Die letzte Wahrheit der Krähe

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Es ist faszinierend, wie unterschiedlich Menschen sein können. Während die einen die Ruhe vorziehen und die Einsamkeit genießen, können die Anderen nicht alleine sein und brauchen die Aufmerksamkeit anderer Individuen. Manche scheinen regelrecht ohne diese zu ersticken.
Und doch sind wir in manchen Dingen alle gleich. Alle Menschen brauchen irgendwann Mal Gesellschaft, weil wir sonst sterben würden, was im Übrigen eine Tatsache ist. Das hört sich plump an, aber doch gehört auch das zum Charakter eines jeden Menschen.
Die kleinen und scheinbar unwichtig wirkenden Dinge machen unseren Charakter allerdings erst vollständig und rund. Alleine, was unsere Lieblingsfarbe ist, macht uns doch auf eine merkwürdige Weise zu einem kleinen Teil aus.
Innerhalb meines Clans bin ich nie etwas Besonderes gewesen. Und doch war ich anders.
Anders, weil ich ihm versprochen war.
Er, Itachi Uchiha, war der zukünftige Clanerbe und der ganze Stolz von uns Uchihas. Der erste Sohn der Hauptfamilie hatte von allen Uchihas, die im Moment lebten, das ausgeprägteste Sharingan und war für sein Alter der Stärkste von uns allen – zumindest sagte man das und nachdem ich ihn inzwischen hatte kämpfen sehen, war ich der gleichen Meinung.
Damals waren wir beide noch jünger und hatten ebenfalls noch keine Ahnung davon, dass wir irgendwann einmal zukünftige Eheleute sein sollten.
Ich hatte ihn damals auch nur kämpfen sehen, weil ich mit ihn zur gleichen Zeit die Ninjaakademie besuchte. Es war damals selbst für die Lehrer an der Akademie eine Überraschung gewesen wie weit er schon war, auch wenn sie wussten, dass er ein Ausnahmeninja werden würde.
Ich erinnere mich noch gut an seine eleganten Bewegungen. Sein konzentrierter Blick und die Leichtigkeit als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes getan. Ab da an hatte er mein Interesse geweckt. Natürlich hatte ich ihn auch vorher immer irgendwie im Blick gehabt, da er schließlich das Topthema innerhalb meines Clans war, aber da... Da fing ich an mich wirklich und wahrhaftig für ihn zu interessieren und nicht nur, weil ich mitreden wollte.
Jedoch war dieses Interesse bei mir von anderer Natur als bei den anderen Mädchen meiner Klasse. Sie himmelten ihn schon vor dem Kampf regelrecht an, aber nur wegen seinem Aussehen. Gegen das war ich Gott sei Dank größtenteils immun – immerhin lief ich im Clanviertel täglich gutaussehenden Typen über den Weg. Irgendwann war man da fast 'abgehärtet', wenn man es so nennen wollte.
Allerdings hatte ich damals viel zu tun. Immerhin musste ich trainieren, da auch ich den Druck meiner Eltern ausgesetzt war.
Meine Zweig der Familie war eine Randfamilie des Uchihaclans, weswegen wir auch sehr wenig Einfluss hatten, wenn es um Clanangelegenheiten ging. Doch trotz dieser Tatsache war das Sharingan bei uns ebenfalls sehr ausgeprägt, weshalb meine Eltern von mir erwarteten, dass es bei mir auch so sein würde.
Deshalb besuchte ich eigentlich auch nur die Akademie – damit wir wussten, ob ich eine starke oder schwache Erbin war. Sobald es feststand wäre meine Karriere als Shinobi bereits beendet, was im Übrigen schon seit meiner Geburt feststand. Ab diesem Zeitpunkt würden sich meine Eltern überlegen, mit wem ich den Bund der Ehe eingehen sollte und konnte – denn immerhin mussten wir zumindest einen ähnlichen Stand einnehmen. Möglich wurde diese Sache mit Itachi nur dadurch, dass mein Sharingan sehr ausgeprägt war. Dafür hatte ich aber viel tun müssen...
Über dem Stress des damaligen Trainings verlor ich aber dennoch nie Itachi aus den Augen.
Bis ich dann das erste Mal mit ihm redete.
