Hexagramm - Phönixruf

By Aquamarin2

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Dreizehn Nymphen, dreizehn Flüche. Sieben Horkruxe, drei zerstörte. Tahnea ist besiegt, Patricias Fluch ist g... More

Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Information
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Epilog
Informationen

Kapitel 27

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By Aquamarin2

Der Schnee knirschte unter meinen Winterstiefeln, während ich mich mit wild klopfenden Herz auf dem Weg zum Gebäude machte. Eigentlich sah es ziemlich nett aus. Es handelte sich um ein großes, altes, graues Steinhaus. Direkt daran war ein moderner Wintergarten gebaut worden, welcher fast bis an das Ufer des Loch Ness reichte. Im Sommer konnte man wahrscheinlich die gläsernen Seitenwände aufschieben und so eine Terrasse direkt am See erschaffen. Der Rauch, der aus dem Schornstein stieg, ließ auf ein warmes Inneres hoffen und auch das warmweiße Licht, welches das Innere erleuchtete, wirkte ziemlich einladend.
Doch egal wie einladend die Szenerie auch wirkte und wie wenig Gefahr mein Kopf an dieser Situation auch finden konnte, mein Herz schlug mir trotzdem bis zum Hals. Meine Aufregung drohte mir sogar die Luft abzuschnüren, während meine Puddingbeine mich langsam zur Eingangstür, über der ein leuchtendes Schild den Restaurantnamen verkündete, führten.
Ich erreichte das Gebäude. Noch einmal tief durchatmen, dann glitt ich durch die Eingangstür.
Obwohl das Restaurant von außen so riesig wirkte, herrschte drinnen doch eine sehr angenehme Atmosphäre. Man hatte die ehemalige Raumaufteilung, die wahrscheinlich noch aus Vorrestaurantzeiten stammte, erhalten. Zwar waren von den Türen nur noch Türrahmen übrig, trotzdem hatte dies zu Folge, dass immer nur relativ wenig Leute in einem Raum saßen und es keine so große Geräuschkulisse gab, wie in anderen Betrieben. Alles war in liebevoller Kleinarbeit dekoriert und hergerichtet worden, sodass man sich sogar ein wenig heimlich fühlen konnte.
Direkt hinter der Eingangstür fiel man auch nicht sofort in den Restaurantbereich. Man hatte Sitzecken eingerichtet, sodass man gemütlich auf Sofas und Sesseln auf seine Begleitung warten konnte. Direkt hinter der Tür wurde man allerdings erstmal von einem Mann in Kellneruniform in Empfang genommen, welcher hinter einem Pult mit dicken Buch stand. Auf den Seiten hatte man vermutlich die Reservierungen für die nächsten Tage und Wochen eingetragen.
„Guten Abend, Miss", wurde ich in diesem Moment von dem freundlich lächelnden Mann in Kellneruniform begrüßt. „Kann ich ihnen behilflich sein?"
„Nein danke. Ich sehe schon meine Begleitung", stellte ich mit einem wahrscheinlich noch viel breiteren Lächeln fest und nickte in Richtung von Finn, welcher gemütlich auf einem Sessel saß und meine Ankunft beobachtete. Ich fand es etwas unangenehm, dass der junge Mann schon wieder auf mich warten musste. Gestern war er schließlich schon von mir versetzt worden. Aus diesem Grund war ich heute auch extra fünf Minuten zu früh gekommen, damit ich dieses Mal auf ihn warten musste. Hatte nicht ganz geklappt.
Ich lief am Empfang vorbei und auf meinen – ja, was war Finn jetzt eigentlich genau? Mein Ehemann? Freund? Bekannter? Liebhaber? – auf jeden Fall lief ich auf ihn zu. Er stand von seinem Sessel auf, nur um mich in seine Arme zu schließen.
„Ich bin froh, dich endlich wieder bei mir zu haben", wurde mir zu gemurmelt.
„Tut mir leid, dass ich dich gestern versetzt habe", gab ich kleinlaut zu.
„Ach, das ist doch kein Problem. Azura und ich hatten –", Finn schien kurz nach den richtigen Worten zu suchen, „– einen interessanten und aufschlussreichen Abend."
Das war wenigstens schon mal keine Lüge. Trotzdem machte mich das Finden von Worten ziemlich nervös. Als Erstes war ihm definitiv eine andere Beschreibung des Abends in den Sinn gekommen.
