erster Tag- Ankunft

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Ich hätte das Haus beinahe übersehen, hätte ich nicht den, aus gesprungenen Steinkacheln bestehenden und vom wild wuchernden Gras und Gestrüpp des Gartens beinahe verborgen, Weg entdeckt, der direkt an seine Eingangstür führte. Festen Schrittes eilte ich darüber hinweg, durchquerte den Garten, der kaum mehr an solch einen erinnerte. Statt zarten Rosen, Tulpen, Narzissen und anderen zarten Gartenblumen, die ansonsten das Auge eines Besuchers in einem Garten erfreuten, rankten sich hier lediglich Brombeerzweige über den Rasen, Bäume hinauf und sogar mitten über den Weg, wo sie sich in heimtückische Stolperfallen verwandelten und dem Vorübergehenden mit ihren langen scharfen Dornen in die Beine bissen. Exakt geschnittene Zierbäume suchte man hier ebenfalls vergeblich, außer hohen, einschüchternden Fichten, die wie versteinerte Riesen über dem gesamten Anwesen throhnten und finstere Schatten über die Szenerie warfen, kämpften sich höchstens noch ein paar verkrümmte Apfelbäume hinauf zum Licht. Seit Jahren schon hatten sie wohl keine Schere mehr gesehen, die ihnen die Äste stutzte und zu ihren Füßen häuften sich braune, halb verfaulte Früchte, die niemand für wert befunden hatte sie abzuernten. Zu dem Bild des vernachlässigten Gartens, in dem sich die Zeit über das Werk des Menschen geschwungen hatte, addierte sich der schneidende Herbstwind, in dem das erste Versprechen von Schnee und Winter lag und an meinem Mantel riss;

es war also zu verstehen, dass ich schnellstmöglich unter ein trockenes Dach und in die Wärme gelangen wollte. Auf der Türschwelle trat ich allerdings noch einmal einen Schritt zurück, um mir einen äußeren Eindruck von dem Haus zu machen, wofür ich meinen Blick an seiner Fassade hinauf wandern ließ.

Viel konnte ich jedoch nicht entdecken, denn der Grund, aus dem ich das Bauwerk fast nicht gesehen hätte, versperrte den größten Teil der Wand. Ein riesiger Efeustrauch erstreckte sich über jeden Quadratzentimeter des alten Gemäuers, verstopfte alle Ritzen, wiegte sich vor den kleinen Fenstern in den Böen und kletterte sogar über das schwarze Schieferdach. Mit zitternden, steifen Fingern fischte ich den Schlüssel, den man mir ausgehändigt hatte, in das vom Alter gezeichnete Schloss, drehte ihn mit roher Gewalt herum, als er sich zuerst nicht rühren wollte und stemmte mich gegen die Tür, die zu allem Überfluss verzogen war.

Mit einem, für ein altes Haus wie dieses nahezu klischeehaft lautem Knarzen schwang sie schließlich auf und ich bückte mich unter dem Blättervorhang, der vom Türrahmen hing hindurch.

Endlich in der Diele stehend wäre ich fast lieber wieder in das Wetter, das sich langsam in einen kleinen Sturm steigerte, hinausgelaufen. Der Gang, der sich vor mir auftat war eng, mit einer niedrigen Decke ausgestattet, dunkel und keinen Deut wärmer als das Draußen. Mein Atem malte sogar kleine Dampfwölkchen in die Luft. Der Eingang gähnte mir mehr wie eine von Wölfen bevölkerte Höhle entgegen, denn wie ein Zeichen menschlicher Zivilisation und wäre ich eine andere oder zehn Jahre jünger gewesen, so hätte ich vermutlich auf dem Absatz kehrt gemacht.

