Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Warm und doch wieder etwas unangenehm, die ersten richtigen Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren, jetzt, wo der harte Winter sich offiziell verabschiedet hatte. Nichtsdestotrotz aber, war es der richtige Anlass, sich die Hundeleine von der Hündin Fay zu schnappen, die Turnschuhe über die Füße zu streifen und eine Runde durch den angrenzenden Wald zu joggen, begleitet von der Musik, die aus ihren Kopfhörer in das Gehör langten. Leise summend, nickte die junge Frau freundlich grüßend einigen Nachbarn entgegen, lief im Gleichschritt über die Straße und überquerte eine kleine Holzbrücke, bis sie bereits die ersten hohen Tannen erreichte.
Mit dem Schwanz wedelnd, stolzierte die Rottweilerin neben ihr her, schnupperte an einigen Sträuchern und Bäumen, bellte ihre Artgenossen an oder verrichtete ihre Geschäfte. Derweil genoss die junge Frau die frischen Luftbrisen auf der Haut, roch die interessante Mischung aus Tannenholz und frischen Gras und fühlte sich schlichtweg einfach wohl in ihrer Haut.
Bis zu dem Moment, wo nicht nur ihr ein kalter Schauer sie zum halten bewegte, sondern auch Fay ein plötzlich schreckhaftes Verhalten aufwies, gar panisch wirkte und zurück weichen ließ.
Fragend beobachtete sie ihre Hündin, versuchte sie sogleich durch kleine Streicheleinheiten zu beruhigen, während sie selber darüber nachdachte, welch' komisches Gefühl sie soeben erfasst hatte. Sie spürte eine plötzliche Unruhe in ihr keimen, Nervosität baute sich im Inneren auf und beim Besten Willen, sie konnte sich nicht genau erklären warum es so war. Erst Fay, die sich unerwartet von ihr los riss und mit eingezogenem Schwanz davon stürmte, realisierte die Hundebesitzerin, das irgendwas gewaltig nicht in Ordnung war.
„Fay. .. Fay!." , rief sie ihrer Hündin alarmiert hinterher. Doch die Rottweilerin verschwand bereits zwischen dichtem Geäst und dicken Baumstämmen, den markierten Wanderweg verlassend. Sofort eilte sie ihrer Hündin hinterher, sah hin und wieder ihr schwarzes Fell in den vereinzelten Lichtkegeln im Wald aufblitzen, doch schien Fay im Moment unerreichbar, so schnell wie sie versuchte der noch unbekannten Gefahr zu entkommen. Schon recht bald, hat die junge Frau sie dann auch aus den Augen verloren, was sie Haare raufend beinahe verzweifeln ließ.
Der Wald war nicht besonders groß ... ach, Pustekuchen. Das konnte man eigentlich gar nicht als Wald bezeichnen. Ein Marsch hindurch dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Weshalb sie auch annahm, dass Fay eigentlich in ihrer Nähe sein müsste, wenn nicht sogar die dichten Baumreihen schon verlassen hatte und die kleine Lichtung betreten haben müsste, wo sie als kleine Unruhestifterin immer ihr Unwesen getrieben hatte, bis die Dämmerung angebrochen war. Tja ... . Vielleicht war sie dort. Hoffentlich.
Die junge Frau hielt sich etwas weiter rechts, stolperte über einige Zweige und nach oben heraus ragenden Wurzeln und fragte sich unmittelbar, wie sie das fast jeden Tag machen konnte, ohne mit bläulich schimmernden Schrammen und blutigen Kratzern wieder im Elternhaus zu erscheinen. Es war ihr ein Rätsel.
Genauso wie das merkwürdige Lichtspiel um sie herum, welches sie aufblicken ließ. Können umher wirrende Pollen sein, die vom einfallenden Licht angestrahlt werden. Aber die flirrende Luft war Neu. Interessiert schwenkte die Hundebesitzerin langsam ihre rechte Hand in der Luft hin und her. Es schien beinahe so, als würde sich die Hand verduplizieren, wie bei einem Kaleidoskop. Es sah witzig aus. Und doch wieder war es faszinierend mit anzusehen. Als würde man einen still vor sich liegenden See berühren und kleine Wellen die klare Oberfläche brechen lassen. .. Schluss damit. Sie muss Fay finden, wenn sie nicht will, das ihr etwas zustößt.
