Eine Person, die ich einmal kannte, ein paar Songs, die ich schon lange nicht mehr gehört hatte, zu viel Alkohol und zu wenige gute Gespräche, wo sie doch so nötig gewesen wären, hatten mein Wochenende zu einer sehr kurzen, aber dennoch verwirrenden, beschämenden und vor allem erniedrigenden Ära gemacht.
So hätte ich also eigentlich glücklich sein müssen, als mein Wecker am Montag um 7:15 Uhr klingelte, das einzige, was sich nicht verändert hatte, und mich in mein gewohntes Umfeld zurückrief.
Dennoch sträubte sich alles in mir dagegen, meinem Beruf nachzugehen, und dabei waren es nicht einmal die Nachwirkungen des Alkohols, sondern viel mehr die Nachwirkungen meiner Gefühle, denn diese würden sich nicht mit ein wenig Kaffee und Aspirin vertreiben lassen.
Mit meinen 23 Jahren war ich der jüngste Mitarbeiter meiner Einheit, aber ich muss wohl in den Prüfungen wirklich gut gewesen sein, denn sie wollten mich sofort nach der Ausbildung, um mich in ein kleines, schlecht durchlüftetes Büro zu verfrachten, wo mir regelmäßig Laptops, Handys, Festplatten und andere digitale Medien vorgesetzt wurden, welche ich dann auf Beweise durchsuchte. Ironischerweise war das, was ich fand, oftmals so viel mehr wert als DNA oder Fingerabdrücke.
Ich platzierte meinen übergroßen Kaffeebecher an der gewohnten Stelle am hinteren Teil meines Tisches und setzte mich seufzend an den neuen Fall, der mir zugeteilt worden war.
An diesem Montag also las ich mich in einen neuen Fall ein.
Der Mann, dessen Medien ich vor mir liegen sah, war erst 26, dennoch ein professioneller Drogendealer, der verdächtigt wurde, den schmutzigeren Teil seines ohnehin schon schmutzigen Geldes mit Zuhälterei zu verdienen.
„Arschloch", fluchte ich leise in mich hinein, während ich begann, seine Passwörter zu knacken, und versank für die nächsten Stunden in dieser erstaunlich schwierigen Arbeit.
Während der Pause, in der ich den längst lauwarmen, viel zu starken Kaffee trank und Mentholzigaretten rauchte, fragte ich mich, ob das „Arschloch" von vorhin an den Dealer, meinen Vorgesetzten oder an mich gerichtet war. Unwillig, die Antwort herauszufinden, ging ich wieder an die Arbeit, wo ich einen epischen Walzer mit Algorithmen tanzte, bis ich am Abend schließlich in das System eindringen konnte. Je krimineller die Menschen waren, desto besser die Systeme.
An diesem Tag lernte ich, dass das beste Mittel gegen schwierige Fragen die das Überdecken dieser mit noch schwierigeren Fragen war.
Am Dienstag begann ich, den Laptop des Verdächtigten zu durchsuchen. Sein Name war Daniel, er hatte allerdings mehr Decknamen als ich Freunde, wie mir schien.
Ich begann, seine E-Mails zu durchsuchen, und es dauerte nicht lange, bis ich lange Schilderungen geplanter Taten fand, die er mit Komplizen besprach. Mir war lange kein Mensch mehr untergekommen, der so Böses so harmlos besprach und damit umging, als sei es nichts, was überhaupt von Bedeutung wäre. Der Mann ekelte mich an, ich begann ihn inständig zu hassen für all das Blut an seinen Händen und dafür, dass er des Nachts trotz eben dieses Blutes hatte ruhig schlafen können, während mir selbst kleinste Fehler von mir in der Seele brannten und mir den Schlaf raubten.
Ich hatte bereits am Nachmittag seinen Laptop und eines seiner Mobiltelefone zur Genüge durchsucht, und die Beweise reichten schon jetzt um ihn für eine sehr, sehr lange Zeit die Sonne aus dem vergitterten Fenster einer Gefängniszelle heraus aufgehen sehen zu lassen, doch ich suchte weiter. Und so fand ich, was ich nicht brauchte, was ich auch nicht erwartet hatte, und was mir doch am bekanntesten vorkam und mir schließlich am meisten nützen sollte: Ein Mädchen. Ihr Name war Penny und offenbar war sie die Freundin dieses Mannes. Auf seinem privaten Handy fand ich einen Chatverlauf mit ihr, und sie war mit einem roten Herzen eingespeichert, was mich in Anbetracht der sonst waltenden Härte Daniels verwunderte. Sollte er wirklich jemanden geliebt haben? War jemand wie er überhaupt im Stande, wirklich zu lieben?