Für Finn schien das Thema mit diesen Worten allerdings abgehakt zu sein. Er drückte mir einen kurzen Kuss auf die Lippen, strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, bevor er mit einem Blick zum Empfangskellner meinte: „Wollen wir mal deinen Wintermantel loswerden und uns dann zu unserem Tisch führen lassen?"
Ich nickte nur stumm, noch etwas unsicher, ob ich es nun zulassen sollte, dass Finn vom Thema ablenkte oder nicht. Ich konnte es beim besten Willen nicht einschätzen, ob er einfach nicht sauer war und Azuras Ausrede von gestern ihm ausreichte oder ob er einfach nur keinen Streit anfangen wollte.
Meine Reaktion schien dem jungen Mann vollkommen auszureichen. Er half mir dabei, den Wintermantel auszuziehen, und übergab ihn an den Empfangskellner. Dieser hing ihn in eine angrenzende Kammer, in welcher man schon viele andere Jacken hängen sah, bevor er uns zu unserem Tisch führte. Wir wurden durch ein paar der gemütlichen Räume geführt, doch in den meisten war schon kein Platz mehr. Schließlich kamen wir beim Wintergarten an, wo tatsächlich noch direkt an den Fenstern in Richtung See ein Tisch für zwei Personen frei war.
„Ihr Tisch", wurde uns höflich mitgeteilt.
„Vielen Dank", erklärte meine Verabredung und zog auch schon für mich einen Stuhl zurück. Mich überraschte ein wenig sein Gehabe. Solche Dinge kannte ich eigentlich nur von den reinblütigen Kindern in Hogwarts, welche das perfekte Benehmen schon mit ihrer Muttermilch aufgesaugt hatten. In Amerika hatte sich Finn noch nicht die Mühe gemacht, Stühle für mich zurechtzurücken. War das ein Zeichen, dass er gestern doch Angst hatte, ich würde ihn für immer sitzenlassen? Wollte er seine Angst damit überkompensieren?
Der Empfangskellner verabschiedete sich, kaum dass wir saßen. Stattdessen kam augenblicklich ein anderer Kellner, welcher uns die Speisekarten reichte und schon einmal unsere Getränkebestellung aufnahm.
„War es wirklich in Ordnung, dass ich gestern Azura geschickt habe? Ich meine, ihr habt euch lange unterhalten, also kann es nicht ganz schrecklich gewesen sein, aber ...", hakte ich noch einmal etwas verunsichert nach.
Auf Finns Gesicht erschien ein kleines Grinsen. Anstelle sich auf die Speisekarte zu konzentrieren, legte er sie noch einmal bei Seite, griff über den Tisch nach meiner Hand und drückte sie.
„Ich gebe zu, mir ist das Herz in die Hose gerutscht, als ich gemerkt habe, dass sie an deiner Stelle gekommen ist. Aber wir haben uns lange Unterhalten, die Fronten sind geklärt und wir werden wohl auch in Zukunft gut miteinander auskommen, solange ich mich benehme. Wenn nicht will sie mir eigenhändig das Herz herausreißen."
Jetzt musste ich auch grinsen. Ja, das hörte sich wirklich so an, als wäre der Abend so verlaufen, wie Arienne es vermutet hatte. Ihre Schwester hatte sich meinen neuen Partner vorgeknöpft, um ihn ein wenig auf den Zahn zu fühlen und ihn zu bedrohen.
„Das höre ich gerne. Und ich bin froh, dass du anscheinend nett genug bist, um nicht sofort getötet zu werden. Ich treffe mich sehr gerne mit dir und es ist eine sehr angenehme Ablenkung von dem Stress in meinem restlichen Leben", gab ich zu. Meine Gedanken drifteten wieder zu den Leuten in Deutschland ab. Andromeda, der ich mit meiner Bitte gestern im übertragenen Sinne ins Gesicht geschlagen hatte. Die Mitglieder der Nymphenfamilien, die nun dort ebenfalls mehr oder weniger freiwillig lebten, während ihre Familien zu Hause um sie trauerten. Ich merkte, wie mein Lächeln leicht verrutschte. Ja, in meinem restlichen Leben gab es wirklich genug Stress.
Auch Finns Lächeln wirkte für eine kurze Zeit etwas angespannter als vorher. Er schien seine düsteren Gedanken allerdings schneller bei Seite schieben zu können. Jedenfalls drückte er meine Hand und meinte: „Hier ist eine sorgenfreie Zone. Außer du willst mir erzählen, was dich so stresst."