Zu dem Gespräch war es nur wegen seinem kleinen Bruder Sasuke gekommen. Der Kleine war von allen Menschen scheinbar der, der Itachi am meisten am Herzen lag und das merkte man relativ schnell, wenn man sie beobachtete. Es war bewundernswert mit was für einer Fürsorge sich Itachi um seinen kleinen Bruder kümmerte.
Ich hatte mit einem anderen Freund aus der Akademie – Shouta, ein nachdenklicher Junge, der aber auch aus sich heraus kommen konnte und dann mit einem abhing – auf den Spielplatz gespielt, als wir ein Weinen hörten.
Wie sich später herausstellte handelte es sich bei der Person, die weinte um Sasuke, welcher hingefallen war und sich verletzt hatte. Er war damals drei vielleicht vier gewesen und dementsprechend hilfsbedürftig. Nachdem ich mich von Shouta verabschiedet hatte, hatte ich Sasuke mitgenommen und zu sich nach Hause gebracht. Dadurch, dass ich Itachi oftmals beobachtet hatte, wusste ich, um wen es sich bei dem kleinen Jungen handelte.
Als ich dann bei seinem Haus ankam war Itachi sehr dankbar gewesen und so besorgt um den Kleinen, wie ich es dem normalerweise gefühlskalten Typen eigentlich nicht zugetraut hatte.
Wir kamen damals ins Gespräch und wurden irgendwann sowas wie Freunde. Natürlich hat das damals lange gedauert, denn Itachi war kein Mensch, der sofort alle an sich heran ließ. Es hatte mich am Anfang gewundert, dass er überhaupt länger mit mir redete. Das hieß nicht, dass er eine unhöfliche Person war, die nicht antwortete, bei weitem nicht. Er war aber doch so erzogen worden, dass er anderen nicht so schnell vertraute – man musste hier immer mit einem Verrat rechnen.
Irgendwann hatte ich es dann aber doch geschafft eine Art Freundschaft aufzubauen. Selbstverständlich begrüßten wir uns nicht mit 'Küsschen rechts, Küsschen links', sondern waren immer noch distanziert zueinander eingestellt. Allerdings erzählten wir uns immer mehr. Also zumindest ich ihn, denn ich fing an ihm zu vertrauen und er hatte es bis jetzt auch nicht ausgenutzt.
Er hingegen erzählte mir nur gelegentlich etwas. Wie es mit seinem Training lief, wie es Sasuke ging, nach dem ich öfter mal fragte, und auch hin und wieder von seiner Familie. Letzteres war aber so extrem selten, dass ich heute, sechs Jahre nach dem Anfang unserer Freundschaft, diese Male an einer Hand abzählen konnte.
So bekam ich es auch ziemlich gut mit, dass er extreme Fortschritte beim Training machte und ich hatte seinen frühen Abschluss schon vorausgeahnt, aber als er es dann tatsächlich schon schaffte mit sieben Jahren die Akademie abzuschließen, war selbst ich mehr als überrascht.
Ich hingegen musste noch die Akademie besuchen – mein Sharingan war noch nicht erweckt worden. Das erste Mal benutzt hatte ich es schließlich als ich neun war, kurz bevor Itachi die Prüfung zum Chunin erfolgreich absolvierte. Es war eine komische Erfahrung, auch weil mich das zum damaligen Zeitpunkt einfach überkam. Es war schwierig zu beschreiben, wie es sich angefühlt hatte. Einfach merkwürdig.
Aber da meine Eltern dabei gewesen waren – wie gesagt: es hatte mich einfach überkommen -, hatten sie sofort gucken können, wie es ausgeprägt war und das war ebenfalls komisch gewesen. Denn nach einen winzigen Blick hatten sie das Ergebnis schon gewusst. Das Ergebnis: Es war stark ausgeprägt, was die Chancen auf einen angesehen Ehepartner erhöhte.
Ich war noch nie ein Freund von dieser Verlobungssache, einfach, weil ich das als vollkommenen Schwachsinn ansah. Immerhin sollte man doch heiraten, wen man liebte, sonst hatte eine Hochzeit im ursprünglichen Gebrauch doch keinerlei Sinn mehr. Dementsprechend war ich auch dieser 'Partnersuche' gegenüber eingestellt. Es mag einen komisch vorkommen, aber ich war schon mit neun, also vor drei Jahren relativ erwachsen, was aber vor allem an der Erziehung und Kultur meines Clans lag. Wenn ich ehrlich war, mochte ich meinen Clan nicht. Aber man konnte nichts gegen seine Familie machen und zumindest meine Eltern liebte ich und Itachi war auch eine Art Freund geworden, den ich nicht missen wollte.
