Deine Seele

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Ich sah in deine Seele. Der unsterbliche Part des menschlichen Daseins. Ungesehen von allem, was lebenden Sinnen unterworfen war. Und so sah ich dies, frei von allem Leben, in dir. Nicht nur in dir. In allen Menschen. Es war ein langer, unaussprechlicher Prozess, ehe ich mich dazu in der Lage sah. Mein Wissensdurst, angetrieben von dem innigen Wunsch, die pure Quintessenz menschlicher Emotionen zu erforschen, sah sich bis vor kurzem an einer Einbahnstraße. Doch dann sah ich dich. Erkannte mit einem Mal, dass das Herz mitnichten zu dem Ziel meiner Forschungsarbeiten gehören sollte. Hier in diesem, von allmählich eintretender Abenddämmerung ins Orange getauchten Spielplatz, ein Stück entfernt von der eigentlichen Ortschaft hieltest du dich auf. Du warst nicht alleine. Zwei junge Frauen waren schon seit einer ganzen Weile deine Begleiterinnen. Man hätte meinen können, dass sie lediglich aus freundschaftlicher Absicht ihre Zeit mit dir verbrachten. Doch als ihr dort in dieser runden Hängeschaukel zu dritt begonnen hattet, Körperflüssigkeiten per Kontakt euer Münder auszutauschen, wurde ich eines besseren belehrt.

Es war zutiefst seltsam. Eigentlich definierte sich der Mensch zwar als Rudeltier, doch zeichnete er sich doch als monogames Säugetier aus. Eine der vielen Dinge, die ich an deiner Rasse noch nie verstand. Vor langer Zeit war ich zwar selbst einmal ein solches Individuum gewesen, doch dies ist nun schon länger her, als ich es zu benennen vermochte. Es war mir nicht möglich zu definieren, zu was für einem Wesen ich wurde. Ich existierte einfach. Doch du. Du warst ein Mensch. Und was für einer. Dort auf dieser runden Schaukel mit deinen beiden Gespielinnen. Eure Küsse ließen gerade deine Aura pulsieren. Die Essenz deiner Seele. Geformt als körperumfassenden, rauchähnlichen Schleier, verschiedenster Farben. Die Auren deiner beiden Konkubinen flackerten schwach rötlich. Hatten keinerlei Intensität inne. Wirkten auf mich wie in Abhängigkeit niederer Triebe und Rauschmittel hervorgerufene Gefühlszustände. Sie waren nicht echt. Doch dein Schleier. So viele Farben. Blau. Grün. Gelb. Rot. Diese vier mischten sich nicht. Sie schienen eher um den Vorsitz zu streiten, indem sie versuchten, die jeweils anderen Farben in ihrer Stärke zu übertreffen und zu verdrängen. Selten hatte mich etwas derart in seinen Bann gezogen. Ich musste dich einfach untersuchen. Den Ursprung deiner Seele erforschen. Ich sah deine Seele.

Gerade, als ich mich zu fragen begann, wann ihr euer präkoitales Geplänkel an einen gemütlicheren Ort verlagert, kam von einer deiner Lustdamen, ob ihr nicht lieber zu ihr wollen würdet. Ihre roten Haare passten zu der rötlich, beinahe armselig pulsierenden Aura. Die Seele dieser Gespielin war nicht einmal im Ansatz meines Interesses würdig. Ebenso wie die der Brünetten. Du lächeltest die Rote an. Stimmtest ihr wollüstig zu. Ich fragte mich, weshalb deine Seele so intensiv pulsierte, obgleich du selbigen unverständlichen Trieben verfallen warst. Im selben Gedankengang stieg etwas, dass sich ganz nach Vorfreude anfühlte, in mir hoch. Du und deine Gespielinnen erhobt euch von der Schaukel und schrittet gemächlich verschlungen in meine Richtung. War es schon Zeit, mich dir zu zeigen, mein wertes Forschungssuubjekt? Wahrscheinlich schon. Niemand erkannte mich, wenn ich es nicht so wollte. Es war stets so amüsant zu beobachten, wie schnell die Gesichtsfarbe aus euch Menschen verschwand, wenn ihr mich erblicktet. So auch bei dir. Wie angewurzelt bliebt ihr direkt vor mir stehen. Starrtet mich entsetzt an. Eure Auren veränderten sich. Vorallem deine. Nun hatte ein Farbgemisch Vorsitz in deinem Körper. Es war braun. Ich konnte nicht deuten, was das zu bedeuten hatte. Es faszinierte mich nur noch mehr. Deine Konkubienen wurden blass violett. Interessant, doch kam diese Veränderung niemals an die deinige heran.