„Nein, eigentlich bin ich froh, mal ein paar Stunden nicht darüber nachdenken zu müssen", gab ich kleinlaut zu. Sehr zu meiner Überraschung schien es Finn kein wenig zu stören. Er nickte verständnisvoll, drückte noch einmal meine Hand, bevor sein Blick zur Speisekarte glitt.
„Die Forelle hört sich doch gut an", erklärte er gut gelaunt, als wären wir nie zu irgendwelchen unangenehmen Gesprächsthemen abgedriftet.
Ich merkte, wie ich rot anlief. Bisher hatte ich noch nicht einmal in die Speisekarte gesehen.
„Ich soll dir übrigens von Azura ausrichten, dass die Erdbeertorte sehr lecker und schokoladenfrei ist", wurde noch hinzugefügt, weshalb ich lachen musste.

Am liebsten würde ich für immer hier liegen bleiben. Gemütlich in Finns Arme gekuschelt, in seinem Bett, in seiner winzigkleinen Waldhütte. Es kam mir momentan wie der schönste und sicherste Ort vor. Wenn man aus den Fenstern sah, konnte man nichts als die unberührte Natur sehen. Als wir gestern Abend hier noch auf dem Sofa gesessen hatten, konnten wir tatsächlich ein paar Tiere im Unterholz sehen.
Doch so gerne ich auch unter der warmen Decke liegenbleiben würde, ich konnte es nicht. Es war mal wieder Zeit, in mein eigentliches Leben zurückzukehren. Meine Auszeit bei Finn musste enden, wenn ich nicht die Arbeit der letzten Monate zerstören wollte. Daher löste ich mich widerwillig von dem jungen Mann, schälte mich aus der Decke und fischte meine Kleidung vom Boden, wo wir sie bei unserem Weg vom Sofa hierher verstreut hatten. Oben, wo das Bett stand, fand ich zumindest meine Unterwäsche und meine Hose, während mein Pullover unten an der steilen Treppe zu dieser Ebene lag.
Nach einem kurzen Abstecher in das winzige Badezimmer der Hütte – alleine konnte man sich dort drinnen so gerade drehen und wenden – war ich bereit für meinen Aufbruch. Ich ging zu der winzigen Küchenzeile. Waschbecken, Minikühlschrank und ein Zweiplattenkocher fanden hier so gerade Platz. Ich zog eine der zwei Schubladen auf, um nachzusehen, ob ich dort drin Papier fand. Eigentlich wollte ich mich nicht einfach aus dem Staub machen, ohne eine Botschaft dagelassen zu haben. Hier fand sich allerdings nur Besteck. Nicht wirklich überraschend.
Ich wandte mich gerade der zweiten Schublade zu, als man oben im Schlafbereich ein Geräusch hört. Im nächsten Moment sah ich auch schon Finn, welcher sich auf meine Seite des Bettes – die an der kannte der Ebene – gelegt hatte, sodass ich ihn nun sehen konnte. Der junge Mann grinste mich schief an.
„Was suchst du?", fragte er mich neugierig.
„Ein Zettel und Stift, damit ich dir eine Nachricht schreiben kann, bevor ich wieder zur Schule aufbreche. Ich wollte nicht gehen, ohne mich verabschiedet zu haben, und wecken wollte ich dich auch nicht", gab ich kleinlaut zu. Erst jetzt fiel mir auf, wie unhöflich es eigentlich war, hier wild Schubladen zu durchsuchen. Nicht die feine englische Art.
„Zum Glück bin ich aufgewacht, sodass ich noch einen Abschiedskuss abgreifen kann"; meinte der junge Mann breit grinsend. Er kam aus dem Bett geklettert und lief gebückt die zwei Schritte bis zur steilen Treppe. Die Ebene, auf der das Bett stand, war ziemlich niedrig, sodass man dort eher herumkrabbeln als laufen musste. Sie war eigentlich nur eine Zwischendecke über den Wohnbereich dieser vielleicht zwanzig quadratmetergroßen Hütte.
„Ein Abschiedskuss hört sich gut an", gab ich zu und ließ mich bereitwillig an Finn ziehen, um noch einmal meine Lippen auf seine zu pressen.
„Und wenn du das nächste Mal hier bist, Stift und Papier sind in der anderen Küchenschublade." Finn zog die besagte Schublade auf und es kam eine ziemlich chaotische Schublade zum Vorschein. Anscheinend hatte der junge Mann dort alle seine Unterlagen untergebracht. Unter anderem der Mietvertrag für diese Hütte und der Kaufvertrag von seinem Auto. Allerdings lagen dort auch Kugelschreiber und ein paar leere Zettelchen herum.
