Nora bemerkte das Bonbon, bevor sie die Tote richtig ansah. Es lag auf dem Nachttisch, direkt neben einem Glas Wasser und einer dieser kleinen Karten, auf denen Hotels ihre Gäste darüber informierten, dass Handtücher nicht jeden Tag gewaschen werden mussten, wenn man sich plötzlich für die Umwelt verantwortlich fühlte. Das Bonbon war in rotes Plastik gewickelt. Kleine Erdbeeren waren darauf gedruckt. Nichts Besonderes. Nora kannte die Sorte. Ihre Großmutter hatte früher immer welche in der Handtasche gehabt, zusammen mit zerknüllten Taschentüchern, Münzen und einem Lippenstift, der vermutlich älter gewesen war als Nora selbst. „Nicht anfassen." Nora sah über ihre Schulter. Jonas stand hinter ihr und zog sich gerade ein Paar Handschuhe über. „Ich fasse es nicht an." „Du wolltest." „Ich habe es angesehen." „Mit ausgestreckter Hand?" Nora blickte auf ihre Hand, die tatsächlich nur wenige Zentimeter über dem Nachttisch schwebte, und zog sie zurück. „Ich wollte sehen, was es ist." „Das funktioniert normalerweise mit den Augen." „Danke, Jonas." „Gerne." Er ging an ihr vorbei und Nora hörte ihn leise lachen. Seit fast zwei Jahren arbeiteten sie zusammen und seit fast zwei Jahren stellte sie sich mindestens einmal pro Woche die Frage, warum sie ihn eigentlich mochte. Wahrscheinlich, weil er einer der wenigen Menschen war, die ihre schlechte Laune nicht persönlich nahmen. Oder weil er noch schlechter gelaunt sein konnte als sie. Nora wandte sich wieder dem Zimmer zu. Es war kurz nach zehn Uhr abends und draußen regnete es. Die Tropfen liefen an den Fenstern herunter und ließen die Lichter der Stadt dahinter verschwimmen. Von hier oben sah alles friedlich aus. Autos bewegten sich langsam durch die nassen Straßen. Menschen liefen mit Regenschirmen über den Gehweg. Irgendwo hupte jemand. Im Hotelzimmer selbst war davon kaum etwas zu hören. Die Fenster waren geschlossen, die Klimaanlage summte leise und drei Menschen bewegten sich um eine Frau herum, die seit ungefähr einer Stunde tot war.
Elena Marković lag zwischen dem Bett und dem Fenster auf dem Rücken. Zweiundvierzig Jahre alt. Verheiratet. Keine Kinder. Geschäftsfrau. Heute Nachmittag eingecheckt und eigentlich erst übermorgen wieder erwartet worden. Nora wusste noch nicht viel mehr über sie. Elena trug ein schwarzes Kleid, das vermutlich mehr gekostet hatte als Noras gesamte Garderobe. Einer ihrer Schuhe war noch an ihrem Fuß, der andere lag unter einem Sessel. Ihre dunklen Haare lagen teilweise über ihrem Gesicht. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, sie wäre gestürzt. Vielleicht ohnmächtig geworden. Erst beim zweiten Blick sah man die schmale Verfärbung an ihrem Hals. Nora blieb ein paar Schritte von ihr entfernt stehen. Sie mochte diesen Moment nicht. Den Moment, in dem aus einem Namen ein Körper wurde. Vor zehn Minuten hatte Elena Marković für sie nur auf einem Blatt Papier existiert. Zweiundvierzig. Verheiratet. Geboren in Belgrad. Jetzt wusste Nora, dass sie ihre Fingernägel dunkelrot lackiert hatte. Dass an ihrem rechten Handgelenk ein dünnes goldenes Armband hing. Dass sie eine kleine Narbe knapp über der linken Augenbraue hatte. Dinge, die vermutlich Menschen kannten, die sie geliebt hatten. Und nun kannte Nora sie auch.