Schließlich, als ich zehn war, stand mein Zukünftiger Partner fest und für mich änderte sich schlagartig so einiges. Meine Eltern sagten es mir beim Frühstück, kurz bevor ich zu Itachi und Sasuke hinübergehen hatte wollen. Es war merkwürdig gewesen, aber ich hatte mich damals trotzdem nicht daran hindern lassen – allerdings sprach ich Itachi auch nicht auf das Thema an, weil ich unsere Freundschaft nicht hatte gefährden wollen. Wie wäre das denn? Zwei Freunde, die wussten, dass sie heiraten würden? Ich fand die Vorstellung befremdlich und sagte nichts, bis er mich schließlich darauf ansprach. Er sah mir damals nicht in die Augen, sondern starrte einen imaginieren Punkt auf der Wasseroberfläche des Sees an. Alles was er sagte war: »Du weißt es auch schon, oder?«
Ich hatte schnell verstanden, was er meinte, genickt und erwidert: »Und es ist mir egal. Freunde sind Freunde.«

Danach hatten wir nur selten über dieses Thema geredet, wenn es sich vermeiden ließ. Natürlich gab es bestimmte Anlässe zu denen wir gemeinsam erscheinen mussten: Die offizielle Bekanntgabe unserer Verlobung, die Festlichkeiten eines anderen Paares, dass den Bund der Ehe eingegangen war und sonstige familiäre Treffen. Man erwartete das von uns ab diesem Zeitpunkt und wir hielten uns auch meistens daran. Es gab nämlich auch solche Veranstaltungen zu denen ich nicht erscheinen durfte, Itachi hingegen schon.
Mein Alltag bestand inzwischen daraus, im Haushalt meiner Familie zu helfen, da ich diese Aufgaben lernen musste für mein späteres Leben und zur 'normalen' Schule zu gehen, die mir ehrlich gesagt auch besser gefiel als die Ninjaakademie. Einfach, weil ich nicht zum Kämpfen geschaffen war und das obwohl ich eine Uchiha war – so kann's gehen.
Itachi und Sasuke besuchte ich regelmäßig und sah ihnen auch oft beim trainieren zu. Selbst daran beteiligen tat ich mich aber nie. Einerseits, weil ich nicht gerne kämpfte und andererseits, weil ich ihnen ihre gemeinsame Zeit nicht nehmen wollte, die inzwischen sowieso begrenzt worden war.
Itachi hatte für seinen geliebten Bruder Sasuke wenig Zeit, was beiden sehr zuzusetzen schien, und dementsprechend für mich gar keine mehr. Das war nicht schlimm: Ich wusste, dass Sasuke in allen Sachen immer vor mir kommen würde. Natürlich deprimierte einen das, aber viel mehr hätte es das wahrscheinlich getan, wenn ich in ihn verliebt gewesen wäre, aber romantische Gefühle dieser Art hatte ich bis heute nicht für Itachi aufbringen können. Stattdessen betrachtete ich ihn immer noch freundschaftlich und respektvoll, aber mehr war da einfach nicht. Ja, er sah gut aus, war 'ganz nett', aber nicht der Richtige für mich. Das wussten wir beide und trotzdem unternahmen wir nicht einmal den Versuch uns gegen unsere Eltern aufzulehnen – denn der bloße Versuch wäre ohnehin erfolglos gewesen.
Seit ich Itachi also vor drei Jahren versprochen worden war, hatte sich auch in meiner Stellung im Clan einiges getan. Zuvor war ich nur eine gewöhnlich Uchiha, die nicht wirklich 'dazu gehörte', aber inzwischen war mein Zweig der Familie ziemlich angesehen, was aber wahrscheinlich alles nur an den Bündnis zwischen uns beiden lag. Letztendlich machte mir das nicht viel aus. Wieso auch? Ich wurde noch respektvoller behandelt als vorher schon und mir ging es gut.