„Dann habe ich ja keine Ausrede mehr, um beim nächsten Mal deine Schubladen zu durchwühlen", scherzte ich.
„Dafür braucht meine Ehefrau keine Ausrede", wurde mir zugeflüstert, weshalb ich rot anlief. Mir wurde noch ein Kuss auf die Stirn gedrückt. Kurz schien Finn auch noch etwas sagen zu wollen, doch dann lächelte er einfach nur glücklich.
„Ich gehe dann jetzt mal", erklärte ich. „Bis bald."
„Du bist hier jederzeit willkommen, um ein wenig abzuschalten", wurde mir versichert. Tatsächlich griff Finn im nächsten Moment auch schon in die Schublade mit den Zetteln. Unter dem Mietvertrag der Hütte zog er einen Schlüssel hervor, der genauso wie der Haustürschlüssel von hier aussah. „Damit du auch hereinkommst", wurde mir erklärt.
„Dein Zweitschlüssel", stellte ich überfordert fest.
„Dein Haustürschlüssel", verbesserte er mich.
Ich sah etwas überfordert auf das Geschenk in meiner Hand herab. Mein Haustürschlüssel. Auf der einen Seite freute ich mich sehr über dieses Geschenk. Auf der anderen Seite hatte ich noch immer die Worte im Kopf, eine Beziehung sei kein Sprint, weshalb Finn und ich uns durchaus Zeit lassen sollten. War das hier nicht genau das Gegenteil davon? Sprinteten wir gerade nicht weiter.
„Bist du dir sicher, dass du ihn mir geben willst?", fragte ich nach.
„Ich bin mir sicher."
„Findest du nicht, das geht alles sehr schnell?"
„Geht es, aber ... darauf kommt es doch nicht an. Wir müssen uns beide wohl mit dem Tempo fühlen. Wenn dir das mit dem Schlüssel zu früh ist, behalte ich ihn, wenn nicht, nimm ihn mit."
Ich sah noch einmal auf das Geschenk herab und dann zu den Wänden, wo man Fotos von Finns und meiner Zeit in Amerika sah. Wir beide ständig mit einem so verdammt glücklichen Lächeln im Gesicht. Eigentlich war es doch egal, wenn wir gerade im Schnelldurchlauf eine Beziehung durchlebten. Mir blieben sowieso keine fünf Monate mehr. Warum also noch irgendetwas aufschieben? Warum sich an irgendwelche gesellschaftlichen Ideen halten, man könne erst ab x-Monaten Beziehung den anderen den Schlüssel anvertrauen.
„Ich kann dir leider keinen geben, um jederzeit zu mir ins Internat zu kommen", stellte ich fest und umschloss mit meiner Hand das Geschenk.

Zufrieden betrachtete ich den Schlüssel zu Finns Hütte. Obwohl ich wieder in Hogwarts an meinem Schreibtisch saß, hatte ich ihn nicht weggeräumt. Genauso wenig wie meinen Ehering, der noch immer an meiner linken Hand steckte. Ich wusste, es war riskant, die Sachen nicht sofort wieder in das Geheimversteck zu legen, damit niemand sie jemals bei mir finden würde. Jetzt gerade beruhigt es mich allerdings irgendwie, immer wieder zu den beiden Gegenständen zu blicken, während ich mal wieder versuchte, herauszufinden, was nun die letzten Horkruxe waren und wie ich an sie kam oder wo sich der Siegelring von Voldemort befand.
Bei beiden war ich nicht wirklich erfolgreich. Ich hatte noch immer keine Ahnung, was die letzten Horkruxe sein konnten. Das Tagebuch, der Goldring seines Großvaters, Ravenclaws Diadem, Slytherins Medaillon und Hufflepuffs Trinkpokal bildeten fünf Horkruxe und somit fünf der acht Köpfe des Zerberus. Jedenfalls wenn wir die Prophezeiung richtig entschlüsselt hatten. Ein Kopf war Voldemort selbst, doch damit fehlten noch immer zwei weitere Köpfe, die abgeschlagen werden mussten. Zwei Horkruxe, die Harry finden musste. Die Gerüchteküche ließ aber darauf schließen, dass er bisher auch nicht wirklich erfolgreich gewesen ist.
