Ganz langsam. Ganz ruhig. Einatmen, bis 10 zählen und wieder Ausatmen. Erschrocken zucke ich zusammen, als das Telefon neben mir klingelt. Mit emotionslosem Blick starre ich auf das Display und warte ab, bis das Vibrieren verstummt. "7 verpasste Anrufe von Alice" lese ich auf dem grellen Bildschirm. Genervt wende ich mich ab und fokussiere meinen Blick wieder auf die graue Wand mir gegenüber. Einatmen bis 10 zählen und wieder Ausatmen. Wieder klingelt mein Telefon, doch dieses mal geht es nicht mehr. Mit hysterischem Kreischen werfe ich es in die Ecke, um mich kurz darauf am kalten Fußboden zusammenzurollen. Ich trete alle Gegenstände in meinem Umkreis zur Seite und bohre meine Fingernägel so tief ich kann in meine Handflächen. "Hör auf! Reiß dich zusammen! Du wirst es überleben", murmle ich leise vor mich hin. Jedoch hören meine Gedanken nicht auf sich zu überschlagen und ich weiß gar nicht mehr, wo ich anfangen soll. Sobald ich wieder klare Gedanken hatte, schleudern schon wieder Millionen neue in meinem Gehirn herum und lassen mir keinen Platz zum Denken. Zum Atmen. Zum Sein. In der anderen Ecke höre ich nur das unterdrückte Vibrieren meines Handys unter meinem großen hellbraunen Teddybären. Alice, meine beste Freundin, weiß was los ist, sogar besser als ich selbst. Sie versteht mich, wenn ich vergesse wer ich bin. Sie weiß, wie schwer es ist, mit diesen scheinbar nie endenden Selbstzweifeln umzugehen, aber vor allem weiß sie, was es bedeutet, sich alleine zu fühlen, vom Körper alleine gelassen. Doch heute kann Alice mir nicht helfen. Ich bin zu tief hinab gesunken in meine eigene Welt. Leise höre ich das Rauschen, das früher einmal die Stimmen meiner Familie und des Fernsehers waren. Mein Herz pocht so laut in meiner Brust, dass es alle anderen Geräusche übertönt, außer meinen nie endenden Gedanken, die immer wieder dasselbe flüstern: "du schaffst es nicht", "versuch es erst gar nicht".
"Aufstehen!", ungeduldig klopft meine Mutter an die Tür. "bin wach", rufe ich heiser zurück. Langsam richte ich mich auf und strecke mich. Ein stechender Schmerz durchfährt meine Schulter. "Das kommt davon, wenn du immer am Boden schläfst", ermahne ich mich selbst. Ich stehe auf und krame nach meinem Handy, welches ich während meines Wutausbruches gestern um mich geschleudert habe. Während ich im Bad stehe und mich fertig mache, rufe ich Alice zurück, welche mich 15 mal angerufen hatte. "Wo zum Teufel warst du?! Ich habe mir Sorgen gemacht", schreit sie ins Telefon. "Tut mir Leid. Ich bin wohl am Boden eingeschlafen. Ich hole dich in 15 Minuten ab, dann reden wir über alles.", lüge ich ins Telefon. Sie weiß, dass ich mit dieser Notlüge nicht weit kommen werde, murmelt aber ein leises "bis dann" ins Telefon bevor sie auflegt. Fertig gemacht, laufe ich schnell die Treppen hinunter und informiere meine Mutter, dass ich später nach Hause kommen werde. "Joyce, du hast noch nichts gefrühstückt heute!", protestiert sie, jedoch bin ich schon zur Tür raus und versuche mein altes Auto wieder zum Laufen zu bringen. Wie immer viel zu schnell eile ich zu Alice' Haus und zucke zusammen, als ich sie dort stehen sehe. Meine beste Freundin steht da am Straßenrand und wartet auf mich. Ihr schwarzer Rucksack steht vor ihr am Boden, die Hände in den Taschen eines Oversize-Hoodies, die dürren Beine in schwarzen Strumpfhosen und die grau gefärbten Haare in einem wirren Pferdeschwanz. Alice ist in den letzten Wochen noch viel mehr abgemagert und ich, Idiot, bin so auf mich selbst fokussiert, dass ich das nicht einmal beachtet habe. Bevor sie auf mich zukommen kann, steife ich aus und laufe zu ihr. "Was war den los verdammt?!", faucht sie mich an, "Wo warst du wirklich?" "Bin abgedriftet in meine Gedanken", hauchte ich, meinen Blick fest auf ihre abgemagerten Knochen gerichtet. Ohne uns abzusprechen setzen wir uns zeitgleich auf die Stufen der kleinen weißen Veranda. Ich spüre Alice' Blick auf mir ruhen, doch ich wage es nicht, sie anzublicken. Ihr verzweifeltes Wimmern lässt mich letztendlich doch aufschauen. "Du kannst sowas nicht machen. Ich bin diejenige, die kaputt ist, nicht du. Ich wollte dich niemals mit reinziehen. Ich will dich nicht auch kaputtmachen", schluchzt sie. Vorsichtig lege ich einen Arm um sie. "Du machst mich nicht kaputt. Niemand kann etwas dafür, dass wir beide so kaputt sind. Nicht du und nicht ich. Es sind die Krankheiten, die wir nicht steuern können, die uns zu denen machen, die wir sind" Mitfühlend sieht sie mich an und wir beide wissen, dass wir heute nicht mehr in die Schule gehen werden. Sanft drücke ich ihr einen Kuss auf die Stirn und streife ihr das graue Haar aus dem Gesicht, als ich in meinem Blickwinkel einen gutaussehenden Jungen unter der großen Eiche sitzen sehe. "Geh schon mal vor, ich muss noch kurz was erledigen", sage ich zu Alice, stehe auf und gehe, ohne zu wissen was ich eigentlich sagen will, auf den Jungen zu. Unsere Blicke treffen sich auf halben Weg und er starrt mich entsetzt an. In seinen Augen liegt was verletzliches und trauriges. Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus, bevor ich Zeit habe, sie zu stoppen. "Hi du, ich bin Joyce McMilian. Wir kennen uns zwar nicht, aber ich habe dich hier so alleine sitzen sehen und Alice, meine Freundin und ich machen heute blau und werden uns den ganzen Tag schlechte Filme ansehen. Willst du uns denn nicht Gesellschaft leisten?"
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Soul.
Teen FictionWas ist, wenn alles schief läuft? Wenn es sich anfühlt, als würde sich jeder gegen dich stellen? Doch in der schwierigsten Zeit ein Mensch in deinem Leben auftaucht, der dir nach dem Fall beim Aufstehen hilft? Dies ist die Geschichte von Joyce McMi...
