Eins

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Knochenwinter zählen zu den schlimmsten Wintern, die es gibt. Sie sind kalt und hart und grausam.

Der letzte Knochenwinter hat mir meine Eltern genommen, die Kälte hat sie dahingerafft, aber eigentlich war es die Regierung, Capute und seine machtgierigen Einwohner mit ihren Gesetzen und hohen Forderungen, ihrer Grausamkeit.

Capute ist die Hauptstadt unseres Landes, die Hauptstadt von Osterra.
Dort lebt Lady Prime und der ganze Hofstaat, alle Ratsmitglieder mit ihren Familien. Ich hasse sie so sehr, dass es wehtut.

Wir alle tun das, wir, die Ratten im Schlamm, der Abschaum, das Ungeziefer.

Wir hassen jene, die uns unterdrücken und dabei von Gerechtigkeit sprechen,von Frieden schwafeln.
Von jenen, die Lügen erzählen und sie selber glauben.

Wenn es den Rat und Lady Prime nicht gäbe, wäre die Welt vielleicht noch immer hart, aber alles ist besser, als in Osterra zu leben, nach den Eisernen Kriegen, die die Welt, wie unsere Vorfahren sie kannten, zerstört haben.

Jetzt ist nichts mehr davon übrig, aus den Trümmern einer alten Welt und auf den Knochen der vorherigen Zivilisation haben wir ein neues Land errichtet.

Damals war ich noch nicht geboren, nicht meine Eltern, oder meine Urgroßeltern.
Wir zählen 399 Jahre nach der Großen Veränderung, die Spuren der vergangenen Zivilisation sind fast nicht mehr sichtbar.

Ich weiß auch nicht, was ich lieber hätte. An ein früheres Leben erinnert zu werden, das man nie haben kann, klingt auch nicht gerade verlockend, aber manchmal wünsche ich es mir doch. Manchmal wünsche ich mir doch, zurückblicken zu können, um zu sehen, was wir verloren haben. Um zu sehen, wofür man kämpfen kann.
Aber eigentlich kann man in dieser Welt nur für das Leben kämpfen, um das Überleben.

So auch jetzt, in dieser Sekunde, in jeder einzelnen Sekunde meines Lebens.

Die gleißende Sonne blendet mich und ich kneife ein Auge zu, das andere halte ich krampfhaft offen. Ich darf mich jetzt nicht ablenken lassen, es könnte mein Tod sein. Und so viel hängt von mir ab.

Meine Geschwister warten vermutlich zu Hause, darauf, dass ich lebend von meinem Kampf in der Arena zurückkehre, mit ein paar zerknitterten Elektrizitätsscheinen und alten Geldmünzen, damit wir uns etwas zu Essen kaufen können.

Ich konzentriere mich wieder auf meinen Gegner vor mir.
Er ist groß, bestimmt einen ganzen Kopf größer als ich und sicher doppelt so breit. Seine Arme, dick wie Baumstämme, schwenken auf mich zu und ich ducke mich unter der Keule hindurch, die dicht über meinen Kopf hinwegsaust.

Ich sehe ein Bild von mir vor meinem inneren Auge, wie ich mit zertrümmerter Schädeldecke und zermatschtem Gehirn hier unten auf dem Sand liege, in meinem eigenen Blut.

Hastig wische ich das Bild beiseite und wirbele herum.
Mein Gegner ist vielleicht groß, und stärker als ich, aber ich bin flink und wendig. Ich kann diesen Kampf gewinnen.

Die Lippen des Mannes sind zu einem Grinsen verzerrt, als er seine Keule erneut auf mich zurasen lässt. Mir bleibt kaum Zeit, ihm auszuweichen, also lasse ich mich kurzerhand in den Sand fallen und trete ihm die Beine weg.

Über mir höre ich die Menge jubeln, die Zuschauer feuern mich an, wollen Blut sehen, meines oder seines.
Nur deswegen sind sie hier.
In Corona oder Gemma mag es wohl anders sein, auch reiche Bürger wollen Amüsement, aber sie lieben es auch, uns zu ihren Füßen zusehen, wie wir armen Ratten uns gegenseitig bekämpfen. Das macht ihnen Spaß. Mir dreht sich fast der Magen um bei diesem Gedanken.
Für uns ist es bitterer Ernst.

Ich blende das Jubeln der Zuschauer aus, sodass es nur noch ein fernes Rauschen ist und komme wieder auf die Füße, bevor mein Gegner es tut.

Er ist zäh.
Sofort springt er wieder auf die Beine, in seinen Augen lodert nackte Wut.
Ich habe ihn wütend gemacht. Aber ich wäre nicht Heaven, wenn mich das verunsichern würde.

Wir beide tänzeln durch den Sand und umkreisen uns lauernd. Ich bin auf der Hut, gleich müsste er einen Angriff wagen, denn er hält mich für schwach. Ich habe bisher keine meiner Waffen eingesetzt. Vielleicht glaubt er, ich hätte Angst, oder wäre unvorbereitet. Aber er täuscht sich, er kennt mich nicht, und für gewöhnlich dürfen wir nie mehr als ein Mal gegeneinander kämpfen.