„Champagner wurde um neunzehn Uhr zwölf aufs Zimmer gebracht", sagte Jonas. Er stand am kleinen Tisch vor dem Fenster und betrachtete zwei Gläser. „Vom Hotel?" fragte Nora. „Mhm. Ein Mitarbeiter hat ihn hochgebracht. Zu dem Zeitpunkt war sie allein." „Sicher?" „Das sagt er zumindest." Nora trat näher an den Tisch. Eine Flasche stand in einem silbernen Kühler, das Eis darin war fast vollständig geschmolzen. Zwei Gläser. Eines leer, im anderen befand sich noch ein kleiner Rest. „Also hat sie später jemanden erwartet." „Oder sie trinkt gerne aus zwei Gläsern." Nora sah ihn an. Jonas hob die Schultern. „Ich versuche nur, offen für alle Möglichkeiten zu bleiben." „Du solltest Motivationscoach werden." „Ich denke darüber nach." Nora wandte sich wieder den Gläsern zu. Zwei Menschen hatten hier gestanden oder gesessen. Vielleicht hatten sie miteinander gesprochen. Vielleicht hatte Elena gelacht. Vielleicht hatte sie die Person freiwillig hereingelassen. Wahrscheinlich sogar. An der Tür waren keine Schäden zu erkennen und laut Hotelpersonal hatte niemand einen Streit gehört. Das störte Nora mehr als Blut es getan hätte. Gewalt hinterließ normalerweise Unordnung. Menschen wollten nicht sterben. Sie schrien, liefen weg, griffen nach Dingen, versuchten Türen zu öffnen. Dieses Zimmer sah nicht aus, als hätte jemand darin um sein Leben gekämpft. Das Bett war gemacht. Ein Kissen lag vollkommen gerade auf dem anderen. Auf dem Schreibtisch standen Elenas Laptop und eine schwarze Handtasche. Ihr Koffer war geöffnet, die Kleidung darin ordentlich zusammengelegt. Sogar die Vorhänge waren symmetrisch zugezogen. Nur Elena lag auf dem Boden.
Nora ging in die Hocke. Sie berührte nichts. „Keine Abwehrverletzungen", sagte eine Stimme hinter ihr. Der Gerichtsmediziner stand am Fußende des Bettes und schrieb etwas auf. Nora sah auf Elenas Hände. „Gar keine?" „Bis jetzt nichts Auffälliges. Genaueres nach der Untersuchung." „Todesursache?" „Sehr wahrscheinlich Strangulation." Nora betrachtete die dünne Spur an Elenas Hals. „Womit?" „Etwas Schmalem. Mehr sage ich dir jetzt nicht, sonst beschwerst du dich morgen, dass ich meine Meinung geändert habe." „Das habe ich einmal gemacht." „Viermal." „Beim selben Fall." „Viermal beim selben Fall." Nora verzog den Mund. Der Mann lächelte kurz und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Nora blieb noch einen Moment sitzen. Elena hatte sich nicht gewehrt. Zumindest sah es nicht danach aus. Sie blickte in das Gesicht der Toten. Die Augen waren geschlossen worden. Wahrscheinlich vom ersten Sanitäter, der den Raum betreten hatte. Nora fragte sich manchmal, warum Menschen das machten. Vielleicht weil Tote mit offenen Augen zu sehr danach aussahen, als würden sie noch etwas erwarten.
