Die Vergangenheit betrauern heißt,dem Wind hinterherlaufen.
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六 O1
Die am Boden hockenden Ninjas schweigen die steinernen Wände an, ihre schwarzverfärbten Finger tanzen über den Boden, als wären sie damit beschäftigt, eine längst vergessene Choreografie erneut einzustudieren. Einige von ihnen halten unbemerkt den Atem an. Kein Geräusch, kein Laut außer Fingerspitzen, die über kühlen Felsen gleiten und schwarze Zeichen hinterlassen, die ineinander zu verschwimmen drohen, sich im schlecht beleuchteten Raum verlieren, gleich einem Schatten in der Nacht.
Kakashi, im Zentrum der komplizierten Zeichen, verlagert sein Gewicht von dem einen Fuß auf den anderen und beobachtet stutzend das Treiben seiner Shinobi – Kami, einige dieser Hieroglyphen kennt er selbst nicht einmal. Trotzdem sieht er ihnen weiterhin stillstehend zu, seine Füße genau dort, wo sie laut Shikamaru zu stehen haben, damit der anstehende 'Sprung' nicht in einem Desaster endet; nach seinem Berater ist es nur ein 'kleiner Hopser', doch der sechste Hokage hält die anstehende Aktion eher für einen Rückwärtssalto inmitten eines Orkans.
Er ist eindeutig zu alt für so etwas, eindeutig zu urlaubsreif und vor allem zu pensionsbereit; nicht umsonst hat er bereits angekündigt, bald sein Amt niederzulegen, denn Kakashi scheinen seine weißen Haare noch einen Tick heller geworden zu sein und er bildet sich ein, bereits ein Ziehen im Rücken zu spüren und ein Zwicken in den Beinen – das Leben eines Rentners (Gai betont, dass er einen ausgezeichneten Rentner abgeben würde) scheint ihm nur zu verlockend. Schließlich geht er auf die 43 zu, und das ist immerhin ein beachtliches Alter für einen Shinobi, der bereits vier Jahrzehnte aktiven Dienst auf dem Buckel hat. Es überrascht ihn, dass er dieses Alter erreicht hat.
Wäre es nach Kakashi gegangen, würde er sich jetzt nicht in dieser prekären Lage befinden, nicht unterhalb des Hokageturms in einem kleinen, feuchten Raum stehen und zusehen, wie die gesamte Fläche um ihn herum mit schwarzer Farbe und unsicheren Linien bedeckt wird. Er würde nicht in seiner längst abgelegten Jouninweste stecken, von der er den Staub vergangener Kämpfe hatte abklopfen müssen und die aussieht, als stammt sie aus einem vergangenen Jahrhundert – komplett ramponiert, der Reißverschluss klemmt. Er war ganz und gar nicht dazu bereit, einen Ausflug in die Zeit vor Beginn des zweiten Shinobi Weltkrieges zu unternehmen, drei Jahre vor seiner eigenen Geburt, in eine Zeit, welche nicht die seine ist, die er nicht einschätzen kann. Und der Hatake ist Situationen, die er nicht unter Kontrolle bringen und bestimmen kann, in denen er nicht weiß, welche Rolle er zu übernehmen hat, abgeneigt. Nein, wenn es nach Kakashi gegangen wäre – ehrlich, in Anbetracht der Tatsache, dass er Hokage ist, sollte man seine persönlichen Bedürfnisse mehr respektieren – würde er in den heißen Quellen seinen wohlverdienten Urlaub verbringen, eines seiner heißgeliebten, längst abgegriffenen Bücher lesen, welche es heutzutage nicht einmal mehr zu kaufen gab. Und vielleicht würde er Mirai eine überdramatisierte Geschichte mithilfe seiner vortrefflichen, schauspielerischen Künste darüber erzählen, wie er mit Asuma eine Mission erfüllt hatte.