Die Augen wieder aus das Ziel gerichtet, legte sie die letzten Meter zurück und betrat die Fläche, wo sie damals Blumenkränze gebastelt hatte und mit einem Kescher versuchte so viele verschiedene Insekten einzufangen, wie es ihr möglich war. Und tatsächlich. Nicht einmal fünf Meter vor ihr kauerte ihre Hündin, mit herunter hängenden Ohren und gefletschten Zähnen.
„Oh Süße, da bist du ja. Du kannst doch nicht einfach davon rennen." , tadelte sie erbost, doch innerlich strömte eine Welle der Erleichterung durch ihre Adern, während sie auf Fay zuschritt. Die Hundebesitzerin wollte gerade ihre Hand nach ihr ausstrecken, als ihr dann endlich die Haltung ihrer Hündin auffiel. Sie hielt in ihrer Bewegung inne und zuckte sogar etwas zusammen, als sie das leise Knurren vernahm, welches aber anscheinend nicht ihr galt. „Was hast du nur ... ? „ , fragte die junge Frau mehr sich selber, als das es wirklich ihrer Hündin galt. Vorsichtig berührte sie das weiche Fell, doch nicht einmal einige Sekunden später, fing sie laut an zu bellen und tobte wild. Die Hundebesitzerin hielt sich an der losgerissenen Hundeleine fest, will sie durch Worte beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Fay zog kräftig an der Leine, will sich wieder aus dem Griff befreien und am liebsten flüchten. Doch vor was und wem?
„Jetzt beruhige dich doch. Fay!" Spätestens jetzt, gehorchte ihr Rottweiler immer, wenn sie den ernsten Ton anschlug. Doch sie bewirkte nur, das Fay ihr plötzlich entgegen sprang, sie unerwartet zu Boden riss und davon brauste, als die junge Frau die Leine aus Überraschung ein weiteres Mal los ließ. Auf den Boden hockend, blickte sie ihr hinterher und konnte nur zuschauen, wie sie aus ihrem Blickfeld verschwand. „Was soll denn das?" , nuschelte sie nun doch etwas genervter und konnte sich beim Besten Willen nicht erklären, was Fay für ein Problem hatte. Nervös blieb sie auf dem bemoosten Boden liegen und zupfte nachdenkend einige Grashalme heraus, die sie daraufhin zur Seite warf und von vorne begann. In der natürlichen Stille, fiel ihr dann auf, dass die immer vor sich hin singenden Vögel aufgehört hatten ihre Liedchen zu trällern und auch sonst war es beängstigend ruhig geworden. Nur ein gleichmäßiges Donnern, welches immer lauter zu werden schien, erweckte ihre Neugier.
Sie wusste nicht aus welcher Richtung es kam, konnte nur spekulieren, als sie dann schließlich aufstand, weil selbst der Boden begann im Takt des Donners zu vibrieren. Es fühlte sich seltsam an. Und es machte sie so langsam Unruhiger, als sie sowieso schon war. Sie sollte gehen. Und gar nicht erst auf das Donnern eingehen.
Nichtsdestotrotz wurde sie stutzig, als sie hinter sich, dicke Äste verschieben hörte und das Blätterwerk stark anfing zu rascheln. Ein gigantischer Schatten baute sich über ihr auf, ein starker Windzug zerwühlte ihre dunklen Haare, dass es sogar anfing zu kitzeln.
Also doch ein Unwetter in Anmarsch? So plötzlich? Aber es sollte doch noch das gesamte Wochenende so schön bleiben.
Die junge Frau drehte sich um, will sich die herannahende Naturgewalt anschauen, um sich zu vergewissern, dass sie vielleicht Glück hatte und sie doch nicht nass wurde
...