Natürlich, er hatte das Medaillon von Slytherin an sich bringen können. Beziehungsweise die Fälschung, welche ich zurückgelassen hatte. Wäre ich nicht schneller gewesen, hätte er wenigstens ein Horkrux erfolgreich aufgespürt. Beim Zerstören hätte er aber wahrscheinlich wieder versagt. Jedenfalls wüsste ich nicht, was in seinem Besitz genug Macht haben könnte, um die Dinger zu zerstören. Deshalb hatte Dumbledore Harry schließlich Gryffindors Schwert überlassen wollen.
Und auch Voldemorts Siegelring war nicht aufgetaucht. Draco und Adina hatten während der Weihnachtsferien danach Ausschau gehalten. Narzissa hatte sogar ihren Hals riskiert und heimlich in dem Zimmer der Hadesnymphe danach gesucht. Alles ohne Erfolg. Wir traten einfach auf der Stelle. Wenigstens hatte ich beim Siegelring noch die Hoffnung, er würde bei einer der anderen Nymphen auftauchen, sobald die Magie aufgeteilt war. Bei den Horkruxe würde diese Taktik kaum funktionieren.
In diesem Moment klopfte es an der Tür meiner Wohnung. Instinktiv versteckte ich den Ring und den Schlüssel zusammen mit ein paar der Unterlagen in einer Schreibtischschublade. Kein besonders gutes Versteck, aber falls jemand hereinkommen würde, würden die Sachen wenigstens nicht offen herumliegen. Und die Schublade durchwühlen, würde auch niemand, wenn ich daneben stand.
Ich ging in den Flur, um meinen Besucher hereinzulassen. Sehr zu meiner Verwunderung stand Snape davor. Seit meiner Rückkehr hatten wir nicht mehr offen miteinander reden können. Ich war zu sehr in die Planung der Entführungen eingespannt gewesen. Wenn wir uns sahen, dann immer unter Aufsicht von anderen Todessern.
„Wie komme ich denn zu dieser Ehre?", fragte ich neugierig und machte einen Schritt bei Seite, um den Schulleiter in die Wohnung zu lassen.
„Ich würde gerne mit ihnen darüber reden, was sie während ihres Urlaubs verpasst haben", stellte der Schulleiter fest, während er auch schon ganz selbstverständlich in mein Arbeitszimmer lief. Vermutlich wollte er auch wissen, woran ich gerade arbeitete.
„Adina hat mir schon mitgeteilt, dass Harry fast und Luna Lovegood geschnappt wurde. Ersterer braucht meine Hilfe also offensichtlich gerade nicht und Letztere ... na ja, die Kosten-Nutzen-Rechnung ist nicht auf ihrer Seite." Mir schnürte sich der Hals zu, als ich es laut aussprach. Die zu mir immer nette Ravenclaw saß gefangen in einem kalten Kellerverlies, wurde wahrscheinlich sogar regelmäßig gefoltert und ich ließ es geschehen, weil ihr Rettung mir nichts brachte. Ich war wirklich tief gesunken.
„Dumbledore – sein Gemälde – er befahl mir, das Schwert an Harry zu übergeben. Dank Phineas Nigellus Black wusste ich, wo sie sich zu diesem Zeitpunkt aufhielten, und konnte eine anonyme Übergabe vornehmen."
Ich sah überrascht zu dem Schulleiter. Harry hatte also doch endlich eine Möglichkeit, Horkruxe zu zerstören. Er konnte das Schwert für diese Aufgabe nutzen. Jetzt musste ihn nur noch jemand auf die Spur von den Dingern führen. Von dem in Gringotts wusste er schließlich wahrscheinlich auch noch nichts.
„Das ist gut, Professor. Das Schwert wird Harry bei seiner Aufgabe helfen", stellte ich zufrieden fest.
„Weil er damit Horkruxe zerstören kann?", fragte mich der Schulleiter, weshalb ich etwas überrascht zu ihm sah. Eigentlich hatte dieses Thema nie an die große Glocke gehangen werden sollen. Es überraschte mich, dass Snape von Dumbledore offensichtlich eingeweiht worden war.
„Ich wusste nicht, dass sie eingeweiht sind. Ich ging davon aus, nur Harry und ich wüssten von ihnen", gestand ich, zog aber meine Schreibtischschublade wieder auf. Den Schlüssel und den Ring ließ ich dort drin, zog aber meine Unterlagen für die Horkruxsuche wieder heraus.
