Jahresmesse

31 7 0
                                        

Carter öffnet die schwere dunkle Holztür und tritt eilig in die dunkle Kirche. Die geschmolzenen Schneeflocken auf seinem Handy wischt er an der braunen Fleece-Jacke ab während er versucht die Tür leise hinter sich zu schließen um die Messe nicht zu stören und kläglich dabei scheitert. Seine schwarzen Vans rutschen etwas auf dem gelblichen Bodenmosaik als er sich eine nasse braune Strähne von der Stirn wischt und sich in die letzte Reihe setzt.

„Hey", flüstert er und hebt vorsichtig die Hand. Sein Blick wandert von Liliths grauen Augen zu ihrem schwarzen Kleid, dem Ausschnitt, den verschränkten Armen, der löchrigen Strumpfhose, den übereinandergeschlagenen Beinen und letztendlich den schweren nicht geschnürten Stiefeln bis er langsam die Hand senkt und den Rest seiner Freunde wahrnimmt, die alle bereits den Geruch von Weihrauch und Schimmelbefall genießen. Antonia lächelt ihn mit dem ganzen Gesicht an und deutet auf seinen Kopf und die neue Kurzhaarfrisur: „Steht dir."

Als sie lächelt, bemerkt Carter, dass sie keine Zahnspange mehr trägt. Nervös zupft sie die Ärmel ihrer himmelblauen Bluse zurecht. Hinter ihren rötlichen Locken streckt Benjamin schelmisch grinsend den Kopf hervor und reicht ihm die Hand: „Was ein gutaussehender junger Mann!"

Carter schüttelt den Kopf, doch bevor er den blonden Brillenträger in die Schulter boxen kann, räuspert sich Lilith: „Gottesdienst. Kirche. Jesus."

Er steckt das Smartphone in die Hosentasche und macht sich gerade auf der unbequemen ungepolsterten Bank. Die Schwarzhaarige wippt gereizt mit ihrem Fuß und nach nur zwei Sätzen des Pfarrers zischt sie erneut: „So eine Sauerei. Fünf Jahre ist Grams tot und kein Schwein kommt mehr zu ihrer Jahresmesse. Nur noch ein paar alte Säcke. Nicht mal ihre eigene Familie hat den Anstand aufzutauchen. Ich könnte kotzen."

Keiner gibt ihr eine Antwort. Carter würde gerne etwas erwidern, doch er wartet damit. Ein modriges Gotteshaus ist nicht der richtige Ort, um zu berichten, dass die neue Freundin dann doch nur ein Lückenfüller war, die zweite neue Bekanntschaft dann wiederum ein Ersatz für die erste und auch ein Typ hatte sich in die Liste der Löcher-im-Herzen-füllenden Gestalten eingeschlichen. Manchmal dachte er auch noch an Collin oder eher an seinen Hund, den Labradoodle Snoopy, und den Geruch von Tequila am Morgen, der ihn an Zuhause erinnerte. Das Philosphiestudium hatte er geschmissen, den Aushilfsjob bei Rewe eingetauscht gegen eine Tätowiermaschine in seinem WG-Zimmer und die ein oder andere Leinwand auf die er Farbe spritzte um sie an neureiche Immobilienmakler zu verticken, die verrückt nach Undergroundkünstlern waren. Ehe er seinen Gedankengang zu Ende bringen kann, verteilt der Pfarrer seinen Schlusssegen. Benjis Handy klingelt noch bevor der Gottesdienst beendet ist. Lilith rollt mit den Augen, sticht sich eine Zigarette zwischen die dunkelroten Lippen und stürzt nach draußen sobald der Geistliche seinen „Schäfchen" den Rücken zukehrt. Die drei anderen folgen ihr langsam aber sicher die rutschige, mit einer dünnen Schneeschicht bedeckte Marmortreppe hinunter. Carter fischt nach seinem Feuerzeug in der Hosentasche und für einen Moment ist sein Gesicht warm erleuchtet, dann brennt die Zigarette.

„Ne danke, nicht für mich. Ich hab aufgehört", verkündet der Blonde als ihm das Päckchen hingehalten wird. Auch Antonia winkt ab, was den Braunhaarigen eher weniger überrascht, doch ein Glitzern an ihrem Ringfinger erfordert seine sofortige Aufmerksamkeit und überfordert ihn noch mehr an diesem verschneiten Tag, an dem alles drunter und drüber geht. Verwirrt greift er nach ihrer Hand und zieht sie näher an sein Gesicht.

„Warte mal, Toni, warum hast du so einen teuren Stein an deiner Hand?"

Verloren blickt er sich um und das Mitleid in Liliths Blick trifft ihn tief. Sie weicht seinen fragenden Augen aus, will ihm nicht zeigen, dass ihre Welt sich auch ohne ihn weiterdreht. Plötzlich realisiert er, dass alle seine Freunde nur noch Fremde sind, Menschen die er einmal kannte und die ihr Leben ohne ihn weitergelebt haben. Er räuspert sich und blinzelt die Tränen hinweg, das Handgelenk der jungen Frau fest im Griff: „Ey, Lili, was hab ich noch alles verpasst? Hast du vielleicht auch ein komplett neues Leben ohne mich angefangen? Benji, hast du eventuell mal daran gedacht dich bei mir zu melden? Wie oft hab ich dir auf die Mailbox gesprochen? Toni, wär's überhaupt aufgefallen, wenn ich heute gar nicht gekommen wär?"

Er lässt los und dreht sich weg während er an der Zigarette zieht. Alte Menschen beobachten das Geschehen und er bläst den Rauch Richtung Himmel in den Schneeregen. Es ist ihm peinlich, dass er weint, aber die warmen Tränen sind angenehm auf seiner eiskalten, geröteten Haut.

„Carter", flüstert Lilith und wie sie in der Kälte steht, die langen schwarzen Haare voller kleiner weißer Schneeflocken, erinnert sie ihn an den ersten Abend an dem er ihr Gesicht einfach nur in seine Hände nehmen und sie küssen wollte.

„Komm, wir bringen dich nach Hause. Du siehst fertig aus", fügt Benjamin hinzu und will ihm eine Hand auf die Schulter legen, doch er weicht mit erhobenen Händen zurück.

„Nein, ist gut. Ich geh nicht dahin zurück. Ich kann meine Mutter nicht so sehen", zischt er und wischt sich mit seinem linken Ärmel über das nasse Gesicht. Carters feuchte Wangen glänzen im Licht der Straßenlaterne. Die vier jungen Erwachsenen stehen allein auf dem Dorfplatz und haben alle das gleiche Bild im Kopf.

mutterseelenalleinStories to obsess over. Discover now