Doch sie erstarrte in ihrer Bewegung.
Vergessen ist ihre Hündin.
Vergessen ist das Gewitter.
Vergessen ist das Atmen.
Stattdessen konnte sie nichts anderes, als in diese hässliche, riesige Fratze starren, die sie von oben herab anstiert, wie ein ausgehungertes Tier. Die Augen dieses Unwesens sind groß, wirken gar glubschig, als würden sie gleich heraus quirlen. Zähne strahlten ihr entgegen, die über das halbe Gesicht zogen und gelblich wirkten. Gebückte, fast buckelige Haltung, kräftiger Oberkörper, schmalere Hüften. Die Rippen sprangen einen ja fast an, so dünn sah das Ding aus. Und es schien aus seiner Starre befreit zu sein, denn es bewegte seine knochigen Finger genau auf die Hundebesitzerin zu.
Träumte sie? Oder war es Wirklichkeit?
Ein schlechter Scherz?
Zögerlich setzte sie mehrere Schritte zurück, wollte vor der sich nähernden, großen Pranke flüchten, davon rennen. Aber sie blieb steif. Ihre Glieder bewegten sich nicht. Sie wollten es nicht. Erst ein surrendes Geräusch, dann ein Zischen und kräftiges Aufstöhnen verlieh ihr die Fähigkeit des Blinzelns zurück. Blut spritzte aus allen erdenklichen Richtungen, ein lautes Grollen, ein Schrei, entkam den gigantischem Wesen vor ihr gepeinigt, ehe es Augen rollend zur Seite kippte und Dampf rauchend im Gras liegen blieb. Ihr Mund blieb geöffnet, die Augen weit aufgerissen, starrte die Hundebesitzerin auf die Leiche vor ihr und konnte immer noch nicht wahrhaben, was soeben passiert war. Was war das?
Ein Albtraum?
Ja, offensichtlich musste es das sein.
„Tch." , hörte sie dann jemanden sagen und sie blickte in Zeitlupe auf einen Mann, der nicht minder so groß war, wie sie selber. Vielleicht sogar ein Stück kleiner. Er sah angeekelt aus, wenn nicht sogar genervt oder wütend. Und er wischte offenbar ein langes, Schwert ähnliches Metallstück mit einem Tuch sauber, welches besudelt war mit der dunkelroten Flüssigkeit. Sie kannte ihn nicht. Wie denn auch? Also ein Fremder.
Er schien nicht den Eindruck zu erwecken, als würde ihn dieses Wesen nicht überraschen. Als sei es für ihn etwas selbstverständliches und ihn doch aufregte. Doch egal, was gerade passiert war, er hatte sie gerade gerettet, oder? Ja? Gesehen hatte sie es nicht, nur gehört. Eine riesige Hand versperrte ihr immerhin die Sicht. Sollte sie ihm danken?
„Ähm ... . „ , räusperte sich die junge Frau und versuchte ihre Gelenke zu bewegen, einen kleinen Schritt traute sie sich sogar auf ihn zuzumachen. Aber ein schneller Hieb mit der Klinge in ihre Richtung, ließ sie gleich mehrere wieder zurück taumeln. Aus einem Reflex, hob die junge Frau sogar ergebend ihre Arme und schnaufte laut ein und aus, als die Angst ihren Körper lähmte. Wollte er sie etwa auch ... töten?
„Wer bist du?"
Seine Stimme klang tief, fast rau. Und er hörte sich wütend an.
Sie sollte ihm Antworten, wenn die Hundebesitzerin keine weiteren unschönen Vorfälle erleben möchte.
„Ich bin ... Kaia Bellberry."
YOU ARE READING
Der Freiheit einen Flügelschlag entfernt
FanfictionIhre Kleidung war nicht nur anders. Auch ihr Verhalten, ihr ganzes Sein, widerte ihn an, eben weil sie die Welt betrachtete, die er nicht zu kennen vermag. Er sah zermalmte Knochen und Blut, hörte die Todesschreie derer, die das schlimme Schicksal e...
