Ein blaues Blinken

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Nichts. Kein Satz. Kein Wort. Mir fiel nichts ein. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Ich sah den Stift, den Stift in meiner Hand. Ich sah die Linien, die Linien auf meinem Blatt. Doch schaffte ich es nicht meinen Stift zum Blatt zu bewegen und anzufangen. Meine Gedanken schweiften immer vom Thema ab. Jetzt konzentrier dich endlich! Los! Es hilft nicht dauerhaft daran zu denken. Es ist passiert. Es ist Geschichte. Ich sah mir mein Blatt erneut an. Nur eine Überschrift und ein Datum wurden notiert. Wie fang ich an? Wo fang ich an? Normalerweise hatte ich nie Probleme damit. Geschichte war mein Lieblingsfach. Doch trotzdem kam kein Wort zustande. "Anfänge der Freiheitsbewegungen in Amerika". Das war die Überschrift. Sklaverei war das Thema. Die ersten Versuche die Sklaverei abzuschaffen. Ich sah mir erneut den Text im Buch an. Traurig, dass die Leute, nur weil sie ihrer Zeit voraus waren, verspottet wurden. Wie schwer es sein musste für Gerechtigkeit zu kämpfen. Wie viel Trauer und Leid die Menschen ertragen mussten. Mir wurde ein bisschen schlecht. Ich hatte den ganzen Morgen nichts gegessen. Sollte ich etwas essen gehen? Momentan bin ich aber so gut dabei. Momentan bin ich im Thema. Verdammt. Ich war raus. Was soll ich tun? Ich esse, wenn ich fertig mit den Hausaufgaben bin. Also los! Konzentrieren. Ich las mir den Text im Buch erneut durch. Wahrscheinlich schon zum dritten Mal. Ich las weiter. Und ich war wieder drin. Im Thema. Ich wusste wie ich anfangen konnte. Ich wusste was ich schreiben konnte. Endlich. Doch plötzlich sah ich ein blaues Blinken in meinem Augenwinkel. So schnell ich im Thema war, so schnell war ich auch wieder raus. Hat sie endlich geantwortet? Ich griff nach meinem Handy. Keine Antwort. Nur Nachrichten.

Ich sackte zusammen und lehnte mich zurück. Schon wieder hatte ich mich abgelenkt. Mein Magen knurrte. Gestern bekam ich keinen einzigen Bissen runter. Und wenn doch, dauerte es nicht lange bis es wieder hochkam. Ich sollte was essen gehen. Dann kann ich mich wieder der Arbeit widmen. Ich machte mich zur Küche auf. Ich war allein zuhause. Meine Eltern waren seit Freitag verreist. Oh nein. Heute ist bereits Sonntag. Sie kommen heute Abend wieder. Dabei möchte ich gar nicht, dass sie wiederkommen. Ich finde es schön allein zu sein. So wie ich es wahrscheinlich den Rest meines Lebens sein werde. Also sollte ich mich schon mal daran gewöhnen. Oder nicht? Kurz vor der Küche hielt ich inne und drehte ruckartig wieder um. Ich ging zurück in mein Zimmer und setzte mich hin. Ich sah wieder auf mein Blatt. Doch hielt dieser Blick zum Blatt nur für einen kurzen Moment an. Ich musste sofort zu meinem Handy greifen. Es blinkte erneut. Was soll das? Sie hatte mir nicht geschrieben, es waren mal wieder Nachrichten. Wenn das so weiter geht lösche ich diese scheiß App. Normalerweise interessierten mich Neuigkeiten rund um die Welt. Aber es sind nicht die Nachrichten, die ich jetzt gerne hätte. Ich ging auf unseren Chatverlauf. Sie hatte die Nachricht gelesen. Sie antwortete nicht. Wieso tut sie mir das nur an? Erneut liefen mir Tränen die Wange hinunter. Tränen, die mir erzählten wie armselig mein Leben doch ist. Wieso haben es alle so gut und ich so schlecht? Weil ich anders bin? Was soll es sein? Soll ich mein Leben so leben wie ich es gerne möchte, aber dafür mein Leben lang nur Unglück erfahren? Oder soll ich mein Leben so leben wie die Gesellschaft es mir vorgibt, um dann vielleicht glücklich zu werden? Beide Alternativen machen nicht viel Sinn. Beide würden mich sowohl glücklich als auch unglücklich machen. Es ist nur die Frage welches Glück das andere überwiegt und welches Unglück leichter zu ertragen ist. Wieso muss ich immer das tun was die Gesellschaft von mir erwartet?

„Sei ein braves Mädchen und benimm dich!", hörte ich meinen Vater sagen. Verdammt. Die Tränen! Wenn meine Eltern mich so sehen... Dann stellen sie wieder Fragen. Fragen, die ich nicht beantworten will. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Schnell! Schnell! Bevor sie kommen! Ich lief zum Badezimmer und sah in den Spiegel. Keine Spuren zu sehen. Und doch meine Eltern sehen das immer. Ich nahm eine Hand voll Wasser und ließ es mir ins Gesicht träufeln. Ich wischte durch mein ganzes Gesicht und nahm ein Handtuch, um mich abzutrocknen. Meine Augen waren noch ein wenig gerötet. Bis die wieder da sind, wird man nichts mehr sehen.

Ein blaues BlinkenWhere stories live. Discover now