Wie ein greller Blitz galoppierte der Schimmel durch das schneebedeckte Tal, das im hellen Licht des Mondes erstrahlte. Die mutige Reiterin, die geduckt im Sattel saß, war Prinzessin Brenda vom Westlichen Königshof. Sie war die Tochter des Königs Leon von Lippizanien und galt als die beste Reiterin, die das Königreich je gesehen hatte.
Sie bediente sich so gut wie keiner Reiterhilfen, gebrauchte keine lauten Kommandos oder Gerten und konnte doch jedes Pferd auf dieser Welt reiten. Dies war ihr möglich, weil sie mit den Pferden in eine gedankliche Beziehung treten konnte. So konnte sie ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen sich und den Pferden aufbauen, was ihr einen Vorteil beim Reiten verschaffte. Außerdem ermöglichte es ihr einen geradezu atemberaubenden Reitstil. Brenda konnte mit Pferden Dinge tun, die kein anderer Reiter im Königreich zustande brachte. Die Bürger von Lippizanien blieben oft mit offenem Munde am Straßenrand stehen, wenn die Prinzessin mit einem ihrer edlen Rösser vorbeigeritten kam und spontan einige Kunststücke vorführte.
Manche Ehrenleute vom königlichen Hof glaubten sogar, sie könne sich mit den Pferden in der menschlichen Sprache unterhalten und die Pferde würden ihr in derselben antworten, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Der eine oder andere Stallknecht wollte sie dabei bereits beobachtet haben. Doch das waren die üblichen Gerüchte am Hof des Königs! Zu jener Zeit wurde gerne und viel geredet und die Wahrheit kannte niemand so recht. Eines war jedoch gewiss:
Prinzessin Brenda war die beste Reiterin im Land und nicht einmal die tapfersten Ritter der Tafelrunde hätten sich zu jener Zeit mit ihr im Wettkampf messen wollen – in einer Zeit, in der Fähigkeiten wie Reiten, Zaubern oder Bogenschießen über Leben und Tod entschieden.
Mit weit ausholenden Schritten jagte der Schimmel durch das eisige Tal – gefolgt von einer Wand aus Schneestaub, die sich mit jedem Hufschlag höher hinter ihm auftürmte. Prinzessin Brenda war auf der Jagd nach einem Dieb, der die Krone des Königs gestohlen hatte.
Niemand außer ihr würde ihn noch aufhalten können, denn wenn der Räuber erst einmal die dichten Wälder von Wintersbergen erreicht haben würde, würde er für immer verschwunden sein und kein Jäger der Welt könnte ihn jemals wieder finden.
»Lauf, Windmeister, lauf, so schnell du kannst!« Der Hengst verstand ihren Gedanken sofort und galoppierte drauf los, was das Zeug hielt. Sie kamen dem Dieb immer näher. Nur noch wenige Meilen und man konnte ihn auf seinem Pferd erkennen. Jetzt gab es kein Halten mehr. Windmeister jagte mit entfesselten Kräften auf den fliehenden Reiter zu. Noch ein Dutzend Hufschläge und der prächtige Schimmel würde ihn eingeholt haben. In vollem Galopp zog die Prinzessin ihr Schwert Excalibur aus der Scheide, streckte es in die Höhe und schrie mit fester Stimme:
»Bleib stehen, du niederträchtiger Dieb oder Excalibur wird dich lehren, was es bedeutet, die Krone des Königs zu stehlen!«
»Brenda!« Eine laute Stimme mischte sich abrupt ins Geschehen ein.
»Brenda!« Doch die Königstochter wollte nicht hören. Sie hatte nur ihre Mission im Kopf und diese lautete, den Dieb zu stellen.
»Brenda, wach endlich auf!«, rief die Stimme erneut – dieses Mal in energischerem Ton. Einige Gnome rannten auf Brenda zu und begannen wie verrückt zu kichern.
»Zum letzten Mal. Wach auf!«, plärrte der Obergnom noch einmal und in seiner Stimme lagen Wut und Enttäuschung. Brenda öffnete die Augen. Sie schüttelte sich kurz und stellte fest, dass sie wieder in der Realität angekommen war. Doch der Obergnom stand noch immer vor ihr? Wie konnte das sein?
»Es tut mir leid, Mr. Obergnom ... äh, ich meine natürlich, Mr. Oberman.«
Ein Johlen ging durch die Klasse.
Brenda hatte ihren Versprecher leider zu spät bemerkt: Vor ihr stand nämlich längst kein Gnom mehr, sondern der Mathematiklehrer, Mr. Oberman, und sie hatte ihn einen Obergnom genannt. Das hatte noch niemand fertiggebracht!
Mr. Oberman, der leidgeprüfte Mathematiklehrer, reagierte allerdings erstaunlich gelassen und gewährte seinem »Publikum« erst einmal einige Minuten, damit sich die Lachsalven wieder legen konnten. Es schien ihm heute beinahe gleichgültig zu sein, dass schon wieder ein Witz auf seine Kosten gegangen war. Das konnte damit zu tun haben, dass heute der letzte Schultag war und die Ferien vor der Tür standen. Darüberhinaus war Mr. Oberman ein hünenhafter Mann, sodass ihn die Anspielung auf seine Körpergröße kaum hatte treffen können. Welch ein Glück für Brenda! Nicht auszudenken, welche Auswirkungen die unbedachte Äußerung auf ihr Abschlusszeugnis gehabt hätte, wenn Mister Oberman von geringerer Statur gewesen wäre.
Die armen Lehrer, dachte Brenda bei sich, die müssen wirklich ein dickes Fell haben. Sie schämte sich für das Gesagte und nahm sich vor, im nächsten Jahr konzentrierter am Unterricht teilzunehmen, damit so etwas nicht mehr passierte.
Mr. Oberman machte eine beschwichtigende Handbewegung und das Lachen legte sich wieder. Er sah Brenda scharf an.
»Es tut mir leid, Mr. Oberman«, beeilte sie sich zu sagen und setzte einen möglichst reumütigen Blick auf. Und sie hatte Glück. Die Reaktion des Lehrers war mehr als milde:
»Ist schon in Ordnung, Brenda, für dieses Jahr spielt es keine Rolle mehr.« Er warf ihr einen gütigen Blick zu und fügte in freundlichem, aber bestimmtem Ton hinzu:
»Ich hoffe allerdings, dass du im nächsten Schuljahr nicht mehr während des Unterrichts einschlafen wirst. Deine Tagträume nehmen überhand! Ich muss das leider auch deinen Eltern mitteilen.« Dann wandte er sich der gesamten Klasse zu.
»Das Schuljahr ist hiermit offiziell beendet und ich wünsche euch allen schöne Sommerferien. Wir sehen uns in acht Wochen wieder. Bye!«
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Brenda - Ein Prinz zum Verlieben (Pferdegeschichten aus Kalifornien von Hanni Schneider)
Teen FictionZu den schönsten Dingen, die man in Kalifornien erleben kann, gehören die Sonnenuntergänge an der Pazifikküste – und ganz besonders die von Santa Barbara, der Heimatstadt der dreizehnjährigen Brenda. Sie ist verrückt nach Pferden und es gibt für sie...