„Nora." Jonas stand jetzt an der Tür. „Komm mal." Sie erhob sich und folgte ihm auf den Flur. Dort wartete ein junger Mann in Hoteluniform. Er konnte kaum älter als zwanzig sein und sah aus, als hätte er seit einer Stunde nicht gewusst, was er mit seinen Händen machen sollte. Mal steckte er sie in die Hosentaschen, dann nahm er sie wieder heraus, dann verschränkte er die Arme. „Das ist Herr Winter", sagte Jonas. „Er hat die Flasche hochgebracht." Nora nickte ihm zu. „Sie haben Frau Marković gesehen?" „Ja." Seine Augen wanderten kurz zur offenen Zimmertür. „Also, bevor das passiert ist." „War sie allein?" „Ja." „Sind Sie ins Zimmer gegangen?" „Nur kurz. Ich habe die Flasche auf den Tisch gestellt." „Wie wirkte sie?" Er überlegte. „Normal." Nora mochte das Wort normal nicht. Es bedeutete meistens, dass jemand nicht genau hingesehen hatte. „Gut gelaunt?" „Ja. Glaube schon." „Nervös?" „Nein." „Hat sie telefoniert?" „Nicht als ich drin war." „Hat sie erwähnt, dass sie jemanden erwartet?" Er schüttelte den Kopf. Nora sah zurück in das Zimmer. „Haben Sie ihr ein Bonbon gebracht?" Der junge Mann blinzelte. „Ein was?" „Bonbon. Erdbeere." „Nein." Jonas sah Nora von der Seite an. Sie ignorierte ihn. „Liegen solche Bonbons normalerweise auf den Zimmern?" „Nein. Wir haben Schokolade." „Sicher?" „Ja." „Danke." Der junge Mann nickte, blieb aber stehen. „Kann ich gehen?" „Gleich. Mein Kollege hat noch ein paar Fragen." Jonas warf Nora einen Blick zu, der ungefähr sagte, dass er natürlich die langweiligen Fragen übernehmen durfte. Sie lächelte unschuldig und ging zurück ins Zimmer.
Das Bonbon lag noch immer dort. Rot. Billig. Lächerlich unbedeutend. Vielleicht hatte Elena es irgendwo eingesteckt. Vielleicht hatte sie es beim Mittagessen bekommen. Vielleicht lag es seit drei Tagen dort und das Reinigungspersonal hatte es übersehen. Nora wusste das alles. Sie wusste auch, dass sie sich viel zu früh an einem Detail festhielt. Das war gefährlich. Man konnte einen ganzen Fall in die falsche Richtung ziehen, nur weil einem etwas gefiel. Trotzdem sah sie es an. „Was ist so interessant an dir?", murmelte sie. „Sprichst du mit Süßigkeiten?" Nora schloss für einen Moment die Augen. „Wie lange stehst du schon da?" Jonas kam wieder herein. „Lange genug, um mir Sorgen zu machen." „Hat er noch etwas gesagt?" „Nein. Elena war allein. Freundlich. Hat ihm zehn Euro Trinkgeld gegeben." „Zehn?" „Vielleicht mochte sie ihn." Nora sah zum Champagner. „Oder sie war gut gelaunt." „Kann sein." Jonas zog sein Handy aus der Tasche und sah auf die Uhr. „Wir werden heute sowieso nichts mehr herausfinden." Nora antwortete nicht. „Das war ein Hinweis darauf, dass wir irgendwann nach Hause gehen." „Ich habe eine Wohnung. Ich weiß, wie das Konzept funktioniert." „Manchmal bin ich mir da nicht sicher."
Es dauerte weitere zwei Stunden, bis Nora das Hotel verließ. Der Regen hatte aufgehört, aber die Straßen glänzten noch nass unter den Laternen. Sie zog ihre Jacke enger um sich und blieb für einen Moment unter dem Vordach stehen. Jonas hatte ihr angeboten, sie nach Hause zu fahren. Sie hatte abgelehnt. Nicht weil sie gerne nachts allein durch die Stadt lief, sondern weil Jonas im Auto ausschließlich Podcasts über Wirtschaft hörte und Nora nach einem Mord keine Lust hatte, sich erklären zu lassen, warum Immobilien eine gute Kapitalanlage waren. Sie steckte die Hände in die Taschen und ging los. Auf dem Weg zur U Bahn dachte sie nicht an Elena. Zumindest versuchte sie es. Sie dachte an die Wäsche, die seit drei Tagen in ihrer Waschmaschine lag und die sie vermutlich noch einmal waschen musste. Sie dachte daran, dass ihre Mutter gestern angerufen hatte und Nora vergessen hatte zurückzurufen. Sie dachte daran, dass in ihrem Kühlschrank außer Senf, einer halben Gurke und irgendeinem Joghurt wahrscheinlich nichts Essbares mehr existierte. Dann dachte sie wieder an Elena. Zwei Gläser. Keine Abwehrverletzungen. Ein Bonbon. „Hör auf", sagte Nora leise zu sich selbst. Eine Frau, die ihr entgegenkam, sah sie irritiert an. Nora tat so, als hätte sie Kopfhörer im Ohr.
