Zerbrochen

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Alles verschlingende Dunkelheit herrschte in seinem Kopf. Nichts konnte ihn erreichen, weil die sich bildenden Gedanken sogleich wieder zerstreut wurden. Die Wirklichkeit war für ihn ungreifbar, obwohl er versuchte aus den Tiefen seines Unterbewusstseins aufzutauchen. Etwas hinderte ihn daran die Oberfläche zu erreichen und die Augen zu öffnen. Er wusste nicht wie lange er schon dafür kämpfte aufzuwachen, wieder etwas zu spüren und zu verstehen was passiert war. Nichts gegen diesen Zustand tun zu können machte ihn fast wahnsinnig. Und wieder sank er tiefer in die Finsternis.

Es verging unbestimmbar viel Zeit bis er es das nächste Mal in die Nähe der Oberfläche schaffte. Stunden, Tage, Wochen, er wusste es nicht. Aber dieses Mal war anders, er konnte etwas Licht sehen, ein schwaches Leuchten in der Dunkelheit. Mit aller Kraft strebte er darauf zu und klammerte sich daran, bis sein Bewusstsein endlich erwachte und sich seine Augen qualvoll langsam öffneten.

Ein Husten drang durch die Stille als Gabriel seine Augen aufschlug. Er konnte endlich seinen Körper wieder spüren, aber alles schmerzte, seine Muskeln ließen sich noch nicht bewegen. So blieb er liegen und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Was war passiert? Und sollte er nicht eigentlich tot sein?, waren die ersten Fragen die sich in seinem Kopf bildeten. Das letzte an was er sich erinnern konnte waren eine Explosion, unendliche Schmerzen, Blut, herum fliegendes Metall, Schreie. Vorsichtig bewegte er seinen Kopf, schaute sich um, versuchte herauszufinden wo er war.

Um ihn herum war alles weiß, steril und geordnet. Es sah aus wie ein Labor oder ein Krankenhaus, aber viele der Gerätschaften machten keinen besonders seriösen Eindruck.

Mit Mühe und unter Schmerzen setzte sich Gabe auf. Sein Blick fiel auf seine Hände. Sie sahen anders aus als sonst. Ganz blass, mit leicht gräulicher Färbung. Narben prangten auf den Handrücken, verheilte Schnittwunden auf den Unterarmen. Sein Körper fühlte sich falsch an, wie etwas Kaltes, Düsteres. Er schlug die weiße Bettdecke zurück und keuchte erschrocken auf. Seine ganze Haut sah so aus. Große Narben waren hier und da zu sehen, eine Schnittwunde war unterhalb seines Nabels nur recht schlecht verheilt. Seine Beine fühlten sich taub an und wollten ihm nicht so ganz gehorchen als er aufstehen wollte. Der Schwarzhaarige erhob sich, beziehungsweise versuchte es, denn immer wieder gaben seine Beine unter ihm nach, sodass er sich an dem Krankenbett festhalten musste.

Das heftige Ziehen in seine Brust liess den großen Mann aufkeuchen und er drückte sich die Handfläche gegen den Brustkorb. Dann erschrak er. Dort wo eigentlich ein Herzschlag zu spüren sein sollte war nichts, kein Pochen, kein Puls. Auch nicht als er sich mit den Fingern an die Halsschlagader fasste, um es zu prüfen. Sein Verstand konnte es nicht begreifen, eigentlich dürfte er gar nicht leben, aber sein Körper liess sich bewegen. Instinktiv schaute er sich um, versuchte sich zu orientierten, aber er erkannte nichts vertrautes in der näheren Umgebung.

Gabriel schleppte sich aus dem kleinen Raum heraus, in einen größeren. Dort sah es anders aus. Alles war metallisch und militärisch, aber genauso klinisch rein. Auf einem Tisch lag schwarze Kleidung, diese schnappte er sich und zog sie an, denn nackt wollte er nicht eventuellen Gefahren begegnen. Der lange Mantel reichte fast bis zum Boden, die schweren Stiefel fühlten sich an wie für den Kampfeinsatz gemacht und das Oberteil war ganz bestimmt schusssicher. Als er sich weiter umschaute entdeckte er zwei Schrotflinten, die auf ihn zu warten schienen. Ohne darüber nachzudenken ergriff er die zwei schwarzen Waffen und steckte sie in die dafür vorgesehenen Holster an seinem Körper.

Seine Hände schienen empfindlicher als sonst zu sein und er wollte auch diese seltsame Hautfarbe nicht mehr sehen, also zog er auch die daneben liegenden Handschuhe an, an dessen Fingerspitzen sich lange, scharfe Krallen befanden. Sein geschulter Soldateninstinkt war wohl noch vollständig vorhanden, sodass er sich vorsichtig bewegte und dafür sorgte das er einen Angriff überleben würde.

Als er sich lautlos durch die Gänge bewegte blieb er vor einem großen Fenster stehen. Draußen war es finster, nur sein Antlitz spiegelte sich in der sauberen Scheibe. Ein erschrockener Laut entfloh seine Kehle als er das was einmal sein Gesicht gewesen ist erblickte. Seine eigentlich dunkelbraunen Augen leuchteten dämonisch rot, Narben zogen sich über seine Wange und seine Lippen waren blass, fasst bläulich. Unsicher öffnete er seinen Mund, nur um auch dort Veränderungen festzustellen. Er hatte nun zwei spitze Reißzähne und seine Zähnen schienen algemein schärfer zu sein. Fassungslos schüttelte er den Kopf, wollte nicht wahrhaben was aus ihm geworden war. Ein verzweifeltes, dunkles Lachen drang aus seiner trockenen Kehle, während etwas in ihm zersplitterte wie dünnes Glas. Selbst seine Stimme klang dunkler, verzerrter. Sein Geist konnte das alles nicht erfassen, er fühlte sich kaputt. Wie etwas das zerbrochen ist und dessen Teile jetzt nicht mehr zusammen passten.

Schwarzer Rauch stieg um ihn herum auf als Gabriels krallenbewehrte Hand das Glas berührte, was diese Fratze widerspiegelte, welche von seinem Selbst übrig geblieben war. Hass bahnte sich seinen Weg durch das zerbrochene Bewusstsein und er beschloss Rache zu nehmen an der Person, der ihm das angetan hatte. Nichts würde ihn stoppen können, Zorn war schon immer sein enger Weggefährte gewesen.

Er machte sich auf den Weg raus aus diesem Gebäude, weg von all den Dingen, die ihn zu dem gemacht hatten was er jetzt war. Ein Monster, ein wandelnder Toter mit fehlender Vergangenheit und endlosem Hass in seinem stillstehenden Herzen.

Kurz bevor sich die letzte Tür nach draußen öffnete fiel sein Blick auf eine weiße Maske, die an der Wand hing. Er ergriff sie und starrte auf das blasse Metall, das die Form eines Totenkopfes hatte. Ohne zu zögern setzte er diese auf und zog sich die schwarze Kapuze über den Kopf. Jetzt wusste er zu was er geworden war, wie man ihn von nun an nennen würde.

Reaper..


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