„Letztes Mal hat's besser geschmeckt", jammerte Rattenzahn.
Sie nagte an etwas Rotem, Feuchten, an dem nur noch wenige Fellfetzen davon zeugten, was es einst gewesen war. Es tropfte, als sie hineinbiss.
„Sie kommen nicht mehr so oft her wie früher...", murrte Froschträne, „nicht mehr so wie früher..."
Mit einer zersplitterten Kralle kratzte sie sich am Kopf, fand etwas, zerdrückte es zwischen den Fingerkuppen, und schob es sich zwischen die trockenen, aufgeplatzten Lippen.
Knirschend zerkaute sie es.
„Will auch was! Gib her!", krächzte eine übel riechende Stimme aus den Schatten. „Du gibst nie was ab!"
Ein knorrige Hand schnellte mit klappernden Knochenarmbändern hervor, doch Rattenzahn wich ihr schnell genug aus, und ließ ihren Kopf, so schnell und treffsicher wie eine Natter, vorschnellen. Blut spritzte auf, als sie ihre Zähne in der Haut ihres Handrückens vergrub.
Die Stimme schrie auf: „Lass los! Lass los!", und schlug auf Rattenzahns Kopf ein.
Die knurrte, und spuckte dann widerwillig die Hand aus, bevor sie sich wieder ihrer Mahlzeit zuwandte.
Froschträne kicherte, dann wandelte sich ihr Kichern in eine gesummte Melodie, die so klang, als würden zwei Felsen in einer tiefen Grotte aufeinander gerieben werden.
Sie wippte vor und zurück, während sie summte, und kaute.
Die Melodie erstarb jäh mit einem Schlag, als ein dünnes Stimmchen die Luft durchschnitt.
„Äh... Hallo?"
Es war eine junge Stimme, wie ein kleiner Grashalm auf einer Sommerwiese, jung und unschuldig und verletzlich.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen.
Mit geweiteten Augen lehnte sich Froschträne vor.
„Mein Kind, was machst du so allein an einem solchen Ort? Weißt du nicht, dass es gefährlich ist, zu so später Stunde alleine unterwegs zu sein?"
„Ich—"
Das Kind schien nicht zu wissen, was es zu sagen hatte.
„Willst du nicht ein Weilchen bei uns bleiben?", fragte Rattenzahn, „hier ist es warm, und in Gesellschaft schläft sich's doch wohler als allein."
Sie streckte ihre Hand aus, an der nur noch wenige schimmernde, rote Flecken waren.
Das Kind wich zurück, und holte dann aus einer Tasche ein Glas hervor. Verwundert beäugten die drei den Inhalt. In der trüblich-gelben Flüssigkeit dümpelte ein großes, rundes Etwas.
War es eine Glasmurmel?
„Gib es-!", krächzte die Stimme aus den Schatten, doch Rattenzahn schlug ihr auf den Kopf, und die Stimme verstummte. Dann wandte sie sich wieder zu dem Kind, und lächelte ein vielzahniges Wolfslächeln.
„Was für eine schöne Murmel in einem schönen Glas du da doch hast! Es wäre doch schade, wenn sie zerbräche, nicht? Lass uns darauf aufpassen."
Gierig reckte sie ihre Spinnenfinger dem Glas entgegen, doch das Kind zog es zurück.
„Ich weiß, dass ihr es nicht nehmen könnt, solange ihr nicht etwas hergegeben habt.
Gebt mir die Puppe, und ich geb's euch!"
Es waren kühne Worte, doch in seiner Stimme lag Angst. Viel Angst. Die Hand mit dem Glas darin zitterte.
Froschtränes Kehle entrang ein Laut, der entweder ein resigniertes Knurren, ein nachdenkliches Brummen und ein unterdrücktes Husten war.
Dann, nach einem Augenblick der erdrückenden Stille erklang ein Wühlen und Klimpern, und ein ekliges Schmatzen, und ein kleiner Gegenstand aus dem Dunkel geflogen, begleitet von einem trotzigen Bellen.
Die Puppe landete direkt vor den Füßen des Kindes. Sie war aus Jute, gefüllt mit altem Stroh. Verfilzte Haare, Dreck und Flecken von ekelerregender Farbe hatten sie verschandelt, doch sie Lächelte immer noch ihr aufgenähtes Lächeln.
„Und jetzt gib es!", schrie die Stimme aus den Schatten.
Diesmal schlug sie niemand.
Das Kind bückte sich schnell, stopfte die Puppe in die Tasche, stellte das Glas auf den Boden, und machte dann, ohne ein zweites Mal nachzudenken, auf dem Absatz kehrt, und rannte.
Sobald es den Boden berührt hatte, stürzten sich Rattenzahn und Froschträne kreischend und johlend darauf, hatten das Kind komplett vergessen, und zerkratzten sich gegenseitig die Gesichter, nur um das kostbare Glas zu fassen zu kriegen.
Unbemerkt von den beiden machte sich indess hinter ihrem Rücken eine dritte Gestalt über etwas anderes her. Schmatzend vergrub sie ihre Zähne darin, und riss einen Fetzten heraus.
Es war rot, und feucht, und fast gar keine Fellfetzen zeugten mehr davon, was es einst gewesen war.
Und es war ihres.
KAMU SEDANG MEMBACA
Schattengeschichten
FantasiDunkle Fantasykurzgeschichte(n?) über die Dinge, die im Augenwinkel vorbeihuschen, und im Dunkeln kriechen...
