Natur

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Ihre braunen, tiefgründigen Augen schauten mich geheimnisvoll an. Sie blickte zu Boden, die langen Wimpern warfen Schatten auf ihre, von der Kälte geröteten, Wangen und als sie den Blick langsam, fast schon zaghaft, wieder hob, hatte ich das Gefühl, sie hätte mich mit ihrer Seele gefangen. Ich glaubte immer, dass braun eine langweilige, unspektakuläre Farbe sei, aber schon als sie mich zum ersten Mal betrachtet hatte, vergaß ich, warum ich das jemals gedacht hatte. Diese Augen waren von einem bodenlosem braun, anziehend, sie ähnelten einem Waldrand, dessen Dunkelheit hinter den Bäumen nach mir rief und mich lockte tiefer zu laufen, immer tiefer. Wenn sie mich ansah, dann war es mir nicht möglich mich von ihr wegzureißen, denn ich verlor mich zwischen Stämmen, die nur in ihren Augen existierten und es war, als würde mich etwas immer weiter zu den Schatten dahinter leiten, dorthin wo die Nuancen der Finsternis mehr als schwarz waren. Irgendetwas zog mich weiter hinein, es war wie eine leise Melodie, die mich, wie süßer, klebriger Honig, schläfrig machte und mich nicht nachdenken ließ, sondern nur fortwährend inniger in einen Bann zog, der mich einlullte. Nein, mein Geist sollte nicht so schwach sein, sich nicht so verzaubern lassen, deshalb schüttelte ich rasch den Kopf und brach den Blickkontakt ab, auch wenn ich erst den Bruchteil einer Sekunde zu spät wegschaute. „ Es ist ziemlich kalt, findest du nicht auch?“, ich musste mich räuspern, da mein Hals, während der Träumerei, trocken geworden war und nun dunkler, rauchiger klang. Als sie sprach, erwischte ich mich dabei, wie ich ihre Lippen anstarrte: „ Nun, es ist ja auch Ende November, was erwartest du?“ Dabei entging mir nicht, dass sie flüchtig lächelte, was wiederum mich breit lächeln ließ. Sie lächelte nicht oft, niemand hatte sie bisher wirklich lächeln gesehen, aber ich hatte schon vor einiger Zeit erkannt, dass sie stattdessen mit ihren Augen lächelte. In ihren Augen flammte dann ein Funkeln auf, wie Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch das dichte Geäst bahnen und jede Art von Schwärze durchbrechen. Eine Windböe kam, wehte ihr durch das feine, braune Haar, das fast schwarz aussah. Wie konnte jemand mit so dunklen Haaren, doch eine so helle, blasse Haut haben, die wie feinstes Porzellan wirkte? So wunderschöne, weiße Haut... sie sah so samtig weich aus… Erschrocken riss ich mich wieder aus meinen Gedanken, peinlich berührt, weil ich seit einer kleinen Ewigkeit weder etwas gesagt, noch aufgehört hatte sie anzuschauen. Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen, dann blickte ich das Mädchen wieder an: „ Was machst du eigentlich an einem so kalten Tag hier im Wald, besonders in diesem Teil, der so düster ist?“ Sie schloss ihre Lider, sog die Luft ein und flüsterte ungläubig: „ Wie kannst du das nicht wissen?“, dann begann sie sanfter, bewundernder fortzufahren: „ Atme ein, kannst du nicht diesen kalten Moschusduft riechen? Hier kann man den Geruch des Lebens vernehmen, das Vergangene, das Abgestorbene, das irgendwann wieder zu etwas Neuem wird. Überall liegt nasses Laub, fällt dir das frische, schwere Aroma von ihm nicht auf? Kannst du nicht den Wind durch die Kronen der Bäume seufzen hören, ganz leise nur, wie ein Wispern von Stärke und Freiheit? Lausche, achte auf das Rascheln, das die Blätter machen, wenn sie sich berühren und aneinander reiben oder auch aneinander vorbei. Hast du nicht auch das Gefühl, dass du dann ein Teil von etwas großem bist? Von etwas altem, natürlichem? Spürst du nicht diese bedeutende Aura um dich herum, die dich niemals einsam fühlen lässt? Der Wald lässt jede Spur der Gesellschaft in dir, zumindest für eine kurze Zeit, verschwinden, er glättet dir deine Haut, die sich durch Worte und Taten verändert hat. Du kannst dich hier selbst finden, neu erfinden, dich einfach kreieren, ohne dass jemand dich oder dein zukünftiges Ich zerstören kann. Hier ist es ruhig, ohne dass die Stille laut ist und überall, wirklich überall ist das Leben. Es ist unter dir, in den sich zersetzenden Laubschichten, neben dir, wenn kleine Lebewesen Nahrung suchen. Der Baum, der hinter dir steht und an dessen starke Präsenz du dich anlehnst oder über dir, wenn ein Vogel durch die Luft fliegt. Was ist mit all den Lebewesen vor dir, die, die du sehen kannst und auch die, die unsichtbar für dich sind?“ Mein Mund stand offen, mein Gehirn versuchte diese Worte aufzunehmen. Ich neigte den Kopf, sah zu Boden und murmelte benommen: „ So habe ich das alles noch gar nicht gesehen, ich komme eher her, um…“ Traurig sah sie mich mit resigniertem Blick an. „ Weißt du, das ist das Problem mit euch. Ihr nehmt nichts wahr, ihr lebt ohne wirklich zu leben und glaubt zu denken, obwohl ihr nicht einmal ansatzweise über Dinge nachdenkt. Ich verstehe euch einfach nicht…“ Sie schien so enttäuscht und noch bevor ich etwas sagen konnte, verschwand sie zwischen dunklen Baumstämmen, wie meine Gedanken es denen ihrer Augen gleichtaten. Nur ich blieb noch zurück, einsam in der Kälte stehend, obwohl sie doch sagte, dass der Wald einen niemals so fühlen lassen würde, aber selbst das alles um mich herum konnte mich nicht davon ablenken daran zu denken, wie sie geschaut hatte, bevor sie gegangen war. Verwirrt versuchte ich meine Gedanken zu ordnen, da ich nicht genau verstand, was sie mit diesem ‚Ihr‘ meinte und ich wusste auch nicht, warum ihre Reaktion auf meinen Satz so gefühlsstark war. Wie betäubt stand ich weiterhin in der Kälte, ich starrte zu den dunklen Schemen hinter den Bäumen, die mich so lockten, wie sonst nur ihre Blicke es vermochten und langsam begann der graue Himmel sich immer dunkler zu verfärben.

MelancholieWhere stories live. Discover now