Ich stehe nun schon seit einer gefühlten Ewigkeiten unter der Dusche und lasse regungslos das heiße Wasser auf meine blasse Haut niederrieseln.
Meine Gedanken sind bereits so weit abgedriftet, dass ich mich nur noch körperlich im Badezimmer meines Bruders befinde, gedanklich bin ich schon lange wieder in der Wohnung meines Ex-Freundes. Eine Woche ist es jetzt her, dass ich meinen Bruder mitten in der Nacht und unter Tränen angerufen habe, um ihn anzuflehen, dass er mich abholen soll. Wäre ich auch nur einen Tag länger bei meinem Ex-Freund geblieben, wäre ich endgültig zerbrochen.
Noch immer spüre ich die kühlen Finger meines mittlerweile Ex-Freundes auf meinem Körper. Ich hatte Nein gesagt, aber es hat ihn nicht interessiert, dass ich meinen Koffer bereits in der Hand hielt und so schnell wie möglich aus seiner Wohnung verschwinden wollte. Viel zu lange hatte ich seine Wutausbrüche und seine unkontrollierten Stimmungsschwankungen ertragen. Ich hatte die Türe schon in der Hand gehabt, als er mir den Weg versperrte. Erst nach einer langen Diskussion und jeder Menge Drohungen seinerseits, hatte ich es letztendlich raus geschafft.
Christian war schon lange nicht mehr der Mann, in den ich mich vor Monaten verliebt hatte. Wahrscheinlich gab es diesen Mann gar nicht und seine anfangs liebevolle Art war nur eine Maske von ihm, um mich an ihn zu binden. Und so naiv wie ich war, bin ich auf ihn reingefallen.
Er hat mir eine gut bezahlte Stelle in seinem Unternehmen angeboten und mich bereits nach drei Monaten Beziehung davon überzeugt meine eigenen vier Wände zu kündigen und zu ihm in seine Penthousewohnung zu ziehen. Er hat mich immer mehr von sich abhängig gemacht und als er das geschafft hat und ich somit ganz auf ihn angewiesen war, hat meine ganz persönliche Hölle begonnen. Als er das erste Mal die Hand gegen mich erhoben hat, dachte ich noch es wäre nur der Stress und ein einmaliger Ausrutscher. Schließlich hat er doch die Monate davor, alles getan, um mich glücklich zu machen. Aber seitdem Tag kam alles nur noch schlimmer. Zu seinen Wutausbrüchen, kamen mit der Zeit auch noch heftige Beleidigungen hinzu. Seitdem weiß ich, dass Worte manchmal viel mehr wehtun können, als körperliche Gewalt.
Als er mich dann letzte Woche während eines Wutausbruches fast die Treppe runter gestoßen hat, ist ein Teil von mir endgültig zerbrochen. Endlich hatte ich den Mut zu verschwinden, denn ich wusste, dass ich bei ihm nicht sicher war und es wahrscheinlich sogar nie gewesen war. Auch wenn ich durch meinen Auszug aus seiner Wohnung jetzt nichts mehr habe, weder eine eigene Wohnung noch einen Job, bin ich endlich aus dieser Hölle entkommen.
„Luce, du verbrauchst das ganze warme Wasser!" Mein Bruder Greg hämmert gegen die Badezimmertür. Ich verbanne die bösen Gedanken aus meinem Kopf und stelle das Wasser ab. Ohne mir die Mühe zu machen in dem vom Wasserdampf beschlagen Spiegel zu sehen, schlüpfe ich in einen Oversizepullover und eine Leggins.
„Morgen", sage ich, als ich mich zu Greg an den mamorfarbenen Küchentisch setze.
„Morgen Sonnenschein." Mein Bruder reicht mir lächelnd einen Teller mit Rührei. Auch wenn ich nach meiner endlosen Grübelei, keinen Appetit mehr habe, nehme ich Greg zu liebe den Teller entgegen und beginne zu essen.
Greg mochte Christian nie besonders. Von Anfang an hat er mir geraten mich nicht so schnell auf ihn einzulassen, aber ich habe nicht auf ihn gehört. Umso dankbarer bin ich ihm, dass er mich jetzt ohne viele Fragen bei sich wohnen lässt. Ich habe ihm gesagt, ich hätte es keine Minute länger mit Christian unter einem Dach ausgehalten, da wir uns ständig gestritten hätten. Mehr weiß er nicht und ich bin auch nicht bereit mit ihm oder überhaupt irgendjemanden darüber zu sprechen.
Greg hat jetzt schon eine unglaubliche Wut auf diesen Mann, denn er weiß auch, dass ich ihn nicht einfach so weinend anrufen würde wenn es nicht einen ernsthaften Grund dafür geben würde, wenn ich ihm die Wahrheit sagen würde, würde er vermutlich auf ihn losgehen. Und ich weiß nicht, ob er diesen Kampf gewinnen könnte.
Hinzu kommt, dass er mich wahrscheinlich dazu drängen würde ihn anzuzeigen. Auch wenn ich mir wirklich nichts mehr wünsche, als dass dieser Kerl nie wieder einer Frau das antut was er mir angetan hat, will ich nicht, dass ich mit einer Anzeige zu viel Aufsehen erzeuge. Allein der Gedanke daran, dass jemand erfahren könnte, wie schwach ich die letzten Monate war bereitet mir Bauchschmerzen. Außerdem wem würden die Leute wohl mehr glauben? Einem CEO einer der erfolgreichsten Firmen in ganz New York oder einer Angestellten die in der Penthousewohnung ihres Chefes gewohnt hat, der ihr direkt nachdem Studium eine unfassbar gut bezahlte Stelle in seiner Firma angeboten hat?
„Was hast du heute vor?", fragt Greg, als er mir eine dampfende Tasse Kaffee vor die Nase hält. Dankend nehme ich ihm die Tasse ab. Seit mehreren Nächten habe ich kaum geschlafen, daher ist Kaffee zur Zeit eins meiner Grundnahrungsmittel.
„Wenn du nichts dagegen hast, werde ich mich heute wieder ganz deiner Couch widmen", antworte ich ihm bevor ich einen großen Schluck Kaffee trinke.
Greg sieht mich für einen Moment besorgt an. „Seit einer Woche verschanzt du dich auf der Couch und trauerst diesem Typen hinterher. Mensch Luce, das kann doch so nicht weiter gehen. Er ist es nicht wert, dass du ihm so hinterher trauerst."
Wenn er wüsste, dass ich diesem Kerl ganz und gar nicht hinterher trauere, sondern eher bereue wie lange ich bei ihm geblieben bin. „Was soll ich deiner Meinung nach denn tun? Ich kenne hier in Brooklyn doch niemanden."
„Du kommst heute mit mir mit. Ich treffe mich heute Abend mit ein paar Freunden", sagt Greg während er seinen Teller in die Spülmaschine räumt. Ich will meinen Kopf schütteln und ihm sagen, dass ich keine Lust habe aber bevor ich überhaupt dazu komme ihm zu antworten fügt er noch hinzu: „Das war keine Frage, Luce."
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No escape
RomanceLuciana hat ihr schlimmstes Jahr endlich hinter sich gelassen, denn sie hat es geschafft ihren gewalttätigen Freund zu verlassen. Notgedrungen zieht sie erstmal bei ihrem Bruder ein. Doch dort trifft sie schon nach kurzer Zeit auf den besten Freund...