Nichtsdestotrotz geht es nicht nach ihm, es geht nach dem Ältestenrat, nach dem Daimyo und den Beschlüssen der letzten Ratsversammlung. „Hätte es den zweiten Krieg nicht gegeben, wäre Akatsuki mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals entstanden", hallt ihm Tsunades Stimme in den Ohren und Kakashi wiederholt diese Worte gedanklich, annähernd ein Mantra. Zugleich betritt Shikamaru den Raum und deutet eine knappe Verbeugung in die Richtung des ehemaligen Senseis des Team 7 an. Gleichzeitig realisiert er, dass die Shinobi mit ihrem Werk fertig sind und sich bis an die Wände zurückgezogen haben, wo nur noch ihre hellen Gesichter zu erahnen sind wie Vollmonde am schwarzen Himmel.
Shikamaru macht keine Anstalten auf ihn zuzugehen, ganz im Gegenteil bleibt er am Eingang des Raumes stehen und betrachtet die Schriftzeichen, die in einem komplizierten Muster auf Kakashi zuströmen, bevor ein angespanntes Lächeln um seinen Mundwinkel zuckt. Vielleicht ist es aber auch nur die Reflexion des Lichtes gewesen.
„Das Kami Hirashin no Jutsu ist also bereit. Hätte nicht gedacht, dass es so viel Aufwand ist, es zu vollführen", sein Blick folgt den Schriftzeichen und landet bei Kakashis dunklen Augen, „fast zu viel Aufwand, Hokage-sama. Bist du bereit?"
Kakashi überhört gekonnt, dass Shikamaru zwischen der respektvollen Anrede und der freundschaftlichen wechselt, während er ergeben die Schultern hebt und den Kopf mit einem verschmitzten, selbstsicheren Lächeln in den Nacken legt, das eine kaum merkliche, kleine Nervosität überspielen soll.
„Habe ich eine Wahl?"
„Hast du die?", fragt Shikamaru zurück, anstatt ihm eine direkte Antwort zu geben – weil er genau weiß, wie man nervtötenen Diskussionen aus dem Weg geht, diese Technik hat er perfektioniert.
Er steckt die behandschuhten Hände in die Hosentaschen und lehnt sich zurück, schließt für einen Sekundenbruchteil die Lider, um einen letzten Atemzug in der angenehmen Luft der Gegenwart zu nehmen, um sie mit sich auf die Reise zu nehmen. „Nun, kommen wir zu diesem hier", er vollführt eine ausholende Handbewegung Richtung der lauernden Schriftzeichen, „Eine abgewandelte Form des Hirashin no Jutsu, ein Teleportationsjutsu des vierten Hokages."
Shikamaru öffnet den Mund, doch Kakashi hebt einen Zeigefinger und schneidet dem Nara die Worte ab, die ihm bereits auf der Zunge hocken.
„Ich möchte nichts Genaues darüber wissen, das Risiko ist mir bekannt. Lass uns die Sache angehen – Wie aktiviere ich es?"
Shikamaru braucht nur eine Millisekunde, um sich etwas Neues zurechtzulegen, der erfahrene, ältere Shinobi sieht genau, dass es hinter der Stirn seines Beraters arbeitet, dass er das, was er sagen wird, bereits neu formuliert.
„Durch Chakraimpulse, recht einfach – es kostet nur eine Menge an Energie - "
„Eine große Menge?"
„Eine große Menge, ja", Shikamaru kratzt sich mit der rechten Hand am Hinterkopf, als würde ihm ein Gedanke in den Sinn kommen, den er ganz und gar nicht ansprechend findet, verzieht den Mund und lehnt sich gegen den Türrahmen.
