zwischen den Bäumen.
„Harry! Ich glaube, wir haben unseren Campingplatz gefunden!", rief ich begeistert und rannte die letzten Meter. Keinen Augenblick später stand ich tatsächlich an unserem Strand. Harry stellte sich neben mich.
„Cool. Dann kann ich ja endlich 'ne Dusche nehmen"
„Nichts da! Erst bin ich dran!"
„Wenn du schneller bist als ich: von mir aus" Harry lief los in Richtung Klohäuschen.
Nicht schon wieder.
„Harry! Du weißt genau, dass ich eine miese Läuferin bin!" Harry drehte sich lachen um - und rannte in eine Person rein, die gerade aus dem Häuschen kam. Beide gingen zu Boden und ich ging im Laufschritt zu ihnen.
„Aua" Harry rieb sich den Kopf. Ich sah mir den anderen genauer an.
„Zayn?", fragte ich vorsichtig. Der Kerl hob den Kopf.
Ich sah ihn entsetzt an.
„Zayn? Wie siehst du denn aus?" Zayn war über und über mit roten Pusteln bedeckt und sah auch sonst nicht besonders gesund aus.
„Ameisen", murmelte er und kratzte sich am Ellbogen.
„Ich hab mich gestern Nacht anscheinend auf ein Nest gelegt, dass im Boden war. Als ich heute aufgewacht bin, hat mein ganzer Körper gebrannt und gejuckt. Also hab ich einen Spiegel gesucht und bin dabei auf unseren Campingplatz gestoßen. Als ich dann in den Spiegel gesehen hab, hab ich beinahe einen Herzinfarkt bekommen"
„Dann warst du es also, der geschrien hat", kombinierte Harry messerscharf. Zayn nickte.
„Deshalb lagst du auch nicht bei den anderen, als ich aufgewacht bin", fiel mir auf. Ich sah Zayn nachdenklich an.
„Da hilft eigentlich nur Wasser", meinte ich.
„Aber aus der Dusche kommt zu wenig", jammerte Zayn.
„Dann geh doch hier ins Wasser!" Ich deutete auf die kleine Bucht in der wir uns befanden.
Zayn sah mich entsetzt an. „Das ist voll dreckig!", rief er.
„Aber es hilft bestimmt! Jetzt komm schon" Ich zerrte ihn zum Wasser.
„Ich geh da nicht rein!", sträubte sich Zayn. „Ich bin äußerst pingelig!"
"Als ob wir das nicht wüssten", murmelte ich und warf Harry einen Blick zu.Der verstand sofort. Leise schlich er sich von hinten an den zeternden Zayn an und gab ihm einen Schubs. Zayn schrie entsetzt auf, verlor das Gleichgewicht und landete im seichten Wasser. Im ersten Moment zog er scharf Luft ein, dann aber seufzte er wohlig.
„Das tut echt gut", brummte er zufrieden und watete weiter ins tiefe Wasser.
Ich nickte.
„Glaub mir halt mal was"
Ich sah mich um. Wo zum Teufel war Harry hin? Während ich mich noch fragte, wie sich jemand in Luft auflösen konnte, wurde ich hochgehoben und über die Schulter geworfen.
„Harry, nein! Nicht schon wieder! Das Thema hatten wir doch schon mal!" Ich trommelte mit meinen Händen auf seinen Rücken.
„Lass mich runter, du Affe!"
Aber Harry ging mit mir nur noch tiefer ins Wasser. Da verlor er plötzlich den Boden unter den Füßen und tauchte mit mir unter Wasser. Ich strampelte wie wild, bis ich wieder an die Luft kam.

