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11%. Ich renne. 

10%. Ich renne noch immer, schneller und schneller, bis ich den Boden nicht mehr spüre, nur noch mich selbst.

9%. Ich bleibe stehen, sehe mich um. Betrachte das Gras, welches leuchtet so grün, die Bäume, deren Blätter durchflutet sind mit dem Licht der Sonne, was heller strahlt, als die Seelen dieser Menschen, die das wahre Glück gefunden haben, die es festhalten in sich und es ausstrahlen, weitergeben, ihre Flügel ausbreiten, und andere lehren, mit ihnen zu fliegen. Die es nie loslassen werden, dieses Leben.

Viel zu oft dachte ich, ich könnte verschwinden von hier, weit, weit weg. Zuerst war die Flucht in einige Virtual - Reality- Spiele, daraufhin die Klavierstunden bei einem schwerhörigen Sadisten, gefolgt von unzähligen Büchern, die ich anfing, aber nie zu Ende las, bis hin zu dieser Musik, die mich verzauberte, die aber so unglaublich neu für mich war. Ich fing an, zu singen, obwohl ich heiser war, fing an zu tanzen, obwohl meine Beine viel zu kurz waren, ich zu unsportlich war und kein Taktgefühl hatte. Ich fing an, klassische Instrumente zu spielen, obwohl ich Mozarts Werke hasste, ich fing an, zu schreiben, obwohl ich Lyrik immer verabscheut hatte, fing an, schwimmen zu gehen, obwohl ich Angst hatte, im ewigen Meer des Lebens zu ertrinken. Ich ging in den Wald spazieren, obwohl ich mich nicht auskannte, ich schlug unbekannte Wege ein, obwohl ich nicht einmal wusste, wie ich zurückfinden sollte. Ich färbte mir die Haare, obwohl ich meine Naturhaarfarbe liebte, ich trank plötzlich Kaffee, obwohl ich leidenschaftliche Teetrinkerin war. Ich trug plötzlich Farben, obwohl ich mich zuvor nur so dunkel und unscheinbar wie möglich gekleidet hatte, um nicht aufzufallen in der Masse von Menschen, die alle dasselbe wollten - nämlich glücklich sein.

Ich fing an, zu reden, obwohl ich das Schweigen liebte, ich fing an, zu lachen, obwohl ich weinen am besten konnte. Ich fing an, rauszugehen, obwohl ich bislang nur Zuhause gesessen war. Sofern man einen Ort, an dem man sich nicht sicher vor sich selbst fühlt, schon als ein Zuhause bezeichnen konnte – doch somit wäre wohl kein Ort auf der Welt mein Zuhause gewesen, also sagte ich es einfach so: „Dort, wo ich wohne, ist mein Zuhause." Und obwohl ich bislang so oft gelogen hatte, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, plagten mich meine Gedanken unendlich damit, dass ich das gesagt hatte. Ich konnte nicht schlafen, wenn ich wusste, dass ich Dinge gesagt hatte, die ich nicht so dachte, denn Sprechen beginnt, wie wir alle wissen, im Kopf, und wird dann zu unseren Lippen geführt, die ausstoßen einen kleinen Lufthauch, wenn wir sprechen, Worte unendlich.

Als würden wir unsere Gedanken aushauchen, wie den Rauch der Zigarette, wie den Atem im kalten Winter, wie die Luft, die wir nicht haben, weil das Leben sie uns genommen hat – doch nur für einen kurzen Augenblick. Nur so lange, bis wir wieder atmen können, bis wir lieben und fliegen lernen, bis wir aufstehen, und am Rande einer Weggabelung stehen. So, als wüssten wir plötzlich, ohne darüber nachzudenken, welcher Weg der Richtige ist.

8%. Ich renne weiter. Die Luft bleibt mir Weg, ich ringe nach ihr, ich versuche, zu atmen, doch es gelingt mir nicht. Ich bin allein, bin gefangen, doch ich renne. Ich renne einfach weiter, ich ignoriere den Schmerz, der mir so unglaublich nahe steht, sich von seiner kalten, unerbittlichen Seite zeigt. Ich falle zurück, zurück in mein Meer der Gedanken, ich hisse die Segel, doch ertrinke im Sturm, ich schwimme an Land, doch die Wellen ziehen mich zurück ins offene Meer.

Doch all das, das ist nur für Sekunden- denn sobald ich stehen bleibe, sobald ich ausatme, verschnaufe. Ich sehe die Blätter, durchflutet vom Licht, ich sehe das Gras, so grün wie die stillschweigende Hoffnung in mir, ich sehe den Himmel, von kleinen Wolken und großer Sonne geformt, mit Vögeln, die freier sind, als wohl jeder von uns jemals sein wird, doch die uns lernen, dass es möglich ist, zu verlassen den kalten Boden der Sorgen. Loszulassen, zu schweben.