„Zwei Chakraimpulse", er deutet auf fünf Linien am Boden, an denen rechts und links Schriftzeichen anliegen, gewissermaßen klammerten sie sich wie Freunde aneinander, die beschlossen hatten, nie wieder einander loszulassen, „Mit dem ersten aktivierst du diese Zeichen und der zweite Impuls folgt gleichzeitig mit einer Abfolge an Schriftzeichen, die ich vollführen werde. Du lässt dein Chakra so lange durch die Schrift fließen, bis ich es mit meinem unterbreche." Shikamaru atmet tief durch, ob vor Anstrengung von seiner kleinen Rede oder Angespanntheit kann Kakashi nicht sagen, und geht in die Hocke.
„Das Resultat folgt und hoffentlich landest du komplett in dem Zeitraum, in dem wir dich haben wollen. Zurückkehren wirst du automatisch nach der Zeit, die dein Chakra benötigt, um sich zu verflüchtigen: Im Klartext heißt das, umso größer deine verwendete Chakramenge ist, umso mehr Zeit steht dir in der Vergangenheit zur Verfügung."
Kakashi sieht ihn stutzend und mit einer kritisch hochgezogenen Augenbraue an, solange das Gesagte im Raum nachhallt, eine drohende Botschaft. Kami, er ist nicht gerade erpicht darauf, einen großen Teil seines Chakravorrats abzugeben. Man könnte meinen, der stetige Chakraverlust, wann immer er das Sharingan aktiviert hatte, das Ziehen hinter dem roten Auge und das kalte Gefühl in seiner Magengegend, haben eine kleine Wunde hinterlassen. Sein Chakra ist ihm kostbar.
„Verstehe, Shikamaru-kun", – Shikamaru quittiert seine neckende Aussage mit einem halb zischenden, halb schnaubenden Laut – ,„sobald ich dort bin, werde ich wie besprochen diese eine Schriftrolle von Sarutobi-sama, deren Inhalt bis heute nicht bekannt ist, welche jedoch den zweiten Krieg ausgelöst hat, abfangen. Oh, danach werde ich mir Urlaub nehmen. Einen gewaltig langen Urlaub", vervollständigt Kakashi Shikamarus Ausführung, wobei er den letzten Teil unter genuschelten Worten verschluckt. Während er sich selbst die anstehende Mission sagen hört, klingt es nicht mehr ganz so umständlich oder schwierig, nein im Grunde könnte er das Rauben einer Schriftrolle eine C-Mission nennen, an einem guten Tag vielleicht als eine schwere D-Mission bezeichnen. Aber die Zeit, in welchen der Kopierninja Missionen mit Leichtigkeit vollführt hatte, liegt begraben unter neuer Technologie, unter den Füßen einer neuen Generation, die in ihrer Freizeit am liebsten vor elektronischen Bespaßungsgeräten hängt.
„Wir sollten keine Zeit mehr verschwenden, sonst rutscht dein Erholungstrip in weite Ferne, Hokage-sama."
Kakashi schenkt Shikamaru ein müdes Lächeln und tastet nach seinem Chakravorrat, der unbenutzt in seinem Inneren vor sich hin brodelt, Stärke, die lange nicht genutzt worden ist, die vor mehr als 15 Jahren ganze Reiche in schrille Angst und kalten Schrecken hatte versetzen können.
Es tut gut, das weißliche Chakra freizusetzen, es tut gut, die Elektrizität in seinen Gliedern zu spüren und ohne dass es der sechste Hokage es verhindern kann, sitzt ihn ein nostalgischer Kloß im Hals – Hatake Kakashi, der Krieger des Sharingan ist längst Geschichte, eine Person im Lehrbuch oder auf der Seite eines heruntergekommenen Bingobuches. Er ist eindeutig zu alt für so etwas.
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Spiegelsplitter
Fanfiction„Kakashi, im Zentrum der komplizierten Zeichen, verlagert sein Gewicht von dem einen Fuß auf den anderen und beobachtet stutzend das Treiben seiner Shinobi - Kami, einige dieser Hieroglyphen kennt er selbst nicht einmal." ǀ Der sechste Hokage reist...
