Alaes atmete tief durch. Wie es ihn die Oberen gelehrt hatten. Unwillkürlich musste er an Zuhause denken. Wenn er dort denn noch zu Hause war. Er musste an die aus dunklem Stein gemauerte Festung, die stets in Zwielicht getaucht war denken und ihn überkam ein gefühl, dass er nicht zuordnen konnte. Irgendetwas zwischen Heimweh und Abscheu. Alaes musste an den schneidenden Wind, der durch die Ritzen zwischen den Steinen pfiff denken, an seinen Freund Nayen und...
Nein! Vynya. Ich muss an Vynya denken. Ich darf mich nicht von meinen Erinnerungen ablenken lassen.
Alaes dachte an ihr warmes Lächeln, dass allerdings selten lange anhielt. Zu stark lastete die Verantwortung auf ihnen allen.
Mithilfe der Gedanken an Vynya drängte Alaes die dunklen Erinnerungen erfolgreich von sich. Sie war sein Anker in dem Sturm, den seine Gedanken regelmäßig heraufbeschworen. Dabei waren nicht alle Erinnerungen schlecht...
Vynya, Vynya, Vynya! Erneut fokussierte Alaes seine Gedanken auf sie und straffte die Schultern.
Schließlich hatte er eine Aufgabe zu erledigen und Alaes war wild entschlossen, sie auch zu meistern.
Auf das Äußerste angespannt spähte er um die Ecke, die unmittelbar vor ihm lag. Erst jetzt wurde er sich seiner Umgebung wieder richtig bewusst. Er befand sich vor dem sagenumwobenen Meerwasserturm. Trotzig ragte der Turm in den Himmel, wo sonst kein Strauch zu wachsen wagte, geschweige denn ein richtiger Baum. Zu stark war hier der Ta'ak, der Sturm, der vom Meer her gegen die Felsen peitschte. Nur Felsen konnten hier überleben.
Also muss auch ich ein Felsen werden.
Dieser Gedanke beruhigte Alaes etwas. Felsen waren beständig und trotzten selbst den härtesten Bedingungen. Doch wie sollte er seine Gedanken soweit beherrschen können?
Alaes zwang sich, einen Schritt weiter nach vorn zu machen. In Richtung des Meerwasserturms.
Die Schatten, die nie von seiner Seite wichen, drängten Alaes weiter nach vorn. Dank der Oberen, der obersten Weisen und somit Herrscher seines Volkes, wusste Alaes, dass die Schatten seine Gedanken waren. Die Tapferen, Entschlossenen schienen im Moment die Oberhand zu haben und drängten ihn, weiter zu gehen.
Noch immer fiel er Alaes schwer, sich zu akzeptieren. Für das was er war.
Ein Sheyn Melodya. Ein Schattensänger, Schattengebieter, oder Schattenberührter. Oder eine Schattenhaut, wie seinesgleichen abfällig genannt wurden. Doch nur hinter vorgehaltener Hand, da die Manschen viel Respekt vor der Macht der Schattensänger hatten. Befahl ein Sheyn Melodya den Schatten, so mussten sie gehorchen.
Und heute musste Alaes davon das erste Mal Gebrauch machen. Hatte er zwar schon ein wenig geübt, so war dies das erste Mal, dass so viel von seiner Gabe abhing.
Alaes glitt weiter, verschleiert durch die Schatten, die ihn umfingen, als seien sie flüssig. Vorsichtig drückte er gegen die Tür des Meerwasserturms. Nichts tat sich. Alaes nahm seine gesamte Kraft zusammen und stemmte sich gegen das dunkle Holz. Langsam schwang die Tür auf. Der Laut, der dabei entstand, drang tief in den Sheyn Melodya und brachte sein Blut zu jenem Singen, zudem nur Schattenberührte fähig sind.
Still wie ein Schatten zwängte Alaes sich durch den engen Spalt. War jemand in dem Turm, so wusste er bereits von einem Eindringling. Doch fühlte Alaes sich sicherer, wenn niemand genau wusste, wo er war.
Alaes Augen mussten sich nie an die Dunkelheit gewöhnen, nur an helles Licht. Einer der Eigenschaften, die das Erbe eines Schattenberührten ausmachten.
In dem kleinen Raum, der sich vor ihm erstreckte, herrschte Zwielicht.
Der Sheyn Melodya befahl den Schatten, seine Gestalt zu verbergen.
Nun war Alaes nur noch ein Schemen unter vielen und glitt an der Wand entlang weiter in den Raum.
Ich muss unbedingt erfolgreich sein, ich darf meine Gefährten nicht enttäuschen, dachte Alaes. Dieser Gedanke trieb ihn an.
Dank der ausgeprägten Nachtsicht eines Sheyn Melodya konnte Alaes sich gut orientieren. Soweit er das beurteilen konnte, handelte es sich bei dem Raum um eine Art Schreibstube. Auf einem großen Tisch stapelten sich Papierrollen und Bücher und auch ein großes Sortiment an verschiedenen Schreibfedern und Tintenfarben fand sich. Ehrfürchtig strich Alaes über das flaumige Ende einer tiefschwarzen Rabenfeder. Er hatte sich selbst schon mit Kalligraphie beschäftigt und wusste um den Wert schriftlich festgehaltenen Wissens.
Der Sheyn Melodya musste sich beherrschen, kein Fläschchen bräunlicher Sepiatinte und keine der edlen Schreibfedern mitgehen zu lassen.
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Fantastische Kurzgeschichten
FantasyIch werfe noch einen letzten Blick auf die Karte, bevor ich die Zügel fester fasse und meinem Rappen Talnir die Sporen gebe. Ich weiß, dass ein Abenteuer vor uns liegt, also möchte ich keine Zeit mehr verlieren. Talnir gallopiert an. Ich werfe eine...
