Prolog

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Der Regen trommelte gegen die hohen Fensterscheiben, als würde er versuchen, sich seinen Weg ins Innere zu bahnen. Jeder Donner ließ das alte Gebäude erzittern. Das Licht flackerte für einen kurzen Moment, bevor die Dunkelheit den Raum erneut verschluckte.

Der Junge zog die Knie dichter an seinen Körper.

Seine kleinen Hände umklammerten den Ärmel seines viel zu großen Pullovers. Er wusste nicht, wie spät es war. Er wusste nur, dass sein Vater gesagt hatte, er solle hier sitzen bleiben.

„Egal, was du hörst."

Die Tür war geschlossen.

Abgeschlossen.

Er durfte sie nicht öffnen.

Er durfte nicht weinen.

Er durfte keinen Laut von sich geben.

Er nickte damals nur, obwohl er nicht verstand, warum Erwachsene immer Dinge sagten, die Kinder unmöglich einhalten konnten.

Zuerst war alles still.

Dann hörte er Stimmen.

Tiefe Männerstimmen.

Eine davon gehörte seinem Vater.

Die andere kannte er nicht.

Kurz darauf folgte ein dumpfer Schlag.

Noch einer.

Dann ein Schrei.

Der Junge zuckte zusammen.

Seine Finger wanderten automatisch zu seinen Ohren, doch selbst dadurch verschwanden die Geräusche nicht.

Jemand flehte.

Jemand weinte.

Er presste die Augen so fest zusammen, dass sie schmerzten.

„Nicht hinhören."

„Nicht hinhören."

„Nicht hinhören."

Er murmelte die Worte immer wieder vor sich hin.

Plötzlich wurde es still.

So still, dass selbst der Regen draußen verstummt zu sein schien.

Langsame Schritte näherten sich der Tür.

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss.

Die Tür öffnete sich knarrend.

Ein großer Mann trat ein.

Schwarzer Mantel.

Blut an den Händen.

Der Junge hob langsam den Kopf.

Sein Vater.

Er ging in die Hocke.

Sein Gesicht blieb ausdruckslos, als wäre draußen nichts passiert.

Mit zwei Fingern hob er das Kinn seines Sohnes an.

„Hast du geweint?"

Der Junge schüttelte sofort den Kopf.

Dabei liefen ihm längst Tränen über die Wangen.

Sein Vater betrachtete ihn einen langen Moment.

Dann strich er ihm die Tränen mit dem Daumen weg.

Nicht sanft.

Eher, als würden sie ihn stören.

„Hör gut zu."

Seine Stimme war ruhig.

Gefährlich ruhig.

„In unserer Welt gibt es keinen Platz für Schwäche."

Der Junge sagte nichts.

„Tränen machen dich angreifbar."

Noch immer schwieg er.

„Wenn Menschen sehen, dass du Angst hast, benutzen sie sie gegen dich."

Der Mann stand wieder auf.

„Also gewöhn dir das Weinen ab."

Er drehte sich zur Tür.

Blieb jedoch noch einmal stehen.

Ohne sich umzudrehen, sagte er den Satz, der den Jungen sein ganzes Leben begleiten würde.

„Überleben ist wichtiger als fühlen."

Die Tür fiel ins Schloss.

Der Junge blieb allein zurück.

Er wischte sich mit zittrigen Händen die letzten Tränen aus dem Gesicht.

Danach weinte er nie wieder.

Fünfzehn Jahre später ...

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