Kapitel 1

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Holpernd bleibt der Umzugswagen auf der Einfahrt stehen. Meine Tante lächelt mich lieb an „So, wir sind da. Willkommen in deinem neuen alten Haus." Der Anblick des Backsteinhauses vor mir, welches wie in den alten amerikanischen Filmen noch mit Holzfassaden geschmückt war, lässt alte Erinnerungen wieder hochkommen, auch wenn es damals noch nicht so von Laub und Moos bedeckt war. Der kleine 10 Monate alte schneeweiße Flauschball springt bereits kläffend und winselnd über die Rückbank des Autos. „Haha, beruhig dich, Marshmallow." Behutsam greife ich nach dem Spitzwelpen und nehme ihn auf den Arm, damit er seine stündliche Streicheleinheit bekommt. „Willst du hier noch weiter sitzen bleiben?" Meine Tante ist bereits ausgestiegen und streckt sich im Licht der Mittagssonne. „Du musst morgen bereits dein Leben hier anfangen, also solltest du nicht allzu sehr trödeln was das auspacken angeht." Damit verschwindet sie auch schon um die Haustür zu öffnen. Mit Marshmallow auf meinem Arm springe ich aus dem Wagen raus und sauge erstmals die nur allzu bekannte Heimatluft auf.

Marshmallow hopst sofort von meinem Arm runter und jagt durch den Vorgarten

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Marshmallow hopst sofort von meinem Arm runter und jagt durch den Vorgarten. Anscheinend hat er in den Löwenzahnblüten dort neue Feinde gefunden. Mein Tantchen winkt mich grinsend herbei und natürlich lasse ich mir die Chance nicht entgehen unser altes Haus endlich wieder von Innen zu sehen. Das einzige was sich verändert hat, ist die Zentimeter dicke Staubschicht in jeder Ecke des Zimmers und die paar tausend Spinnenweben, ansonsten ist alles so geblieben wie wir es verlassen hatten: leer, aber mit einer ruhigen, wohligen Atmosphäre. „Denkst du, du wirst hier alleine klarkommen?" fragt Tante Jihyun besorgt. Sie war von Anfang an dagegen, dass ich hier alleine einziehe, aber sie respektiert jede meiner Entscheidungen. „Ich schaffe das schon, Tante. Marshmallow wird auf mich aufpassen." Wir beide schauen zu dem kleinen Fellbausch rüber, der sich gerade dran macht den Wurzeln der großen Eiche vor dem Haus den Kampf anzusagen. Bei dem Anblick, wie ein grob von der Schulterlänge her 20cm großes Fellknäul versucht einen locker 15m großen Baum in die Flucht zu schlagen, konnte man nur lachen. „Ich glaube aber auch, dass der niemanden so leicht auf dieses Grundstück lässt." Kichert meine Tante belustigt. „Denkst du, der junge Mann von damals wohnt noch nebenan? Wie hieß er noch gleich? Yo... Hyo.." versucht sie das Thema etwas abzulenken. „Meinst du Hyunseung?" Das Leuchten in ihren Augen, als der Name fällt, sagt mehr als genug. „Ja genau, Jang Hyunseung! Der ist sicherlich zu einem ansehlichen jungen Mann herangewachsen, der kann dir doch sicherlich in der ein oder anderen Sache unter die Arme greifen." Bedacht zwinkert sie mir zu. „Tanteee." Ermahne ich sie lachend. Meine Kindheitsfreunde beschränkten sich auf zwei Jungs namens Jang Hyunseung und Yang Yoseob als wir hier noch wohnten, meine Tante war immer hellauf begeistert von den beiden. Hyunseung wohnte nebenan und Yoseob nur die Straße hinunter. Mein Tantchen zieht eine Schmolllippe „Warum denn nicht? Du weißt ganz genau, ich wusste schon damals, dass er ein perfekter Schwiegersohn wäre." „Ja dann adoptiere dir eine Tochter und bring die beiden zusammen." Lache ich ihr vor. „Junge Dame, vergiss nicht, dass ich DICH adoptiert habe, also muss ich das wohl nicht ein zweites Mal über mich ergehen lassen." Liebevoll schlägt sie mir gegen die Schulter. „Und nun komm, wenn wir nicht bald die Kisten ins Haus schaffen wirst du noch nächste Woche hier einziehen." Enthusiastisch schlägt sie die Hände zusammen und geht schnurstracks zum Umzugswagen um die Kisten aus dem Inneren der Transportfläche zu befreien.

