Erster Zug

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Es war eine kühle Nacht. Aber so kühl sollte es nicht bleiben. Im Hintergrund, irgendwo in dem großem Haus, pochte die Musik.
Bass, der mich rief. Musik, die kribbelte. Die mich drängte, loszulassen, zu trinken, zu tanzen - alles zu vergessen.
Einfach wieder die Verantwortung abgeben und das Leben zu spüren. Ich wollte nichts fühlen. Keine Fragen. Kein Halt. Nur tanzen. Nur fallen.
Diese Nacht würde alles ändern. Sie roch nach Rauch, Neonlicht - und angekündigtem Chaos.

Mein bester Freund Cody rammte mich von der Seite an.
"Let's get it started!" brüllte er, vibrierte fast vor Aufregung und sprang schon im Takt der Musik. Dann wandte er sich wieder auf mich und Nick.
"Ich hab noch was schönes für uns." Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er zog eine kleine Dose aus der Jacke und öffnete sie mit nur einem Klick. Zwei Pillen lagen darin, wie Süßigkeiten. Zu unschuldig für das, was es versprach. Cody legte uns jeweils eine Pille in die Hand. Ich nahm sie - weil ich es immer tue, wenn ich nichts mehr fühlen will. Das war mein Startschuss zur Freiheit. Der Schuss, um mich fallen zu lassen.
Nick packte mich um die Schulten und zog mich mit ins Haus.
"Jetzt kann die Party beginnen", murmelte er.

Im Haus war es voller Menschen. Sie tanzten alle Körper an Körper. Der Bass vibrierte durch meinen Brustkorb wie ein zweites Herz. Cody, der schon einmal vorgerannt war, kam mit drei Mischgetränken wieder zu uns. Wir stoßten gemeinsam an. Ich kippte mir fast den halben Becher runter. Es war so eine angenehme kühle in mir.
Kurz darauf machten wir uns auch schon auf die Tanzfläche. Auch wenn ich auf Frauen stand, war Cody mein Tanzpartner. Wir tanzten eng vertraut - als wär's selbstverständlich. Wir lachten dabei. Es machte uns immer so großen Spaß. Vor allem wenn dann die anderen Mitschüler uns komisch anguckten.
Aber das ist uns vollkommen egal. Denn es ist unser leben. Wir wollen den Spaß. Also warum sollten wir uns von irgendwem bremsen lassen?
Nach einer Weile merkte ich endlich, dass die Pille wirkte. Die Musik drückte sich um mich wie warmer Nebel. Viel intensiver.
Mein Körper fühlte sich plötzlich so leicht an. In jeder Bewegung fühlte ich die Leichtigkeit.
Ich schloss die Augen, um den Moment zu genießen. Ich lauschte der Musik und ließ meinen Körper rhythmisch zur Musik gleiten.
Es fühlte sich alles so weich an. Meine Lippen waren warm. Mein Herz pochte nicht mehr schnell, es pochte tiefer. Als würde jeder Schlag unter meiner Haut greifen.
Meine Blicke wanderten um meine Umgebung rum. Mir war gerade nach Nähe.
Ich packte meine Kumpels um den Nacken und zog sie an mich ran.
"Ich schwör, ihr seid alles für mich.", murmelte ich, völlig weich im Kopf. Voller Dankbarkeit.
Denn Nick und Cody sind seid meiner Schulzeit immer an meiner Seite. Waren immer für mich da. Sie waren wie meine größeren Brüder, die ich nie hatte.
Ich ließ wieder los von ihnen, sobald ich von beiden jeweils einen kurzen Kuss auf die Schläfe bekommen habe. Tanzend entfernte ich mich wieder von ihnen und ging Richtung Küche. Ich wollte weitertrinken. Aber da stand sie. Und alles in mir hielt den Atem an.

Ein dunkelblondes Mädchen stand in der Küche. Allein. Eher verunsichert. Als hätte sie jemand hier abgesetzt und dann vergessen, dass sie existiert. Eigentlich würde ich es einfach weg ignorieren. Aber sie war anders.
Ich machte zwei Becher fertig. Da sie an der Arbeitsplatte angelehnt war, konnte ich das Getränk zu ihr hinschubsen. Zum Glück ist es nicht umgekippt.
Sie schaute etwas perplex zu mir rüber. Ich hob meinen Becher und prostete ihr wortlos zu und nahm dann einen Schluck. Ihr Blick war groß, wie jemand, der zu viele Gedanken hatte und keine Stimme.
Ihr blondes Haar war offen über ihren Schultern. Über ihr enges Top trug sie ein viel zu große Bluse. Ich merkte, dass sie angespannt war. Zitternde Hände.
Ihre Augen sagten mir, dass sie zu viel fühlt, aber zu wenig sagte.
Sie gab mir das Gefühl, ihr näher zu kommen.
Ich brachte ein schiefes Lächeln auf mein Gesicht.
Das Mädchen lächelte etwas unsicher und nahm dann auch einen Schluck. Einen großen Schluck. Das ließ mich leicht erstaunen.
Ich kam ihr näher. Vielleicht schon zu nah, denn unsere Arme berührten sich leicht.
"Sam", sagte ich, als ich neben ihr stand. Sie sagte nichts. Stattdessen schaute sie wieder weg.
"Alles okay?", fragte ich. Sie nickte nur zögerlich.
"Alice", kam es aus ihrem Mund raus. Ihr Stimme. Ihr Name. Es war wie ein Flüstern, das unter meine Haut kroch.
"Tschuldigung.", sie fing an zu lachen. Aber eher aus Scham.
"Meine beste Freundin hat mich nur mit hierher geschliffen und hat mich jetzt ganz allein gelassen." Sie nahm nochmal einen großen Schluck. Ich glaubte, sie nahm das Getränk auch als Fluchtweg. Weg von der ganzen Verantwortung. Sie wollte auch frei sein.
"Wenn du magst, kann ich dich etwas unterhalten." Ich stupste mit meiner Schulter leicht ihre an. Wir schauten uns kurz lächelnd in die Augen. Einen Moment lang war da nur sie - und nichts anderes.
Alice war noch immer schüchtern, weshalb sie ihren Blick schnell wieder von mir abwendete.
Ich nahm ihre Hand ohne zu fragen - ich wollte, dass sie mich spürt. Zog sie mit auf die Tanzfläche. Zog sie mit in mein Chaos.