Doch ich blieb ich selbst und es war weder meine Art eine Sache halb begonnen zurückzulassen, noch mich von irgendetwas oder irgendjemandem einschüchtern zu lassen. Ich drückte die Tür also hinter mir zu, das Licht verschwand. Ich tastete mich an der Wand entlang ins Haus, irgendwo blies der Wind durch das Dachgebälk und verursachte dieses Geräusch, das mir schon seit Kindheit an verhasst war. Meine Hände streiften über die raue Tapete, auf der Suche nach einem Lichtschalter. Ich fand etwas, doch so sehr ich auch daran herumdrückte du fluchte, nichts geschah, bis mir aufging, dass ich es mit einem dieser altmodischen Drehschalter zu tun hatte und dementsprechend handelte. Direkt über mir erglomm eine nackte, fahle Funzel, die kaum die Schatten aus den Ecken trieb, doch immer noch besser als nichts. Ich schritt den Korridor weiter entlang, wobei sich die Dielen so besorgniserregend bogen und ächzten, dass ich schon befürchtete es mit einem Termitenbefall zu tun zu haben.

Ich öffnete eine weitere Tür und gelangte in eine Küche mit einem wuchtigen, antik anmutenden Kühlschrank, der, aus welchen Gründen auch immer, direkt in der Mitte des Raumes thronte und einem Spülbecken, einem Schrank, in dem sich vermutlich Teller, Gabeln und sonstiges Besteck befanden und ein kleiner Tisch mit einem einzigen Stuhl. Die nächsten Zimmer, die auskundschaftete, boten einen ähnlich ärmlichen Anblick.

Eine Waschküche, die eine Waschmaschine enthielt, die aussah, als würde sie die Kleidung eher verschmutzen als reinigen, eine Besenkammer, in der die Stile von Besen, Wisch-Mops und anderem Gerät wie die Gerippe eines Tieres übereinander lagen und ein Raum, in dem sich wertloses Gerümpel wie verrostete Fahrräder und dergleichen stapelte.

Natürlich, meine Erwartungen waren nicht groß gewesen, doch ein wenig enttäuscht war ich doch. Wohnen wollte ich in dieser Bruchbude ganz sicher nicht und einen Verkäufer zu finden, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein.

Missmutig schlurfte ich weiter, inzwischen völlig durchgefroren, doch mit der nächsten Tür und dem nächsten Zimmer hellte sich meine Stimmung wieder etwas auf. Es war geräumig, auch und hatte hohe Fenster, durch die reichlich Licht einfiel und die Sicht auf das wilde Grün des Gartens gab. In einer Ecke stand ein großer Kachelofen, mit dem ich sofort das Bild einer friedlich schlafenden und schnurrenden Katze assoziierte. Ein großer runder Tisch, kunstvoll geschnitzt und von einem schönen, dunklen Holz, stand neben einem gemütlich aussehendem, mit dunklem Samt bezogenen, Armsessel und über dem Boden lagen, wenn auch nur halb unter der Menge an Büchern, die darauf lagen, zu erahnenden, Teppich mit schön gewebten Schnörkeln und Verzierungen. „Na wenigstens etwas, Onkelchen", murmelte ich zu mir selbst. Ein Arbeitszimmer (bei dem nur seltsamer Weise sämtliche Fenster vernagelt waren), das Schlafzimmer und das Bad waren ähnlich gut möbliert und im Keller entdeckte ich, zu meiner Freude, eine Heizanlage, die, zwar langsam aber stetig, eine wohltuende Wärme in dem alten Gemäuer verbreitete. Als ich später wieder aus dem Fenster schaute erkannte ich zu meiner Überraschung, dass es inzwischen dunkel geworden war und legte kurz entschlossen fest, die Nacht hier zu verbringen. Noch eine ermüdende Fahrt von über zwei Stunden und das ohne einen Becher Kaffee, das würde ich heute nicht mehr überstehen.

Also kramte ich meine Schachtel Zigaretten hervor und verqualmte zwei Stück (ich musste haushalten, wenn ich vorhatte noch etwas länger zu bleiben) und stieg, noch bekleidet, in das große, mit sauberen Laken bezogene Bett und zog mir die Decke bis zum Kinn. Ich verscheuchte die Gedanken daran, wer vor mir in diesem Bett geschlafen hatte und schloss die Augen.

Was war das?
Ein Seufzen?
Ein Rascheln?
Oder doch nur die natürlichen Geräusche eines alten Gebäudes?

Ich verdrängte das plötzlich in mir aufwallende und nicht recht zu erklärende Unwohlsein und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Bones and IvyWhere stories live. Discover now