Die Luft im Herbst war kalt und frisch. An diesem Morgen wehte ein so heftiger Wind, dass er ganz außer Atem war, als er die U-Bahnhaltestelle erreichte. Er sprintete die Treppe zum Gleis hoch und erwischte gerade noch die Bahn, die in den Bahnhof einfuhr. Wie jeden Morgen drängelten sich gestresste und übermüdete Menschen durch die langsam aufgleitenden Türen ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Doch heute war anscheinend das Glück auf seiner Seite und er erwischte sogar im hinteren Teil des Waggons noch einen Sitzplatz am Fenster.
Erleichtert atmete er auf. Obwohl er heute morgen verschlafen hatte, obwohl er in aller Hektik noch seine Prüfungsunterlagen hatte zusammensuchen müssen und obwohl er gegen den Wind hatte ankämpfen müssen, hatte er seine Bahn noch bekommen und würde pünktlich zur Klausur in der Uni sein. Nervös fuhr er sich mit der Hand durch seine verschwitzten braunen Haare. Für heute hatte er sich vorgenommen, endlich das Mädchen anzusprechen, das seit Wochen mit ihm in der Bahn fuhr.
Das Mädchen.
Er seufzte leise und betrachtete die vorbeiziehenden Bäume.
Stets trug sie einen roten Anorak und ließ ihre lockigen, blonden Haare im Wind wehen. Er hatte sie bislang immer nur Röcke tragen sehen, kurze und lange in verschiedensten bunten Farben und oft tanzte oder wiegte sie sich noch zu einer unbekannten Melodie, wenn die Bahn in ihre Station einfuhr. Und dieses Lächeln... er hatte kein schöneres je gesehen, es verlieh ihr so einen Glanz und eine unglaubliche Energie, die sich auf ihn übertrug, wann immer er sie sah.
Zumindest war das bis vor ein paar Wochen noch so gewesen. Nervös biss er sich auf die Unterlippe. Seit drei Wochen war alles anders. Von einem Tag auf den anderen war sie morgens nicht mehr in der Bahn erschienen und auch in der Uni hatte er sie nicht mehr gesehen. Im ersten Moment war er verdutzt gewesen, da er sich an ihren alltäglichen Anblick gewöhnt hatte und sie noch nie morgens in der Bahn gefehlt hatte, doch er probierte zunächst, sich mit naheliegenden Gründen zufrieden zu geben. Bahn verpasst? Erkältet? Keine Lust auf die Uni?? Praktikum?? Oder ernsthaft krank???
Am Freitag dieser Woche hatte er sich solche Sorgen gemacht, dass er sich in der Klausur nicht konzentrieren konnte. Sein Blick war stets auf die vorbeiziehenden Wolken am Himmel gerichtet gewesen und am Ende der Stunde hatte er ein leeres Blatt Papier abgegeben.
Am Montag erschien sie jedoch wie immer mit dem roten Anorak in der überfüllten Bahn, wenngleich nicht mehr mit diesem unglaublichen Lächeln. Das kommt wieder, hatte er gedacht und sein stolperndes Herz hatte erleichtert wieder in seinen Takt gefunden. Die ganze Woche war er auf Wolken geschwebt, unendlich erleichtert über ihre tägliche Erscheinung, und hatte von ihrem verlorenen Lächeln abgesehen. Das kommt wieder, hatte er gedacht.
Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als die Bahn ruckartig bremste. Einige Menschen schrieen erschrocken auf, wurden durcheinander geschubst, andere sahen genervt auf ihre Uhren und stöhnten laut vernehmlich. Er selber sah sich die Menschen im Abteil an. Ein weiterer Ruck fuhr durch alle Körper. Die Bahn stand still. Er hörte die Leute tuscheln und murmeln, spekulieren, warum die Technik schon wieder schlappmachte, hörte Beschwerden über verpasste Meetings und unangenehme Geschäftsführer.
Die Bahn hatte kurz vor der nächsten Station angehalten, sah er, als er aus dem Fenster blickte. Das war die Station, in der sie immer einstieg. Ein Kribbeln fuhr durch seinen ganzen Körper und er musste grinsen, wofür er von dem gegenübersitzenden Fahrgast nur misstrauisch beäugt wurde.
Er freute sich auf ihren Anblick. Blonde Haare, ein roter Anorak, ein bunter Rock. Und vielleicht war es wieder da, ihr Lächeln. Und ein Gespräch mit ihr anzufangen, dürfte wohl auch nicht so schwierig sein, schließlich verbindet gemeinsame Verärgerung über eine solche Wartezeit. Sie stand wohl an der Station, während er auf der Strecke geblieben war. Er stellte sich vor, wie sie gemeinsam den Weg zur Uni liefen und darüber lachten, fast zu spät zur Klausur gekommen zu sein, wie er vorsichtig ihre Hand in seine nahm und sie umschloss und wie sie ihn ansah....
„Sehr verehrte Fahrgäste, wir entschuldigen uns für diese Unannehmlichkeiten. Wir werden jedoch noch etwa 15 Minuten hier halten müssen, es gab einen Personenschaden. Wir bitten um Ihr Verständnis!"
Das Getuschel um ihn herum wurde lauter, Personenschaden, hieß es, was soll das denn sein? Es hat sich einer vor den Zug geworfen, erklärte jemand genervt, er komme zu spät zu seinem Termin. Also hören Sie mal, mischte sich eine harsche Frauenstimme ein, können Sie Ihren Egoismus mal zurückstecken?! Er gab ihr im Stillen recht. Er fühlte sich ein wenig bedrückt und dachte darüber nach, wie sie beide später erschrocken flüsternd über diesen Personenschaden spekulieren würden. Es war nicht das beste Thema für ein erstes Gespräch, aber definitiv ein Aufhänger.
Erneut sah er aus dem Fenster und sah die Baumwipfel im Wind wiegen und den grauen Himmel. Verdammt, er wollte doch nur ihre Hand halten und ihr in die Augen sehen. Ihre Augenfarbe kannte er immer noch nicht.
Es kam ein wenig Bewegung in die Menschenmenge, das Geschrei und Gezeter wurde lauter und plötzlich drängelten die ersten Fahrgäste nach draußen. Ein Polizist wies den Weg über die Schienen zur nahegelegenen Haltestelle. Ihre Haltestelle. Er beeilte sich nach draußen zu kommen und lief mit großen Schritten auf die Station zu. Ersatzbusse sollten den Betrieb der Bahn ausgleichen. Vielleicht könnte er mit ihr zusammen in einen Bus einsteigen und sie dann ansprechen. Genau so, das nahm er sich vor. Die Unfallstelle nahm er nur am Rande wahr, sie war von Sichtschutzwänden umgeben.
Als er die Station betrat, sah er sie nicht. Eine riesige Menschenmasse hatte sich hier gebildet und wuselte durcheinander. Die Busse waren anscheinend noch nicht angekommen. Er ärgerte sich ein wenig und ging etwas abseits der Masse an die weiße Abstandslinie und schaute auf die Schienen. Wieso musste dieser Tag denn jetzt so verdammt schief laufen? Abwesend sah er in die Ferne und stutzte. Jenseits der Gleise und vom Winde getragen sah er einen roten Anorak.
KAMU SEDANG MEMBACA
Anorak
Cerita PendekJeden Tag sieht er sie in der Bahn. Sie - das Mädchen mit den blonden, lockigen Haaren und dem umwerfenden Lächeln. An diesem Tag will er sie endlich ansprechen, doch kommt alles anders als erhofft. {trigger warning: Wenn es Dir psychisch nicht gut...