»Minori!« Abrupt wurde ich aus meinen Gedanken gerissen und sah erschrocken um mich. Ich war gerade auf den Rückweg vom Marktplatz zu dem Haus meiner Eltern, bepackt mit mehreren Taschen, deren Plastikhenkel mir inzwischen unangenehm in das Fleisch meiner Handinnenflächen schnitten.
»Itachi«, begrüßte ich ihn ebenfalls und war ein wenig verwundert, dass er mich auf offener Straße ansprach. Normalerweise besuchte er mich zu Hause, wenn er etwas dringendes von mir wollte, was aber nicht wirklich oft vorkam. Generell sahen wir uns im Moment selten was aber eher an ihm lag, da er sich anscheinend geradezu in die Arbeit bei den Anbu stürzte und keine Zeit mehr für irgendetwas anderes hatte. Nicht einmal für ein Clantreffen, wie ich gehört hatte.
»Was gibt's?«, fragte ich dann und gab ihm, da er es anbot, eine Tüte ab, in der frischer Salat und anderes Obst gelagert worden waren. Itachi nahm sie entgegen, als würde sie gar nichts wiegen und trug sie locker in seiner Hand.
Kurz betrachtete ich ihn. Er hatte sich seine inzwischen lang gewachsenen Haare im Nacken zusammen gebunden und merkwürdigerweise seine Anbukleidung an. Ich hatte ihn noch nie in dieser gesehen und musste zugeben, dass er so gleich ganz anders wirkte. Stärker und bedrohlicher. Außerdem hatte er wie so oft in letzter Zeit ziemliche Augenringe, die in mir unwillkürlich Sorge um meinen besten Freund hochkommen ließen.
»Nichts besonderes. Ich hab dich gesehen und dachte, ich sag mal Hallo, weil wir uns in letzter Zeit doch eher selten begegnen«, antwortete er und setzte ein Lächeln auf. Für mich war schnell ersichtlich, dass das lediglich gefälscht war, jedoch sprach ich ihn hier nicht darauf an. Die ganze Sache kam mir trotzdem komisch vor, wieso wusste ich aber selber nicht genau.
»Gehst du gleich noch auf eine Mission?«, fragte ich, um ein Gespräch in Gang zu bringen und suchte kurz etwas in meiner Tasche, da ich mir plötzlich nicht mehr sicher war, ob ich die Kartoffeln, um die meine Mutter gebeten hatte, wirklich eingekauft hatte. Davon abgelenkt bemerkte ich nicht, wie Itachi neben mir sich plötzlich anspannte, sich aber kurz darauf anscheinend schon wieder gefangen hatte.
»Ja«, war schließlich seine schlichte Antwort und ich zuckte lediglich mit den Schultern, weil mir Itachi trotz allem komisch vorkam, ich aber mein Misstrauern und die Verunsicherung in mir verschließen wollte. Wahrscheinlich würde es einfach nur eine schwierige Aufgabe werden und er war verunsichert oder so.
»Wie lang wirst du weg sein? Soll ich dann zwischendurch nach Sasuke gucken, wie sonst auch?«, bot ich an und schob die Tür zu meinen Elternhaus beiseite, da wir bei diesem inzwischen angekommen waren. Es lag etwas abseits im Uchihaviertel und war von Itachis Haus ein ganzes Stück entfernt, was für ihn aber wahrscheinlich trotzdem ein Katzensprung war – immerhin war er als ausgebildeter Ninja um einiges schneller als ich.
Itachi schwieg und ich blickte verwirrt zu ihm rüber, während ich die Tür wieder hinter mir zuzog. Er sah mir nicht in die Augen, was für ihn ziemlich ungewöhnlich war und langsam keimte in mir das Gefühl hoch, dass hier etwas wirklich nicht stimmte.
»Itachi? Stimmt etwas nicht?«, fragte ich zögerlich und versuchte den Knoten der sich in meinen Magen gebildet hatte, zu ignorieren. Bereits heute morgen hatte ich ein merkwürdiges Gefühl gehabt, das mir gesagt hatte, dass es ein schlechter Tag werden würde, jedoch hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich dieses so ausprägen würde.
Itachi wandte sich ein wenig von mir ab, sodass ich sein Gesicht nicht mehr sah, sondern nur hörte, wie er laut ausatmete und die Tüte mit dem Salat zu Boden sinken ließ. Okay. Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass ganz bestimmt etwas nicht in Ordnung war.
