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Ruhige, sanfte Küsse der Wolken weckten mich aus meiner bequemen Traumwelt, während nervtötende Krabben mit meinen Zehnägeln zanken wollten. Sofort realisierte ich das weniger angenehme Wetter und die kalte Briese des Windes, welcher mir zugleich signalisierte, dass ein anstrengender und überlebenswichtiger Tag bevorstand. Normalerweise würde ich schnurstraks zur Kaffeemaschine trampeln und mir einen Energieschub erlauben, bevor ich an einem sorgfältig zubereitetem Frühstück teilnahm.

Hier, auf G-Island, war das nicht möglich. Dieser Ort programmierte jeden Tag zu einem plötzlichen Überlebenskampf gegen Natur und bestialische Wesen, wie beispielsweise diese nervtötenden Krabben. Okay, vielleicht doch keine Bestien, aber immerhin hinterließen sie jeden Morgen Krusten an meinen sonst so zarten Fersen.

Dass ich von nun an nicht mehr gemütlich mit meinem Smartphone oder Tablet die Zeitung lesen konnte, war mir spätestens dann bewusst geworden, als ich von zehn G-Cops abgeholt wurde und unbegründet in einen Zwangszustand versetzt wurde. „Ms. Adams, Sie werden wegen illegaler Proteste gegen die Regierung verhaftet", war es, was sie mir grinsend ins Ohr flüsterten, bevor ich die meterlange Nadel in meine Sehne gestochen bekam. Nicht mal Zeit zum Stöhnen hatte ich, an den Schmerz kann ich mich auch nicht wirklich erinnern.

Und im nächsten Moment lag ich plötzlich hier. Nicht, dass mir nicht bewusst gewesen war, wo ich bei solch einem Vorwurf landen würde, nein. Mir war nur nicht ganz klar, dass sie mich überleben lassen würden.

Diese Exklusion ist genau gefühlte sieben Jahre her. Realistisch gesehen waren es aber nur zwei Wochen, die mich spüren lassen haben, wie anstrengend das Leben in der Natur ist. Die Biologiestunden, die mich mit aller Mühe der ökologischen Umgebung lehren wollten, hätten mir bestimmt viel Schmerz und Schweiß erspart. Wenn ich denn zugehört oder aufgepasst hätte.

Ich hätte bestimmt keine stundenlangen Halluzinationen gehabt, nachdem ich eine wohl giftige Beere gegessen hatte. Oder den Fischen, die so unfassbar süß aussahen, hätte ich mich ganz bestimmt nicht genähert. Die Wunden schmerzten noch immer, wenn ich im Salzwasser badete. Piranhas waren das glaube ich, ich bin mir aber nicht sicher.

Das spielte jetzt aber auch eigentlich keine Rolle mehr. Ich musste deren Verhaltensweisen und Vorteile für mich und nicht mehr der Schule zuliebe lernen. Es ging hier einzig und allein um mein Überleben. Um nichts anderes.

Ich habe hier bisher keine Menschen getroffen, hatte auch zugegeben bisher wenig Zeit und Lust, um diese unfassbar große Insel zu durchsuchen. Zweifel kamen in mir auf, als ich mich fragte, ob jemand wegen der selben Gründe hierher transportiert werden würde. Vermutlich nicht. Die meisten würden nämlich sofort geköpft werden.

Bei einigen Menschen war diese sofortige Todesstrafe aber nicht möglich. Das Volk, solange die Täter beliebt oder sympathisch waren, würde Aufstände oder Widerstände gegen die Regierung veranstalten. Es würden mindestens Zweifel und Skepsis zur Verunsicherung des Regierungssystems führen.

Es war vielleicht wirklich gewagt gewesen, ein Buch das auf metaphorischer Ebene direkt gegen die Regierung sprach, zu veröffentlichen. Ich hatte aber in meinen schlimmsten Träumen nicht geglaubt, dass durch einen einzigen Klick ein öffentliches, illegales Objekt publiziert werden würde und gegen mich sprechen würde. Technisch und theoretisch war ich darüber informiert, ich hatte mir nämlich bestimmt zehn Mal die Nutzungsbedingungen der Seite durchgelesen, hätte aber praktisch nie erwartet, dass so viele das Buch lesen würden.

Mein schlimmster Albtraum war, dass der Großteil der Leser meinen Gedankengang kritisieren würden und das Buch auf der „Top Ten der verbotenen Bücher" landen würde. Das wäre nämlich erstens ein trauriger und peinlicher Abgang in den Tod, weil alle Autoren der verbotenen Bücher entweder plötzlich auf mysteriöser Art und Weise starben oder öffentlich erhängt wurden.

Die Beliebtheit und Kritik spielte bei der Wahl der Todesursache wohl eine große Rolle.

Ich will nicht behaupten, noch nie ein verbotenes Buch gelesen zu haben, konnte es aber inzwischen sowieso durch die ganze – trotz bewachte – Insel posaunen, es würde nichts an meinem Leben ändern. Das fristlose Urteil war gefällt.

Das bedeutete natürlich auch, dass ich einem einsamen und sozial isoliertem Leben ausgesetzt wurde. Mich konnten bestimmt viele Menschen über das Fernsehen beobachten und bemitleiden, aber Informationen oder Benachrichtigungen bekam ich nicht mehr. Das einzige, das mir mit auf die Insel gegeben wurde, war eine „Hygiene-Box", damit sie bloß nicht zu herzlos wirkten. Hygiene war nämlich in diesem Land groß geschrieben, du konntest sogar dafür bestraft werden. Ein Strafzettel für Mundgeruch war nicht unüblich.

Ob ich nun im öffentlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde, konnte ich gar nicht wissen. Die Strafe, die ich gerade erleide, hat keine andere Person erteilt bekommen. Es war schon eine Ehre, die Regierung, die ich so sehr verhasste, so sehr verärgert aber zugleich in eine Sackgasse geführt zu haben. Seit wann war ich so geschickt gewesen?

Ich war eine potentielle Gefahr für die Regierung und hatte sogar einen persönlichen Drohanruf vom Präsidenten bekommen, nachdem mich mehrere G-Cops wuchtig und grob Richtung „G-Zelle" schubsten.

Das G? Das G stand für Government. Warum? Weil ich einen Akt gegen die Regierung ausgerichtet hatte. Die wohl größte Straftat, vor der sich jeder eingeschüchterte Bürger hütete.

Mich mochten die meisten für todessehnsüchtig halten, andere für unfassbar mutig und kühn, es interessierte mich aber herzlich wenig. Das einzige, das auf mein Empfinden und Verstand zutraf war alles, das ich mithilfe des Buches publiziert hatte.

Meinungsfreiheit? Ein eingeschränktes Fremdwort, seitdem das ganze System umgestellt wurde. Nichts durfte mehr gegen Beamte oder Regierungsunterstützer sprechen, niemand durfte auch nur indirekte Andeutungen machen, die das Staatssytem kritisierten. Nicht mal mit den Feinden des Landes durftest du sympathisieren. Das hieß „indirekter Protest", soweit ich mich erinnerte.

Ich hatte ja nicht mal einen Brief, in dem genaue Passagen aus meinem Buch als Begründung für das Urteil erläutert und auf das dicke, langweilige Gesetzbuch bezogen wurden, erlangt. Tagelang hatte ich auf eine Box mit Fallschirm gehofft, in der mein Urteil in einem hundertseitigem Dokument erörtert wurde. Vielleicht hätte ich dann wenigstens einen Grund zu Lachen.

RevengeWhere stories live. Discover now