„Wir gehen davon aus, dass unser Lord sieben Horkruxe erschaffen hat. Es gibt daher acht Seelenteile zu zerstören. Vier sind es, obwohl Harry bisher nur von zwei sicher weiß. Das Medaillon von Slytherin und das Diadem von Ravenclaw habe ich beseitigt. Ich weiß noch von einem Fünften, dem Kelch von Hufflepuff. Aktuell befindet er sich in Bellatrix Lestranges Verlies. Es fehlen also noch zwei Horkruxe", breitete ich mein Wissen vor dem Schulleiter aus, welcher mir interessiert zuhörte. Seinem Blick nach zu urteilen, hatte er von all dem bisher noch nicht gewusst. Er sah sogar einmal kurz auf den Zettel mit Horkruxen, um herauszufinden, was beiden Zerstörten waren. Dumbledore hatte ihn wohl doch eher oberflächlich eingeweiht.
„Wie ich feststellen muss, hat Dumbledore sein Wissen wohl auch mit ihnen nicht ganz geteilt, Ms Black. Er bat mich, Mr Potter etwas über einen weiteren Horkrux mitzuteilen, wenn die Zeit gekommen ist. Es soll eine Zeit kommen, in welcher der Lord Nagini bei sich behält. Wenn es so weit ist, soll Mr Potter erfahren, dass sich beim Angriff auf die Potters ein Seelenstück von dem Lord gelöst und an ihn geklammert hat. Mr Potter ist ein Horkrux, weshalb er sich töten lassen muss. Vom Lord höchstpersönlich."
Automatisch musste ich an das Gespräch denken, welches ich vor ein paar Jahren mit Dumbledore geführt hatte. Über den Zauber, der durch Lily Potters Opfer erschaffen wurde. Den Schutz von Harry. Hatte er damals schon gewusst, dass es nicht nur eine Option war, den Gryffindor einfach Voldemorts Todesfluch auszusetzen, weil er eh unsterblich war? Hatte er gewusst, dass es notwendig war? Aber warum hatte er es mir nicht gesagt? Natürlich hatte ich nach dieser Mitteilung nicht mehr viel Zeit drauf verschwendet, Harry nach dem Zauber am Leben zu halten. Die anderen Anwesenden waren wichtiger. Trotzdem war es eine wichtige Information.
Und warum sollte eine Zeit kommen, in der die Hadesnymphe seine Schlange bei sich behielt. Das machte überhaupt keinen Sinn, außer ... Nagini wäre ein Horkrux, welcher beschützt werden musste, wenn die anderen zerstört worden wären. So wie bisher Voldemort mit Harry umgesprungen war, wusste er wahrscheinlich nichts von dem Seelenstück in ihm. Wenn er herausfinden würde, was passiert war, würde er sicherlich die vermeintlich letzten beiden beschützen wollen. Den Kelch und die Schlange.
Ich musste breit grinsen. Ich wusste jetzt, was die sieben Horkruxe waren. Natürlich, drei mussten noch zerstört werden, aber somit war ich schon fast an meinem Ziel. Den Harry-Horkrux würden wir beim Zauber zerstören, also mussten nur noch Nagini und der Hufflepuff-Kelch zerstört werden, ohne dass man es mit mir in Verbindung brachte.
Jetzt gerade würde ich nur zu gerne Harry erreichen können, um ihn zu einem Einbruch bei Gringotts anzustiften. Ich rechnete ihm zwar keine Riesenchancen aus, von dort wieder zu entkommen, doch das musste er ja auch nicht. Sobald dem dunklen Lord klar war, dass seine Horkruxe zerstört waren, würde er wahrscheinlich wirklich Nagini bei sich behalten. Also konnte man sie relativ einfach nach dem Zauber töten. So konnte ich allerdings nur warten und hoffen, dass Harry mal wieder auftauchen würde. Aber wenigstens hätte ich eine gute Nachricht, die ich Deutschland verkünden konnte.
„Eine Schreibtischschublade ist ein schlechtes Versteck für einen Ring und einen Schlüssel von ihrem neuen Lover, Ms Black", stellte in diesem Moment Snape trocken fest, so als hätten wir uns gerade noch über das Wetter unterhalten.
Ich fragte mich, woher der Schulleiter von Finn wusste. Bisher hatte ich ihm noch nicht von meiner neuen Bekanntschaft berichtet. Wie gesagt, wir waren nie unter uns gewesen und selbst wenn, der Lehrer gehörte nicht zu den Leuten, mit denen ich mich über mein Liebesleben beriet.
„Ms Malfoy redet nicht nur mit ihnen", fügte der Schulleiter noch hinzu, als er meinen verwirrten Blick bemerkte.
Ich verdrehte die Augen. Was für eine kleine Klatschtante.


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