Ich hasse es

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Eigentlich liebe ich es, dass Haus zu verlassen, um in die Natur zu gehen, frische Luft zu atmen und den Kopf frei zu kriegen. 

Nicht aber, wenn ich in meiner "Heimatstadt" bin - was zur Zeit leider Dauerzustand ist -. Auf ihr liegt einfach ein dunkler Schatten. Nicht sichtbar, aber immer da. Wenn mir die Decke dann mal wieder auf den Kopf fällt und es mich nach draußen drängt, warten dann gleich mehrere Hürden auf mich.

Die Stadt ist eher eine städtische Siedlung, das heißt sie ist groß genug um nicht jeden zu kennen, aber auch nicht klein genug um niemanden zu kennen. Die Wahrscheinlichkeit auf Bekannte bei einem Spaziergang zu treffen liegt vielleicht bei 40 %. Mir kommt es vor wie 100. Jedesmal wenn ich rausgehe, treffe ich auf Menschen, die ich nicht nur kenne sondern meistens auch nicht wirklich leiden kann. Und jedesmal der gleiche Smalltalk. "Hey na wie geht's? Was machst du?" - Da kommt die zweite Hürde. Lügen oder ehrlich sein? Das Gespräch verlängern oder verkürzen? 

Ich entscheide mich meistens für die Mischung. "Joah ging schon mal besser. Ich mache gerade nicht so viel..." - "Aha.. also mir geht's super. Wie meinst du, du machst gerade nicht viel?"

Schon total entnervt von diesen immer wiederkehrenden Fragen antworte ich dann komplett stumpf und ehrlich: "Ich bin arbeitslos - ich weiß erbärmlich. Gut ich muss weiter, wir haben uns ja sowieso nicht viel zu sagen, tschüss". Total verdutzt lasse ich - mal wieder- meine Mitmenschen links liegen. Ich hasse es. Immer wieder dieselben Fragen. Dieselben Gesichtsausdrücke, die dir weismachen wollen, dass man doch sein täglich Brot verdienen muss. Dabei wissen sie nichts. Sie wissen nicht, was in mir vorgeht, dass ich schlichtweg nicht fähig bin zu arbeiten, dass ich krank bin. Und selbst wenn ich komplett ehrlich beichte:" Mir geht es nicht gut.. Mir geht es eigentlich sogar sehr schlecht" kommt fast immer die gleiche Antwort: "Ach das wird schon wieder". 

Ich kann es nicht mehr hören. Es wird schon wieder? Es gibt dir das Gefühl nicht voll genommen zu werden.  Man wird eigentlich nur schnell abgespeist, damit der Gegenüber nicht noch in Bedrängnis kommen könnte. 4 Wörter mit denen man einem Beistand leisten will, die aber - zumindest in mir - das Gegenteil auslösen. Wären es doch wenigstens die 4 Wörter, Ich hör dir zu oder Du bist nicht allein. Aber gut. Sie wissen es nicht besser. Und das - es wird schon wieder- ist mir lieber als - Nun stell dich mal nicht so an-. Das wären ja auch 7 Wörter und die Zahl 7 mag ich nicht. 

Um diese Unannehmlichkeiten zu umgehen, meide ich den Spaziergang bei Tag und verlasse erst nachts das Haus. Da, wo alle endlich schlafen und für ca. 8 Stunden mal nicht reden. Die Straßen sind leer und ruhig. Zumindest unter der Woche. Freitag und Samstagabend trifft man dann sehr wahrscheinlich auf die "Coolen Jugendlichen", die sich so cool finden, dass sie zwei Biere auf einmal wegexen können aber paar Stunden später ein kotzendes, Häufchen Elend in einer Ecke sind. Ich verstehe die deutsche Alkoholkultur nicht. Er wird regelrecht vergöttert. Dabei zerstört er doch eigentlich mehr, als dass er gibt. 

Nachts muss man also mit pöbelnden Jugendlichen, oder anderen seltsamen Gestalten rechnen. Manche starren einen einfach nur an oder gehen still vorbei. Diese sind mir nachts die Liebsten. Da gibt es aber auch diejenigen, die dir blöde Sprüche an den Kopf hauen, oder dir hinterherlaufen und dich verfolgen. Nachts fühle ich mich beklemmt aus Angst vor den Mitmenschen. Tagsüber gestresst und genervt. 

Trotz allem ist mir die Nacht lieber. Der Mond gibt dir wenigstens nicht das Gefühl, man müsse dankbar und glücklich sein, wie die Sonne es macht. Wie sie dich anlächelt mit ihren warmen Strahlen. Ich fühle mich immer als würde sie mir weismachen wollen, dass das Leben schön sei. Ja es kann schön sein. Aber seit paar Jahren trifft das nicht mehr auf meines zu, sondern auf das der anderen - gefühlt-. Ich wünschte ich könnte mich selbst akzeptieren und nicht immer mit anderen vergleichen. Aber das ist mit das schwerste im Leben. Eines Tages vielleicht. Nur hoffentlich nicht wenn ich mit 84 am Bett gefesselt, gelangweilt die Decke anstarre.

Glück auf meine Leser. 


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⏰ Last updated: Jul 20, 2019 ⏰

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