Was für eine Rolle spielt das Alter, wenn man dem Tod gegenüber steht?
Das Fieber. Es hatte mich geholt, obwohl ich noch nicht bereit für das Ende meiner Tage gewesen war. Ich wollte, es wäre anders. Als wäre der Tod genau das, was wir uns unter ihm vorstellen: Eine finstere Gestalt, die mit bloßen Händen oder einer mannslangen Sense nach uns schlägt, und der man ausweichen kann, so wie man seinen Mitmenschen auszuweichen vermag. Oder wenn man einen fairen Kampf gegen ihn bestreiten könnte, denn dann hätte ich zumindest das getan, worauf ich mich verstand – und hätte eine Chance auf Leben in meinen Händen gehalten.
Doch die Wahrheit war und ist noch immer: Der Tod schert sich nicht um deine persönlichen Ziele. Der Tod schleicht durch die Nacht und stampft durch den Tag. Er summt am leisesten, wenn die Krieger brüllend Furchen ins Schlachtfeld schlagen, und krächzt am lautesten, wenn die Unschuldigen flüstern und schlummern.
Ich war nicht unschuldig, aber ich war auch kein Monster. Ich war auf dem Weg nach Walhalla.
Doch nun stand ich in Hel. Die Schlange, in der ich seit nun mehr als Hundert Jahren feststeckte, war noch länger als alle Geschichten über die Midgardschlange zusammengenommen. Miðgarðsormr – haben mir meine Eltern und die Ältesten unseres Fischerdorfes erzählt – ist eine Schlange, die für Ebbe und Flut an unseren Küsten sorgt und so lang ist, dass sie einmal die Welt umrunden und sich in ihr eigenes Schwanzende beißen kann. Ich kam mir jedoch so vor, als umrundete ich diese blutrot finstere, grausteinige Landschaft vor dem Reich von Hel nun schon zum dritten Mal.
Diese Lande waren riesig. Mindestens dreimal so umfangreich wie Midgard – und jede Ecke sah gleich aus. Abgesehen von den Schluchten und Bergen, an denen ich bisher vorbeigekommen war. Nichtsdestotrotz sah alles so aus, als hätte ich es schon ein paar Mal gesehen und vergessen, nur um mich Hundert Jahre später wieder daran zu erinnern und mich zu fragen, ob ich diese auffällige Steinkonstruktion nicht schon einmal gesehen hatte. Sie sähe so vertraut aus.
Mein Erbe lag in Walhalla. Dennoch war ich im Krankenbett gestorben, anstatt mir das Recht aller neun Welten zu nehmen, mir meinen Platz in der Halle der Krieger zu erkämpfen und mit Odin an seiner Tafel zu speisen und zu trinken. Der Schlaf war so plötzlich gekommen, dass ich nicht mehr in der Lage gewesen war, aufzustehen und aufs Schlachtfeld zu rennen.
Der Strohtod.
Das war mein Schicksal.
Und die Schlange hinter mir wurde von Tag zu Tag länger.
Wann wir wohl in unser eigenes Schwanzende beißen würden? Oder taten wir das schon längst und fraßen uns gegenseitig auf?
Jeder Tag, ein Schritt. Die Tote vor mir tat einen Schritt vorwärts und ich folgte ihr, zählte und wusste, dass ich bereits einhundertdreiundvierzig (143) Tage hier wanderte. Der einhundertdreiundvierzigste Tag war der Tag, an dem ich endlich um die entscheidende Kurve einer Felsformation bog, und das Tor zu Helheim erblickte.
Mir entgleisten die Gesichtszüge. Vor mir standen noch mehrere hundert Tote, aber dank der schieren Größe des Tores, sah ich es in seiner vollen Pracht vor mir aufragen. Helas Tor war von einer solchen Dimension, dass es sich durch den nebeldurchdrungenen Rosthimmel empor hob und mich nur erahnen ließ, wie weit oben das Ende tatsächlich lag. Die Flügeltür – eine im strahlenden Silber und eine im rottenden Blau-Violett – stand einen winzigen Spalt weit offen. Gerade breit genug, um einer einzigen Person den Eintritt zu gewähren. Vor mir standen noch mindestens Fünfhundert andere Strohtote, weswegen ich mir die Zeit nahm, die beiden Türen zu betrachten.
Das Tor selbst erschien mir wie eine Gottheit.
Die linke Tür sah jung aus. Oder zumindest so, als würde sie täglich auf Hochglanz poliert und die Einkerbungen und Zeichen immer wieder von neuem nachgezogen werden. Ich erkannte bekannte Bilder aus den Geschichten der Ältesten, die uns Kindern erzählt wurden. Darauf war die Midgardschlange zu sehen, der Fenriswolf und das Ende aller Welten: Ragnarök. Mir lief es so schaurig den Rücken hinunter, dass ich erzitterte. Auf ihrer polierten Oberfläche spiegelte die Tür die Trostlosigkeit und die Glutnester in der Umgebung so klar und deutlich wider, dass ich mich an die Sonne in der Oberwelt erinnert fühlte. Wärme kam mir entgegen reflektiert und machte mich vorfreudig auf die nächsten fünfhundert Tage, die ich noch in diesem Schattenreich verbringen musste.
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Parallel: Helas Türsteher
Short StoryGibt es eine Möglichkeit, aus dem Land der Sterbenden zu entkommen? Der junge Krieger Njorth ist noch nicht ganz tot. Er wandert auf der Zwischenebene von Midgard und Helheim, bis er endlich vor Hel's Tor steht und dem unendlichen Tod entgegen blick...