Ich hatte mit vielem gerechnet. Das Itachi sauer auf mich war, mich irgendweshalb hasste, mir sagte, dass ich scheiße bin, eben mit fast allem, aber als er sich mit angespannter Körperhaltung und verkrampften Schultern zu mir drehte, rechnete ich schon damit, dass die Welt unterging, denn er tat etwas, was er sonst nie tat, zumindest hatte ich es noch nie gesehen. Itachi Uchiha, der Meister im Verbergen seiner Gefühle, hatte Tränen in den Augen. Er weinte nicht tatsächlich, aber es war offensichtlich, dass es ihm schlecht ging. Warum auch immer.
Die Sorge um ihn als Freundin kam in mir hoch und ich fragte mich instinktiv, ob etwas mit Sasuke war. Vorsichtig trat ich an ihn heran und legte meine Hand auf seine Schulter, während ich ihm unentwegt in die Augen starrte, die ein Ebenbild von den meinen zu sein schienen und im Uchihaclan üblich waren. Auch vom Äußeren war ich eben nicht auffällig: Schwarze Haare und schwarze Augen, wie sie fast jeder in meinem Clan vorzuweisen hatte.
»Was zum Teufel ist los mit dir?«, fragte ich und meinte kurz etwas in seinen Augen aufblitzen zu sehen, das ich aber nicht zuordnen konnte. Wehmut? Vielleicht.
Itachi antwortete mir nicht, sondern sah mir eine lange Zeit einfach nur in die Augen. In dieser Zeit wurde meine Sorge immer größer und ich war relativ froh, dass meine Eltern nicht da waren – die hätten einen Aufstand gemacht, um zu erfahren, was mit ihm los war. Sie waren schon immer sehr neugierig gewesen, wenn es um ihn ging.
»Itachi, antworte mir doch bitte«, murmelte ich und wusste, dass ich mich verzweifelt anhörte, aber genauso fühlte ich mich auch. Ich liebte ihn nicht, aber doch war er einer der wichtigsten Personen in meinen Leben, um die ich mir dementsprechend schnell, viele Sorgen machte.
»Es tut mir leid«, sagte er und sah mich aus trüben Augen an.
»Du musst dich für nichts entschuldigen. Wenn du es mir nicht sagen willst, dann ist es okay. Aber sei sicher, dass ich dir immer zuhören werde«, meinte ich und lächelte Itachi nun aufrichtig an, in der Hoffnung, es würde vielleicht wieder normal werden. Aber Fehlanzeige: Itachis Gesicht verdunkelte sich noch weiter und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches gesagt hatte.
»Meine Entschuldigung bezog sich auf etwas anderes«, ertönte seine dunkle Stimme ein weiteres Mal und ich zog verwirrt eine Augenbraue nach oben. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er irgendetwas getan hatte, für das er sich entschuldigen musste, weswegen ich mir auch nicht vorstellen konnte, was er meinte.
»Und was?«, fragte ich also skeptisch nach.
Itachi sagte wieder eine lange Zeit nichts – ein Umstand an den ich mich nach der ganzen Zeit in manchen Situationen immer noch nicht gewöhnen konnte -, seufzte dann und zog mich mit einem kräftigen Ruck, den ich nicht hatte kommen sehen, an seine Brust und umarmte mich.
Eine Umarmung teilten wir, wie jeden anderen Körperkontakt, selten: Zu Geburtstagen und anderen wichtigen Feiertagen, aber das war's dann auch schon. Seine plötzliche Nähe kam für mich also mehr als überraschend, allerdings wusste ich jetzt auch nicht, was ihn leid tat.
»Wofür entschuldigst du dich?«, fragte ich also, drehte meinen Kopf auf seiner Schulter so, dass ich ihn in die Augen gucken konnte und beobachtete ihn genau – dabei fiel mir nicht auf, wie er den einen Armen von meinen Rücken gleiten ließ und nach etwas anderen griff.
Itachi sah mir ein weiteres Mal tief in die Augen und ich meinte sowas wie Schuld in ihnen zu erkennen und verstand die Welt nicht mehr. Es gab Tage, die komisch waren... Wirklich komisch. Aber der heutige war merkwürdiger, als alle vorangegangenen.
