Narben und Federn

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Ich erinnere mich nur noch an das Summen der sterilen Neonröhren, das kalte Metall, das sich wie eine zweite Haut an meine Knochen schmiegte, und den Rhythmus der Spritzen. Die Welt außerhalb meines Käfigs bestand aus Zahlen, Glaswänden und Wissenschaftlern in weißen Kitteln, die uns als Versuchsobjekte behandelten. Wir waren keine Menschen. Wir waren Fehler im System, die korrigiert werden mussten.

Oder eben Monster.

Bis zu jenem Tag, an dem die Hölle über uns hereinbrach.
Ich hatte damals keinen Lärm gehört, nur das dumpfe Beben von Explosionen, das durch den Beton hallte. Die Alarmsirenen heulten auf, rot und grell, und plötzlich zerbarsten die tonnenschweren Sicherheitstüren. Männer in schwarzen Anzügen, schwer bewaffnet und mit kalter Entschlossenheit in den Augen, stürmten den Trakt. Sie dachten, sie würden den Stützpunkt ihrer erbitterten Feinde ausräuchern. Stattdessen fanden sie uns: Gestalten mit verkümmerten Seelen und veränderten Körpern, weggesperrt hinter Panzerglas.
Und mitten im hinteren Sektor, eingepfercht in den sichersten Käfig von allen, stand ich.
Der Boss der Mafia schickte damals seinen eigenen Sohn vor, um die Zellen zu öffnen. Während die anderen entkommen konnten oder von der Angst überwältigt wurden, blieb er vor meinem Gitter stehen. Seine Augen musterten mich nicht mit Abscheu, sondern mit einer dunklen, unerschütterlichen Neugier. Als er das Schloss knackte und mich herauszog, spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Wärme.

Er ließ mich nicht zurück. Sie nahmen mich mit in ihre Welt, eine Welt aus Blut, Luxus, Gefahr und ungeschriebenen Gesetzen.
Jetzt, Jahre später, bin ich sechszehn. Das Labor ist längst Geschichte, aber die Schatten von damals sind geblieben. Und vor allem ist da er. Der Sohn des Bosses, der mich damals aus dem Käfig befreit hat. Inzwischen sind wir uns gefährlich nah gekommen, näher, als es in dieser Welt jemals erlaubt sein dürfte.
Niemand sonst weiß, wie schwer die Last auf meinen Schultern wirklich ist. Denn meine Flügel sind nach wie vor ein Fluch und ein Wunder zugleich: Auf meiner linken Seite breitet sich eine riesige, makellos weiße Schwinge aus, während die rechte von einer kleinen, pechrabenschwarzen getragen wird,ein ständiger Krieg zwischen Licht und Dunkelheit auf meinem Rücken.

Und er liebt es, sie zu berühren.

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