Am anderen Ende der Stadt saß eine Frau in einer Badewanne und rasierte sich das linke Bein. Das Wasser war inzwischen fast kalt, aber sie hatte keine Lust aufzustehen. Auf dem Boden neben der Wanne lagen ein schwarzes Kleid, eine Strumpfhose und Unterwäsche. Alles ordentlich übereinander. Auf dem Waschbecken stand ein Glas Rotwein. Ihr Handy vibrierte irgendwo im Schlafzimmer. Sie ignorierte es. Stattdessen zog sie den Rasierer langsam über ihr Knie und betrachtete anschließend die Haut. Eine kleine Stelle hatte sie übersehen. Sie setzte erneut an. Das Handy vibrierte ein zweites Mal. „Ja, ja." Ihre Stimme hallte leise von den Fliesen zurück. Sie stieg aus der Wanne, wickelte sich ein Handtuch um den Körper und hinterließ nasse Fußspuren auf dem Boden. Die Wohnung war klein, aber teuer eingerichtet. Wenige Möbel. Keine Fotos. Keine Pflanzen. Nichts an den Wänden außer einem schief hängenden Bild, das sie vor drei Monaten gekauft hatte, weil die Verkäuferin gesagt hatte, es würde Ruhe ausstrahlen. Sie hatte noch immer nicht verstanden, was das bedeuten sollte.
Das Handy lag auf ihrem Bett. Drei Nachrichten.
Erledigt?
Melde dich.
V.
Sie setzte sich auf die Bettkante. Wasser tropfte aus ihren Haaren auf ihre Schultern. Eine Weile betrachtete sie nur den Bildschirm. Dann tippte sie.
Erledigt.
Die Antwort kam nach weniger als einer Minute.
Probleme?
Sie dachte an das Hotelzimmer. An den Champagner. An Elena. An deren Gesicht, als sie endlich verstanden hatte, weshalb sie wirklich gekommen war. „Nein", sagte sie leise. Dann schrieb sie dasselbe.
Nein.
Wieder eine Nachricht.
Morgen 14 Uhr. Üblicher Ort.
Sie legte das Handy weg, ohne zu antworten. Im Spiegel gegenüber dem Bett konnte sie sich selbst sehen. Nasse dunkle Haare. Handtuch. Ein kleiner blauer Fleck an ihrer Schulter. Sie drückte mit zwei Fingern darauf. Es tat ein bisschen weh. Elena hatte sie doch berührt. Nur einmal. Kurz bevor es vorbei gewesen war. Sie hatte nach ihrer Schulter gegriffen, nicht besonders kräftig, eher aus Reflex. Interessant, dachte sie. Daran hatte sie vorhin gar nicht mehr gedacht.
Sie stand auf und ging zurück ins Badezimmer. Das Wasser in der Wanne war inzwischen vollkommen still. Sie nahm das Weinglas vom Waschbecken und trank einen Schluck. Dann bemerkte sie etwas neben ihrer Kleidung. Ein einzelnes rotes Bonbon lag auf den Fliesen. Sie betrachtete es einige Sekunden. „Da bist du ja." Sie bückte sich, hob es auf und drehte es zwischen den Fingern. Erdbeere. Ihre Lieblingssorte war eigentlich Zitrone. Erdbeere war zu süß, aber in dem Laden unten an der Ecke gab es die Zitronen seit Wochen nicht mehr. Sie wickelte das Bonbon aus und steckte es in den Mund. Die Verpackung warf sie in den Mülleimer. Dann ging sie zurück ins Schlafzimmer und vergaß Elena Marković noch bevor sie das Licht ausschaltete.
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Unter deiner Haut
ActionEin Mord. Keine Spuren. Nur ein Erdbeerbonbon, das dort nicht hingehört. Als Nora beginnt, nach der Frau hinter dem perfekten Verbrechen zu suchen, ahnt sie nicht, dass diese Jagd ihr Leben verändern wird. Denn je näher sie ihrer Täterin kommt, dest...