Dank der Pille konnte ich mich frei bewegen. Und auch sie war so angetrunken, dass sie sich mittlerweile etwas freier fühlte. Wir kamen uns näher. Und näher. Es war kein Tanzen mehr. Es war mehr. Als würden unsere Körper flüstern, was unsere Münder nicht schafften. Ein körperliches Gespräch. Ein Flirt in Bewegung.
Ich gewann nochmal kurz Abstand, um uns frei tanzen zu lassen. Ich vermisste sofort das Gefühl. Das Gefühl sie zu spüren. Und doch war dieses Gefühl nicht gut genug. Ich wollte mehr. Ich sah im Augenwinkel wie Cody und Nick grinsend im Hintergrund tanzen. Als ich zu denen schaute, merkte ich, dass Nick leicht den Kopf schüttelte. Und ich wusste sofort warum. Ich wusste, dass ich Tara damit zerstören würde. Aber für einen Moment war mir sogar das egal.
Cody zwinkerte mir zu.
Ich wusste, wenn ich jetzt diesen einen Schritt wagte, dann wäre mein Leben ein völliges Chaos. Aber ich wollte gerade diesen Adrenalin. Ich wollte wieder fühlen. Etwas Echtes spüren.
Ich näherte mich wieder Alice. Meine Hände glitten über ihre Taille. Mein Gesicht vergrub sich sanft in ihren Haaren und ihre Hüfte spürte ich gegen meine.  Sie kam nicht zu mir - aber sie wich mir auch nicht mehr aus. Sie ließ es zu. Nicht passiv. Nicht willenlos. Sie wirkte neugierig und offen. Das machte mich wahnsinnig.
Meine Lippen berührten ihren Nacken. Gaben ihr sanfte Küsse. Sie wollte.
"Komm mit mir mit", sagte ich. Es war keine Bitte.

Mir war nun alles egal. Ich wollte sie. Es pochte in mir überall.
Somit zog ich sie mit. Wir fanden einen Raum für uns allein. Es war wie ein Gästezimmer. Gut, dass sich hier noch keiner verirrt hatte.
Ich drückte Alice Richtung Bett, schloss die Tür - und sah sie an. Wie sie etwas verunsichert vor dem Bett stand. Die Bluse leicht von ihrer Schulter gefallen ist. Der Raum war dunkel und nur das leichte Licht des Mondes schimmerte durch die Fenster. Es war schon fast wie ein Verbrechen.
Ich kam näher auf sie zu. Nahm sie an der Hüfte und zog sie näher an mich ran. Wir waren uns so nah. Meine Finger berührten ihre Wangen. Sie zitterte. Aber nicht aus Angst. Sondern, weil sie spürte, was ich spürte.
Tatsächlich war ich etwas verunsichert. Doch zwischen uns knisterte es.
Ich schaute ihr etwas lang in die Augen, bis wir uns so nah waren, dass sich unsere Lippen berührten. Nicht zaghaft. Nicht höflich. Sondern wie zwei, die sich nicht erklären wollten. Es wurde wilder. Offener.
Etwas überrascht, merkte ich, wie Alice mein Top hochzog. Ich hob meine Arme, um ihr zu helfen. Danach zog ich ihre Bluse aus. Erst jetzt sah ich, was sie für eine schöne Figur hatte. Ich zog noch ihr Top aus. Langsam. Sie hob die Arme, als würde sie sich ergeben - mir, der Nacht, sich selbst.
Mir erschienen ihre schön geformten Brüste. Ich strich über sie, langsam, fast ehrfürchtig. Ihre Haut war so weich. Meine Lippen fühlten die Haut ebenfalls. Und sie genoss es sichtlich. Wir ließen uns ins Bett fallen und versanken darin.
Unsere Haut traf sich. Es war so heiß. Meine Hände wanderten über ihren Körper. Und ihre Reaktionen ließen mich führen.
Wir versanken. In den Bewegungen, die instiktiv waren. In Lauten, die keiner von uns verstand. In Momenten, in denen ich vergaß. Wir spürten uns. Intensiver als ich es je ahnen konnte. Mehr als ich jemals gespürt hatte.
Ihr Körper war so weich. Meine Berührungen waren anfangs etwas zaghaft, doch dann immer sicherer. Ihr heißer Atem war an meinem Ohr zu spüren. Ich spürte sie. Ihre Hände vergriffen sich in meinen Haaren. Und meine Lippen waren an jeder Stelle, die nach ihr schmeckte.

Es war kein Liebe machen. Es war ein Zulassen. Ein sich fallen lassen, in eine andere Haut, für einen Moment.
Ein One-Night-Stand. Aber einer, der nachklingt.
Nicht weil er besonders war. Sondern weil sie anders war.
Und ich wusste in dem Moment, dass ich das nie so geplant hatte. Und trotzdem alles davon wollte.

Wir waren mehr als ein FehlerWhere stories live. Discover now