Und dann begann ich, den Verlauf zu lesen, und ich begriff. Dieses Mädchen würde sogar lieben, wer des Liebens nicht mächtig war. Sie war klug, und das nicht auf eine niederschmetternde Weise, oder auf eine belehrende Weise, sondern auf eine aufbauende, beruhigende Weise. Ich spürte die Stärke, die von ihr auf Daniel übergegangen sein musste, am eigenen Leib während ich las. Jede Nachricht von ihr war voller Liebe, Stärke, Weisheit und Schönheit, dass ich nicht im Stande war, mich selbst nicht in sie zu verlieben.
Und so begann ich, nach ihr zu suchen. Nach Nachrichten von ihr, Profilen und Geschichten von ihr, nach Infos über sie, und ich fand, was ich suchte: Sie war erst 19, hatte aber eine Menge durchleben müssen. Sie und Daniel waren noch nicht lange zusammen gewesen, bevor man ihn festnahm, aber sie liebte ihn offenbar sehr. Es brach mir das Herz zu lesen, wie sie ihm von allen Männern vor ihm erzählte, dass sie alle sie nicht geliebt, sondern nur benutzt hatten. Und offenbar war sie über die schmutzigen Machenschaften ihres Freundes nicht im Bilde gewesen. In mir verkrampfte sich etwas, wenn ich mir vorzustellen versuchte, wie es für dieses Mädchen sein würde, herauszufinden, wer Daniel hinter den Facetten eines romantischen, gefühlvollen Verehrers war.
Ich fuhr am Abend später nach Hause als sonst. Meine Augen waren müde, doch in meinem Herzen spürte ich etwas, das ich lange nicht erfahren hatte: Hoffnung. Mit all dem, was Penny geschrieben hatte, mit ihren Worten auf langen Sprachnotizen und der klarsten Stimme, die ich jemals gehört hatte, pflanzte sie Hoffnung in mein schrumpfendes Herz, die es wieder wachsen lassen sollte. Ich wusste nicht einmal, worauf ich nun hoffte, es war nichts Besonderes, es war einfach der Gedanke, dass alles besser werden würde, dass im Grunde alles gar nicht so schlimm war, dass die Titanic doch noch dem Eisberg ausweichen würde.
Am Mittwoch hätte ich den Bericht schreiben sollen. Ich hätte die Beweise dokumentieren und deren Glaubwürdigkeit einschätzen sollen. Ich hätte noch einmal alles durchgehen sollen. Ich hätte den Fall abschließen sollen.
Aber ich tat nichts dergleichen, ich saß da und las immer und immer wieder die Worte Pennys, suchte nach Bildern von ihr und fand nur noch mehr Worte.
Mein Vorgesetzter kam am Abend zu mir, fragte nach dem Bericht und schrie mich an, warum ich so langsam sei. Ich erwiderte nur, dass ich in vierundzwanzig Stunden fertig sein würde. Nicht wirklich erfreut verließ er mich, erlaubte mir, zurück in die Geborgenheit dieses Mädchens zu gehen. Ich schrieb in dieser Nacht den Bericht, machte es wirklich gründlich und war am Ende sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Ich erwähnte die Freundin des Verdächtigten nur am Rande, sie habe nichts gewusst, sie habe ihn als einen guten, sensiblen Mann kennengelernt, von ihr wäre nichts zu befürchten. Meine Recherchen unterstützten diese Aussagen, dennoch fragte ich mich instinktiv, ob ein so kluger Mensch wie Penny wirklich nichts geahnt haben sollte.
Als ich nach Hause fuhr, war es beinahe fünf Uhr morgens, und ich entschied mich, gar nicht erst schlafen zu gehen. Ich duschte, kochte mir eine utopisch große Menge Kaffee, frühstückte ausgiebig, kleidete mich so, dass es aussah als wäre ich mit der Welt im Reinen und sah zu, wie die Sonne aufging. Dann fuhr ich wieder los, früher als sonst.
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Unscheinbare Liebe
Short StoryEine Person, die ich einmal kannte, ein paar Songs, die ich schon lange nicht mehr gehört hatte, zu viel Alkohol und zu wenige gute Gespräche, wo sie doch so nötig gewesen wären, hatten mein Wochenende zu einer sehr kurzen, aber dennoch verwirrenden...
