Maeve
Der Regen hat vor einer Weile aufgehört. Trotzdem ist alles um mich herum noch nass. Die Wege zwischen den Gräbern glänzen im schwachen Licht der Laternen, Wasser tropft von den Ästen über mir und irgendwo weiter hinten knirscht Kies unter den Schuhen eines anderen Besuchers. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke höher und bleibe vor dem Grab meiner Mutter stehen.
Evelyn Sinclair.
Mein Blick bleibt an ihrem Namen hängen. Acht Jahre. Acht Jahre sind vergangen, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Manchmal kommt es mir vor wie gestern. Manchmal wie ein anderes Leben. Ich streiche mit den Fingerspitzen über die nasse Kante des Grabsteins und atme langsam aus.
„Hallo, Mama."
Meine Stimme klingt leiser, als ich erwartet habe. Ich sehe mich kurz um, obwohl ich weiß, dass niemand hier ist, der mich interessieren müsste. Dann gehe ich in die Hocke.
„Ich weiß, ich war lange nicht hier." Ein kleines Lächeln zieht an meinen Lippen. „Nicht schimpfen."
Natürlich kommt keine Antwort. Früher hätte meine Mutter jetzt wahrscheinlich irgendetwas gesagt. Dass ich zu dünn geworden bin. Dass ich mich wärmer anziehen soll. Dass ich zu viel arbeite. Dass ich aufhören soll, alles alleine machen zu wollen. Bei dem Gedanken daran zieht sich etwas in meiner Brust zusammen. Ich senke den Blick.
„Ich versuche es wirklich." Meine Finger krallen sich in den Stoff meiner Jeans. „Ich versuche, alles zusammenzuhalten."
Es dauert nicht lange, bis meine Augen brennen. Ich blinzele die Tränen weg. Nicht hier. Nicht schon wieder. Ich bin nicht hergekommen, um zu weinen. Ich bin hergekommen, weil ich nicht mehr weiß, wohin sonst.
Meine Hand wandert in meine Jackentasche. Das Papier raschelt zwischen meinen Fingern. Die Rechnung. Ich ziehe sie heraus, falte sie aber nicht auseinander. Ich kenne die Zahlen ohnehin. Ich kenne sie inzwischen auswendig. Zu hoch. Viel zu hoch. Ich schlucke.
„Papa braucht die Behandlung." Die Worte kommen kaum hörbar über meine Lippen. „Und ich weiß nicht, wie ich sie bezahlen soll."
Ich starre auf das Stück Papier in meiner Hand. Mein Vater liegt seit fast drei Wochen im Krankenhaus. Drei Wochen, in denen ich morgens gearbeitet habe, nachmittags ins Krankenhaus gefahren bin und abends versucht habe, meiner kleinen Schwester das Gefühl zu geben, dass alles in Ordnung ist. Obwohl nichts in Ordnung ist. Lily ist vierzehn. Vierzehn. In einem Alter, in dem sie sich eigentlich über Hausaufgaben, Freunde und Jungs Gedanken machen sollte. Nicht darüber, ob unser Vater die nächste Nacht übersteht. Ich schließe die Augen.
„Sie fragt mich jeden Abend, wann er wieder nach Hause kommt." Meine Stimme bricht. „Und ich sage ihr, dass es nicht mehr lange dauert." Eine Träne läuft über meine Wange. Ich wische sie sofort weg. „Ich lüge sie an."
Das tut mehr weh als alles andere. Ich habe meiner Schwester versprochen, dass alles gut wird. Ich habe meinem Vater versprochen, dass ich mich um Lily kümmere. Und meiner Mutter habe ich vor acht Jahren versprochen, dass ich auf sie aufpassen werde. Ich weiß nicht mehr, wie viele Versprechen ein Mensch gleichzeitig tragen kann, bevor er darunter zusammenbricht. Ich lege die Rechnung auf meinen Schoß.
„Ich brauche deine Hilfe." Die Worte fühlen sich peinlich an. Fast kindisch. Aber hier kann ich sie aussprechen. Hier muss ich niemandem beweisen, dass ich stark bin. „Ich brauche nur irgendeinen Hinweis." Ich lache leise. „Irgendwas."
Der Wind fährt durch die Bäume. Meine langen roten Haare lösen sich aus dem lockeren Zopf und wehen mir ins Gesicht. Ich schiebe sie hinter mein Ohr.
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The Wife he Hates
RomanceEr wollte niemals eine Ehefrau. Ich wollte niemals ihn. Maeve hatte nie viel. Bis sie eines Tages vor einer Entscheidung steht, die ihr gesamtes Leben verändert. Eine Ehe. Mit Caiden. Dem Erben eines der mächtigsten Familienimperien der Stadt. Ein J...