Und obgleich du eine tief in dir verankerte Angst verspürtest, gelang es dir, sie zurückzuschieben und dich mir entgegenzustellen. Mein Anblick war wohl doch nicht Grund genug, dass du Rückzug erwogst, nicht wahr? Dabei hing mir mein fauliges Fleisch stellenweise vom bereits gelblich aussehenden Körper. Dazu die gräuliche Totenverfärbung, welche sich wie eine Grundierung unter das gelbliche legte. Noch nie konnte mich ein Mensch länger als einige Sekunden betrachten, ohne sein Essen peroral wieder abzusondern. Dazu meine hölzerne Keule, in welche rostige Nägel eingearbeitet waren, die Spuren getrockneten Blutes aufwiesen. Mein Anblick war wahrlich kein sonderlich angenehmer und doch hieltest du ihm stand. Du ahntest ja nicht, wie du für mich mit jeder Sekunde interessanter wurdest.
"Was für ein geiles Kostüm du hast, Alter.", sagtest du zu mir und umrundetest mich, wie ein Schaulustiger, der sich ein neuartiges Tier zu Gemüte führen wollte. Ich schwieg. Meine Stimme wäre sicherlich noch um einiges beunruhigender gewesen, vorallem für deine Konkubinen, die noch immer ängstlich dreinblickten. Du beendetest deine Umrundung und standst wieder direkt vor mir. Ich legte meinen Kopf schief.

"Kein Grund zur Sorge Mädels. Bald findet doch dieses Kostümevent statt. Ich glaube, unser Freund hier, trägt seines schon mal ein, nicht wahr?", fügtest du deinem Versuch der rationalen Erklärung hinzu. Interessant. Scheinbar glaubtest du dir das sogar selbst. Auch deine potentiellen Lustpartnerinnen schienen sich ebenfalls allmählich zu beruhigen. Ich musste zugeben, dass ich den baldig aufkommenden Schreckensmoment genießen würde. Ihr drei machtet anstalten, an mir vorbei, in euer Lustschlösschen zu wandern. Nun war der Moment gekommen. Die Rothaarige ging gerade an mir vorbei, als die Nagelkeule mit voller Gewalt Freundschaft mit ihrem zur Perfektion zurechtgeschminkten Gesicht schloss. Die Brünette und du realisiertet zu spät, was gerade geschah. Da zertrümmerte meine Waffe skrupellos den Rest von dem, was deine Gespielin noch vor wenigen Sekunden "Gesicht" nennen konnte. Die Aura der Rothaarigen erlosch erstaunlich schnell. Ob das mit der Brünetten auch geschah? Das Geschrei eben jener Riss mich aus meiner wissenschaftlichen Beobachtung. Du wurdest von deinem menschlichen Instinkt des Kampfes übermannt. Mutig stelltest du dich mir entgegen. Obgleich dir dieses Stück Koitusfleisch nichts bedeutete, wolltest du dich rächen? Ihr Menschen. So absolut Anti-rational.

