Prolog

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Langsam erlangte Carmen das Bewusstsein wieder. Etwas Spitzes bohrte sich in ihre Seite, und sie konnte sich nicht bewegen. Blut tropfte aus ihrer Nase in den grauen Staub. Sie atmete nur flach, das Luftholen schmerzte zu sehr. Was war ge­schehen? Die Hochzeit ... der Heimweg ...

»Wir müssen sie sofort ins Krankenhaus fahren!«, hörte sie ein Mädchen rufen. War das nicht Elena?

»Halt endlich deine verdammte Klappe!«, sagte ein Mann. Auch diese Stimme kam ihr bekannt vor.

Carmen versuchte zu schreien, aber aus ihrem Hals drang nur ein Gurgeln. In diesem Moment packte sie jemand grob an den Armen, als wäre sie ein Sack Mörtel. Das Letzte, was sie wahrnahm, ehe sie das Bewusstsein erneut verlor, war der Knall einer Heckklappe, die über ihr zuschlug wie ein Sargdeckel.

Als sie wieder erwachte, schaukelte es, als läge sie in einem Wasserbett, nur dass dieses Wasserbett nach Fisch stank. Befand sie sich in einem Boot?

Sie wollte sich aufrichten, doch ihr Körper regte sich nicht. Die Verbindung zwischen Geist und Gliedern schien abgerissen, allein die unentwegten Schmerzen versicherten ihr, dass ihr abtrünniger Körper zumindest noch versuchte, ihr zu antworten. Panik erfasste sie, und sie wollte schreien, aber ihre Lippen waren wie versiegelt, ja, sie war nicht einmal in der Lage, die verklebten Augenlider zu öffnen, um sich zu vergewissern, dass alles nur ein Albtraum war.

Ihr Schmerz pulsierte weiter im Rhythmus der Wellen, gegen die das Boot monoton dröhnend anstampfte. Was war geschehen? War sie gestürzt? Aber warum lag sie dann nicht im Krankenhaus?

Irgendwann wurde der Motor abgestellt. Jemand stieg über sie hinweg und trampelte so stark auf dem Boot herum, dass es zu schaukeln begann.

»Wo ist der verdammte Bleigurt?«, fluchte die Männerstimme von vorhin.

Bleigurt? Sie brauchte einen Verband und keinen Bleigurt.

Der Mann ließ etwas Schweres fallen und beugte sich über sie. Sein Atem stank nach Tabak und Alkohol. Sie fühlte, wie sich eine Hand zwischen den Schiffsboden und ihre Hüfte zwängte. Die andere glitt unter ihre Bluse, und der Mann knetete ihre Brüste, bevor er Carmen auf den Rücken drehte. Beißender Schmerz durchfuhr sie, und etwas Kaltes, Hartes drückte gegen ihre Rippen. Ein Stein? Oder etwa der Bleigurt?

Ihr Herz, das Einzige, was in ihrem Körper noch richtig zu funktionieren schien, pochte heftig. Das kann nur ein Albtraum sein, dachte sie. gelang es ihr, die Augen zu öffnen. Der Mann sprang auf, als hätte sie sich in einen Zombie ver­wandelt. Auch Carmen erschrak. Er war keine Fantasiege­stalt irgendeines bösen Traums, sondern ein Arbeitskollege ihrer Schwester Joana.

»Du lebst noch?«, stammelte er. Trotz ihrer Schmerzen nickte sie.

Er rieb sich seinen Dreitagebart und schien zu überlegen. »Aber nicht mehr lange!« Er bückte sich, um den Bleigürtel über ih­rem Bauchnabel zu schließen. Während sie auf die Bordwand hievte, suchten Carmens taube Finger ver­geblich nach Halt an den Schiffsplanken.

Ihre Blicke trafen sich. Carmens linkes Bein rutschte ab und tauchte bis zum Knie ins eiskalte Wasser. Stumm flehte sie um Gnade: Bitte lass mich am Leben ... Ich bin doch erst fünfzehn ... Ich hab dir nichts getan ... Ich will nicht sterben ...

Aber der einzige Laut, den sie durch ihre Lippen zu pressen vermochte, war »No«. Sie spürte, wie der Mann ein letztes Mal ihre Brüste berührte, und ehe sie vor Schmerz und Angst die Besinnung verlor, hörte sie ihn noch sagen: »Eigentlich schade um dich!«

 Sie spürte, wie der Mann ein letztes Mal ihre Brüste berührte, und ehe sie vor Schmerz und Angst die Besinnung verlor, hörte sie ihn noch sagen: »Eigentlich schade um dich!«

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