***

*POV Harry*

Wieso ist hier bitte auf einmal der Boden weg? Gerade ging ich noch mit einer schimpfenden Flo durchs seichte Wasser, schon habe ich keinen Halt mehr unter den Füßen und tauche unter. Ich spürte, wie Flo Wasser trat und machte es ihr nach. Prustend kam ich an die Wasseroberfläche und schnappte nach Luft. Auch Flos Kopf erschien neben mir.
Sofort fing sie an zu schimpfen: „Das ist nicht lustig! Ich hasse es, wenn man mich gegen meinen Willen ins Wasser schleppt und-"
Um ihren Redefluss zu stoppen drückte ich sie einfach unter Wasser. Ich grinste zufrieden, als ich spürte, wie mich etwas an den Beinen packte und unter Wasser zog. Vor Schreck schluckte ich literweise Wasser und kam hustend an die Oberfläche, wo mich eine lachende Flo empfing. Na warte. Ich stürzte mich auf sie, aber Flo tauchte einfach weg. Ich hinterher. Wieder wollte sie entkommen, aber ich hielt sie am Arm fest und zog sie ins seichtere Gewässer. Endlich spürte ich den Boden unter meinen Füßen. Ich sah mich kurz um. Zayn schwamm ein Stück weit draußen und sang lauthals vor sich hin. Dann warf ich einen Blick an den Strand. Ich entdeckte die restlichen Jungs, die gerade am Campingplatz ankamen. Sie erblickten Flo und mich und ich konnte sie grinsen sehen. Louis reckte die Daumen in die Luft.
Idiot. Ich wandte mich wieder Flo zu. Sie versuchte sich aus meinem Griff zu befreien, aber ich zog sie einfach zu mir und schlang meinen anderen Arm um ihre Hüfte. Jetzt hatte sie keine Chance mehr mir zu entkommen. Ich spürte ihren Herzschlag an meiner Brust und sah Flo an. Sie versuchte mich böse anzugucken, musste aber grinsen. Wir guckten uns einfach nur an. Ich sah in ihre grauen Augen und merkte, wie mir heiß wurde.
„Flo?"
„Hmm?"
„Ich... ich wollte dich fragen... ", stammelte ich wie ein Idiot.
Flo sah mich erwartungsvoll an.
„Ich wollte dich fragen, ob... Also, ich wollte dich was fragen"
Super, Harry, noch intelligenter ging's nicht, oder?
„Frag halt einfach, Harry", grinste Flo.
„Ok, also, ich wollte wissen... was mit deinem Vater ist" Warte, was?
„Was?!" Flo wich zurück.
„Ähm, naja, ich wollte eigentlich wissen, was mit ihm passiert ist und wieso du Billy Connolly nicht leiden kannst..."
Flos Miene wurde mit einem Mal undurchdringlich. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden. „Ist das alles, was du mir sagen willst?", fragte sie kalt.
„Ja...?", stammelte ich.
„Gut"
Flo nickte und befreite sich aus meiner Umklammerung.
„Dann sag ich dir mal was: Das geht dich gar nichts an, klar? Hör endlich auf, in meinem Privatleben rumzuschnüffeln! Mein Leben hat dich 'nen Scheiß zu interessieren, kapiert? Frag deine blöden Groupies nach ihren Körpchen-Größen, aber lass mich endlich in Frieden!"
Der Ton ihrer Stimme ließ mich zusammenzucken. Ich nickte langsam. Flo sah mich noch einen Moment an und ich konnte Enttäuschung in ihren Augen aufblitzen sehen. Dann drehte sie sich um, watete an Land und verschwand im Klohäuschen. Ich stand etwas hilflos im Wasser, bis Zayn zu mir geschwommen kam.
„Hey, was ist los?", fragte er. Er sah nach seinem Bad wesentlich besser aus. Die Haut hatte wieder relativ normale Farbe angenommen.
„Nichts", murmelte ich und machte, dass ich aus dem Wasser kam, das mit einem Mal eiskalt zu sein schien. Am Strand überfielen mich gleich die Jungs.
„Was hast du gesagt?", fragte Liam prüfend.
„Flo schien nicht besonders glücklich gewesen zu sein", bemerkte Niall.
Louis sah mich nur an.
Ich zuckte mit den Schultern.
Ich hatte keine Ahnung, was gerade passiert war.



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