Ein Fausthieb traf mich sogar ins Gesicht. Hätte ich noch ein intaktes Nervensystem, hätte ich sicherlich Schmerz empfunden. Doch dadurch, dass ich schon des Längeren nicht mehr unter den Lebenden weilte, hatte sich auch dies erledigt.
"Du wirst ein wunderbares Forschungsobjekt abgeben.", sagte ich mit kratziger, tiefer Stimme. Hatte meine Stimme schon so lange nicht mehr benutzt. Deine Aura. Sie wandelte sich. Wurde dunkler. Ich war selten so fasziniert. Nicht einmal zu Lebzeiten, hatte mich etwas derart fasziniert. Meine Stimme ließ dich so stark zurückschrecken, dass du beinahe über die Leiche deiner Ex-Gespielin stolpertest.
"Renn, Maria!", schriest du zu der Brünetten. Sie verstand sofort. Nahm die Beine in die Hand. Ich könnte sie verfolgen, aber damit riskierte ich, dass du mir entkamst. Das konnte ich mitnichten zulassen.
"Mein Interesse gilt nur dir.", sagte ich und formte meinen Mund, der lediglich in letzten Fetzen hing zu einem deformierten Grinsen. Deine Augen weiteten sich schockiert.
"Warum?", hauchtest du, scheinbar vor Angst. Und wieder verfärbte sich die Aura deine Seele. Flackerte wild, wie eine Flamme, die panisch die lebensrettende Luft zu verschlingen versuchte.

Ich antwortete nicht. Ließ stattdessen Taten sprechen. Meine Nagelkeule vereinigte sich mit deiner überraschend weichen Bauchdecke. Dein gellender Schmerzensschrei ließ einige Vögel in der unmittelbaren Umgebung von den Bäumen fliehen. Die langweilige Brünette konnte ich guten Gewissens fliehen lassen. Ehe es ihr gelang, Hilfe zu rufen, war ich schon drei mal mit dir fertig. Du versuchtest wegzukriechen. Das Geräusch zerberstender Knochen, die durch meinen Hieb der Keule gegen deinen Arm hervorgerufen wurde, ließ mich wissen, dass dein Versuch von keinem sonderlichen Erfolg gekrönt war.
"Dein Geschrei behindert mich beim Nachdenken.", knurrte ich und schlug immer und immer wieder auf deinen Oberkörper ein. Solange, bis dein ehemaliger Torso nunmehr eine zerstörte Formation aus Knochenteilen, matschigem Fleisch und Blut war. Immerhin war dein Kopf intakt. Deine Aura begann zu erlischen. Es wurde Zeit, mir das Innere deines Kopfes zu Gemüte zu ziehen. Die Nagelkeule knackte deinen Schädel leichter, als eine Walnuss. Dein Denkzentrum war leider nur noch ein matschiges rosa Etwas.

Mir war, als würde die Gesamtheit aller Farben vor meinen Augen explodieren. Alles, was dich je ausmachte, wurde mir gewahr. Wut. Angst. Trauer. Glück. Liebe. Deine Vergangenheit und potentielle Zukunft zwängte sich in meine noch halbwegs intakten Synapsen. Die Essenz der Emotionen. Endlich hatte ich sie erkannt. Ich sah in deine Seele. Nein. Ich nahm sie in mir auf. Etwas in mir veränderte sich. War mir nur nicht sicher, was genau passierte. Und so wandelte ich fasziniert von dem unerklärlichen Aufschwung menschlicher Emotionen durch die Straßen des Ortes, den ihr euer Zuhause nanntet. Bis ich ohne Vorwarnung hinterrücks umarmt wurde. Dann kam die Brünette vor mein Sichtfeld. Sie umarmte mich? Warum!? Ich verstand euch Menschen absolut nicht. Aber gut, dass ich sie nun nicht mehr suchen brauchte.
"Oh mein Gott, Jimmy. Ich bin ja so froh, dass dir nichts passiert ist? Wie bist du dieses....Vieh losgeworden?", fragt mich die seltsame Gespielin, dessen Namen ich wunderlicherweise im Gedächtnis hatte. Maria. Ich...verstand nicht... Dann fiel mir etwas in der Spiegelung der Fensterscheiben zu meiner linken auf. Nun wurde mir alles klar. Ich begann breit zu lächeln. Ich nahm also nicht nur deine Seele auf. Nein, ich wurde du. Jedenfalls im Äußeren. Das veränderte einiges. Sogesehen waren meine Forschungen noch lange nicht abgeschlossen, denn ich sah nun in deine Seele, Maria..

Des Lords CreepypastasWo Geschichten leben. Entdecke jetzt