Nach Stunden des Schleppens befinden sich endlich alle Kisten in der unteren Etage verteilt, im Schlafzimmer wurde Staub gewischt und so schnell es ging mein Bett zusammen gebastelt, damit wenigstens etwas schon steht. Die Sonne ist bereits dabei unter zu gehen als ich mich von meiner Tante verabschiede. „Und ruf mich sofort an, falls etwas sein sollte, okay?" versichert sie sich zum vielleicht 5000sten Mal. „Jaaa-haa ich verspreche es." Ich liebe sie ja, aber ihre Fürsorge ist manchmal wirklich erdrückend. Sie drückt mir noch einen Kuss auf die Stirn und tritt ihren Heimweg mit dem Wagen an. Mittlerweile interessiert es mich wirklich, ob nebenan jemand neues wohnt. Genau für diesen Fall hatte ich bereits einen Kuchen gekauft, denn ich schnell aus der Folie nehme und meinen Weg zum Nachbarshaus antrete. Marshmallow springt freudig zwischen meinen Beinen hin und her in der Hoffnung, etwas von dem lecker riechenden Ding was ich da habe ab zu bekommen. An der Klingel des Hauses steht jedenfalls kein Namensschild, ob sie vielleicht wirklich ausgezogen sind? Die Klingel hallt durch das gesamte Haus. Marshmallow winselt an meinem Bein als wolle er mir sagen, dass er den Kuchen gerne nehmen würde weil dort sicherlich niemand wohnt. Genau in dem Moment öffnet sich die Tür einen Spalt.

 Dort steht ein junger Mann mit sehr blasser Haut, zerzaustem platinblondem Haar und dunkelbraunen Augen, die mich anstarren, als habe ich ihn gerade aus seinem Winterschlaf geweckt

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Dort steht ein junger Mann mit sehr blasser Haut, zerzaustem platinblondem Haar und dunkelbraunen Augen, die mich anstarren, als habe ich ihn gerade aus seinem Winterschlaf geweckt. „Hm?!" murrt er mich an. Was für eine liebliche Begrüßung. „Ähm, Entschuldigung... Hyunseung?" etwas eingeschüchtert versuche ich wenigstens halblaut zu reden. Der Junge seufzt und streicht sein Haar zurück. Ich weiß nicht was mich nervöser machte, der Fakt, dass ich angestarrt wurde wie das nächste potentielle Opfer einer Mordserie, oder der Fakt, dass der Typ da vor mir zwar aussieht wie eine Leiche, aber eine verdammt attraktive Leiche. „Was gibt's?" gurrt er weiter. Er ist es tatsächlich! „Hey, erinnerst du dich vielleicht noch an mich?" ein breites Grinsen konnte ich nicht unterdrücken. Er reibt sich einmal die Augen und mustert mich von oben nach unten einmal. „Sollte ich das?" Diese Antwort war zwar etwas enttäuschend, jedoch was habe ich nach fast 14 Jahre her, dass wir das letzte Mal Kontakt hatten. „Ich bin es, Minhyun. Das Mädchen, was damals hier wohnte. Wir haben jeden Tag was zusammen gemacht." Hyunseungs Augen weiten sich von einer auf die andere Sekunde, er scheint sich also doch zu erinnern. „Minhyun? Wirklich?" Ich nicke ihm bestimmt zu. „Ich habe dir Kuch.. " „Was machst du wieder hier?" unterbricht er mich schroff. So schroff, dass ich ein wenig zurückschrecke. Marshmallow knurrt ihn an. „Ich.. ich wollte mein letztes Schuljahr hier machen, einfach weil das meine Heimat ist... und ..." Meine Stimme wurde wie der kleinlaut. Hyunseung schaut auf den knurrenden Wischmopp an meinen Beinen und dann zu mir. Sein Blick ist kalt, so kalt das mein Blut zu gefrieren droht. „Dann viel Spaß dabei." Mit diesen Worten knallt er die Tür vor meiner Nase zu.

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