Plötzlich meinte ich etwas kaltes an meiner Bauchhaut zu spüren – ich hatte wegen den äußerst warmen Temperaturen ein bauchfreies Oberteil gewählt – und sah erschrocken nach unten, weil ich dachte, dass sich dort vielleicht ein Käfer oder sonst etwas hingesetzt hatte, aber es war etwas anderes. Etwas anderes, dass mein Herz dazu brachte, das dreifache der normalen Schlagfrequenz anzustimmen.
Der dunkle Stahl des Kunais, das mit der Spitze an meiner Bauchdecke angesetzt war und leicht pickste, glänzte im Licht der Sonne, das durch das Fenster fiel und schien etwas bedrohliches auszustrahlen. Ich mochte die Dinger noch nie. Sie waren Mordwerkzeuge und meiner Meinung nach hatten sie den Tod selber in sich wohnen.
Die Angst in mir stieg, aber auch der Unglaube. Ich folgte mit meinen Augen langsam den Arm, der das Kunai hielt nach oben. Über Armschoner, der Schulter, bis hin zu den schwarzen, seidigen Haaren und schließlich war ich mit meinen Blick bei Itachis Augen angekommen, in denen wieder Tränen schimmerten und hatte meine weit aufgerissen. Was passierte hier? Sicher war das nur ein dummer Scherz von ihm.
»Ita -«, setzte ich an, wollte ihn fragen, was er für ein Spiel spielte, ihm sagen, dass er mir Angst machte, ich wollte ihm einfach sagen, dass er mit dem Scheiß aufhören sollte – im Endeffekt wollte ich einfach, dass ich noch etwas hätte sagen können. Aber die Gelegenheit bekam ich nicht mehr, da sich das Kunai kräftig in mein Fleisch bohrte und mir die Fähigkeit nahm zu sprechen. Nicht mal schreien konnte ich, obwohl ich das zu gerne getan hätte, denn der Schmerz schien in meinen ganzen Körper zu explodieren, während mir die Tränen über die Wangen rannen. Der Verdacht, dass Itachi mich verraten hatte, tat jedoch fast noch mehr weh, als das Kunai in meinen Bauch.
Meine Beine klappten weg und das Einzige, das mich noch auf den Beinen hielt war Itachis Arm, der sich um mein Rücken geschlungen hatte. Verwirrt sah ich zu ihm hoch und wollte eine Antwort. Wollte wissen, warum er das getan hatte.
Eine Träne, die ihm die Wange hinuntergelaufen war, fiel auf die meine und vermischte sich dort mit meinen eigenen Zeugen der Trauer.
»Warum?«, kam es mit einiger Anstrengung leise flüsternd über meine Lippen, während ich ihm in die schwarzen Augen sah.
»Hätte ich es nicht getan, würde Sasuke sterben. Es tut mir so leid.« Seine eigenen Worte waren abgehackt und während er das Kunai mit einem kräftigen Ruck nach oben zog, damit es sich in mein Herz bohren würde und ich nicht leiden musste, schloss ich meine Augen.
Das war's dann also. Ich hatte mir mein zukünftiges Leben anders vorgestellt. Ich hatte mich mit den Gedanken abgefunden gehabt, Itachi zu heiraten und mit ihm Nachkommen zu zeugen, hatte aber auch immer gewusst, dass ich ihm nie so wichtig sein würde wie Sasuke es war. Und das bestätigte sich auch jetzt wieder. Gestorben war ich wegen ihm und gelebt... Wieso hatte ich gelebt?
Jedenfalls nicht um die Liebe zu finden, denn das war mir verwehrt geblieben. Aber... Wer weiß? Vielleicht habe ich meine Liebe in der Freundschaft gefunden und vielleicht damit auch den Sinn meines Lebens. Vielleicht hatte ich für diesen einen Moment gelebt? Um zu sterben, damit Sasuke leben konnte. Welch Ironie.
In dem Moment als das Leben ganz aus mir floss und Itachi mich sanft auf den Boden niederließ war ich fast schon dankbar: So hatte ich wenigstens kein Leben mit einer Person leben müssen, die ich nicht liebte.
Die wahre Liebe, so war ich mir sicher, würde im nächsten Leben auf mich warten.  

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