Er macht einen Schritt vor und ich weiche zurück.
Der Griff des Messers, das ich wie immer in meinem linken Stiefel trage, drückt gegen meine Wade, also verlagere ich mein Gewicht auf das andere Bein und ducke mich, als er seine Keule schwingt. Schnell springe ich zur Seite und rolle mich gekonnt ab.
Die Zuschauer buhen, als die Keule schwer in den Sand schlägt und mein Gesicht um Haaresbreite verfehlt.

Sie wollen endlich Blut sehen, wollen einen richtigen Kampf und nicht dieses sinnlose Katz und Maus Spiel.
Also werde ich ihnen einen Kampf geben.

Ich springe auf und werfe mich mit einem Aufschrei herum.
Mein Gegner hebt gerade seine Keule, aber ich bin schneller. Wie ein Blitz schleudere ich mich nach vorne und lande auf seinem Rücken. Seine Muskeln spannen sich an, während er versucht mich abzuschütteln - vergebens.

Er will schon mit seinen Fingern nach mir greifen, aber ich klammere mich fester und schlinge meine Arme um seinen Hals, schnüre ihm die Luft ab.
Er röchelt und zerrt an mir, aber ich weiß, dass er verloren ist.
Ich werde ihn nicht töten, das wäre gegen die Regeln. Ich vermute, sie wollen nicht riskieren, zu viele Teilnehmer zu verlieren.

Mein Gegner lässt gezwungenermaßen die Keule fallen, um mit zwei Händen an seine Kehle greifen zu können und kratzt an meinen Armen. Ich verfluche mich dafür, keine langen Ärmel zu tragen und zische auf, als seine scharfen Nägel über meine blasse Haut schrammen und rote Kratzer hinterlassen.

Ich beiße die Zähne zusammen, aber nach einigen Sekunden lasse ich los und gleite blitzschnell von seinem Rücken herunter.

Er ist sichtlich nicht darauf vorbereitet, denn er verliert das Gleichgewicht und kippt wie ein gefällter Baum in den Sand.
Schnell kicke ich seine Keule mit dem Fuß außer Reichweite und stelle mich mit dem anderen Fuß auf seinen Rücken.

Er versucht, aufzustehen, aber ich halte ihn am Boden und zücke mein Messer.
Die Zuschauer über mir jubeln und schreien, manche sind aufgesprungen, um eine bessere Sicht auf das Spektakel zu erhaschen, andere beugen sich nur leicht vor.

Der Mann unter meinen Füßen stöhnt schmerzerfüllt auf, er ist auf den Kopf gefallen und blutet aus einer Wunde oberhalb seiner Augenbraue.

"Bitte nicht!", wimmert er, aber ich beuge mich zu ihm herunter und füge ihm zwei Schnitte an den Armen zu.
Jemand muss bluten und ganz klar verloren haben, damit der Kampf entschieden ist.

Das Blut läuft in den Sand und färbt ihn rot, der Mann schweigt verbissen, kein Laut kommt mehr über seine Lippen. Wer in der Arena kämpft, muss auch ein Kämpferherz haben, sonst ist man verloren.

Ich wische mein Messer an meiner dunklen Hose ab und stecke es zurück, warte auf den Pfiff des Masters, der diesen Kampf für beendet erklärt.
Als er ertönt, schrill und laut, seufze ich und versuche, das Jubeln der Zuschauer auszublenden, aber es ist unmöglich. Wie können sie nur so ein grausames Spektakel gut finden?
Weil sie selber unterdrückt werden, sie kennen es nicht anders, da ist nichts, was sie sonst sehen könnten außer den eintönigen Botschaften aus Capute, die die Regentin in die einzelnen Städte überträgt.

Mein besiegter Gegner wird von zwei Wachmännerm fortgeschleppt und ich gehe langsam zurück zum Ausgang, einem großen Tor, das mit eisernen Gittern versehen ist, damit sich niemand von außen hereinschleichen und jemandem zu Hilfe eilen kann.
Und damit niemand aus der Arena fliehen kann, füge ich in Gedanken hinzu und muss schlucken.

Die Wachmänner davor öffnen das Tor, indem sie den Code bestätigen und lassen mich durch.
In meinem Rücken höre ich die Stimme des Masters, die durch das Mikrophon verstärkt durch die gesamte Arena hallt.
"Und die diesmalige Gewinnerin ist Heaven Leanna Kameron. Heaven Leanna Kameron."

Ich ignoriere seine verhasste Stimme, den Jubel, die Schreie und die Ankündigung des nächsten Kampfes. Zu oft höre ich das, sodass dieser ohrenbetäubende Lärm mir bis in meine Albträume folgt und dort in dunklen Schatten umherwandert.

Ich verlasse die Arena, ohne mich ein weiteres Mal umzublicken.

KnochenwinterWhere stories live. Discover now