7%. Denn wenn ich mein Leben einmal stoppe - wenn ich es anhalte, für einen kurzen Augenblick, der unendlich erscheinenden Stille - so sehe ich: das Leben, es lohnt sich, mit jedem einzelnen Atemzug.

6%. Ich renne weiter, denn ich muss ja meinen Akku aufladen, muss neue Energie tanken, weil ich sie verloren habe. Und der Staub des Alltags legt sich auf meine Gedanken, die Positivität schwindet - und mit ihr auch ich. Energie des Lebens, die ich selbst nicht mehr hatte.

Aber ich finde sie wieder, jeden Tag ein bisschen mehr. Ich finde Liebe, ich finde Freude, ich finde Hoffnung, finde unbeschreibliches Glück, in Schritten, die so klein und unscheinbar, doch glaube mir, sie bedeuten die ganze Galaxie. Und vielleicht noch etwas mehr.

Und vor allen Dingen, finde ich mich selbst. Diese Momente der Stille, in denen du aufhörst, nur wegzulaufen, wegzulaufen vor dir selbst. Diese Momente des Glücks, in denen du dich löst, von all deinen dunklen Gedanken, und wenn die Dunkelheit, vom Freund zum Feind für dich wird, wenn du dich selbst ganz anders siehst, als du es je zuvor getan.

5%. Wenn du dich nur sehen würdest, wie ich dich sehe.

4%. Ich renne weiter, noch immer allein, doch das Lächeln im Gesicht, weil ich neue Energie getankt, indem ich stehengeblieben war und das Leben in mich eingehaucht, die Augen geschlossen, aufgeladen vom Leben.

3%. Ein kleiner Teich am Rande des Waldes, ich bleibe stehen, im selben Augenblick. Ich starre hinein, das Wasser klar, ich sehe mich. Wie in einem Spiegel sehe ich mich, sich spiegelt mein Gesicht, im dämmernden Sonnenlicht. Wie ein Schatten, der ewig in mir getanzt, mich festgehalten und vor der Sonne ferngehalten, breche ich zusammen, still und leise, stütze meine Hände ab, am Rande des Teichs, sodass ich direkt hineinschauen kann.

„Wieso?", rufe ich, brülle ich, einmal, zweimal, dreimal. Und die Tränen, sie sickern aus einem Meer der Sorgen vermischen sich mit dem Wasser des Teiches, in klaren, kleinen Ringen, geprägt von Wut, von Schmerz und endloser Sinnlosigkeit, die ebenso sinnlos war, weil das Leben doch alles andere als sinnlos ist, wenn du ihm einen Sinn gibst.

„Wieso habe ich das Leben nur ewig so gehasst?" flüstere ich, greife nach einem Stein, werfe ihn, soweit ich nur kann, hole all die Kraft aus meinen schwachen Armen.

2%. Meine Musik geht aus, mein Akkustand ist zu niedrig. Ich stehe auf, wische die Tränen ab, betrachte noch einmal mein Spiegelbild im Auge des Teiches, Sekunden, Minuten verstreichen in den Augenblicken der Stille, in denen ich mit mir alleine bin.

Ich beginne, zu lächeln, einfach so, wie grundlos, zwecklos, sinnlos. Sinnlos, voller Sinn.

Lächeln steht mir gut, stelle ich fest.

1%. Ich renne weiter, raus aus dem Wald, weg von den Feldern, zurück in die Zivilisation.

0%. Mein Handy schaltet sich ab. Ich renne weiter, zurück ins Leben. Zurück nach Hause.

Und vielleicht, vielleicht muss ich jetzt nicht mehr fliehen vor mir, muss nichts mehr versuchen, nicht mehr ringen nach Luft, um das Leben so zu nehmen, wie es ist.

Denn das hier, das bin wohl ich, und was ich tue, das lebe ich, und was ich lebe, das hat einen Sinn, den ich mir selbst gebe, weil die Sinnlosigkeit so unglaublich sinnlos war.

Und vielleicht habe ich soeben mein Leben wieder neu aufgeladen.

Und vielleicht werde ich erneut zusammenbrechen, aber ich werde wissen, in jeder Sekunde, die verstreicht, dass es wiederkommen kann, dieses Leben. Jederzeit.

11%- hier bin ich.

11 Pr%zentWhere stories live. Discover now