Kapitel 1

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Wenn ich mich für eine Sache entscheiden müsste, die ich mehr hasse als alles andere, eine Sache auf der Welt gegen die sich mein ganzes Wesen sträubte, dann ist es der Winter. Der kalte unnachgiebige Winter, der sich immer mehr durch meine Adern fraß. Er legte sich wie Steine auf meine Brust und machte selbst das Atmen schwer. Der Winter, der mir immer wieder aufs Neue alles nahm, was ich liebte. 
Jedes Jahr aufs Neue sagte ich mir, dass der Winter nicht lange anhalten würde, dass der Sommer nur ein paar Monate entfernt war, doch ich war schlicht im falschen Land dafür. England ist nicht unbedingt bekannt für seine Wärme.

Ich stand im Badezimmer und wartete auf das Ergebnis des Thermostates. Jeden Morgen im Winter, bevor ich rausgehe muss ich meine Temperatur checken, fällt sie unter 32° C muss ich zu Hause bleiben und mich irgendwie wieder aufwärmen. Ein heißes Bad, Wärmeflaschen und mindestens einen Tag unter drei Decken still liegen, bis mein Körper sich erinnerte, wie man eigentlich wieder funktionierte.

Im Sommer kann ich mich draußen wenigstens etwas aufwärmen, dann fühlte ich mich für kurze Zeit fast wie alle anderen. Aber wenn es draußen kälter und bewölkt ist... fällt die Körpertemperatur unter 28° C wird es lebensgefährlich. Seit ich 12 Jahre alt bin war die Höchsttemperatur die mein Körper erreichen konnte 36° C und die niedrigste war 24°C. Das war als ich 17 Jahre alt war. Ein paar Mitschüler fanden es witzig mich in einen kalten Pool im Winter zu stoßen. Sie schlossen mich aus dem Haus aus und versperrten den Ausgang vom Garten. 

Am nächsten Morgen hatten sie mich bewusstlos gefunden. Mein Herz schlug erschreckend langsam und meine Atmung war wohl so flach, dass die anderen mich zuerst für Tod hielten. Ich lag zwei Tage im Koma und dann noch drei Tage, bis meine Temperatur sich auf 36° C geregelt hatte, wobei diese auch gleich wieder fiel als ich zuhause war. Aber für einen einzigen Tag hatte ich mich fast normal gefühlt... gleichzeitig hatte ich auch angst mich daran zu gewöhnen.

Das Thermostat piepte, 34° C. Erleichtert atmete ich auf und sah in den Spiegel vor mir. Meine Haut war blass, ein Kontrast zu meinen rot-braunen Haaren und ließ meine blauen Augen herausstechen. Meine Haare flossen mir in Wellen über die Schultern, in zwei Wochen müsste ich sie wieder färben. Durch meinen Ansatz konnte man schon meine weißen Haare sehen.

Ein wildes Klopfen an meiner Tür ließ mich aufzucken: „Amara? Wie lange willst du noch da drinnen bleiben?"

Seufzend packte ich das Thermostat weg und öffnete die Tür. Dort stand meine schwarz haarige Zimmermitbewohnerin, Melinda. Sie schubste mich zur Seite, ging ins Badezimmer und schlug hinter mir die Tür zu. Melinda ist neu in die WG gezogen, Leyla und ich mussten nach einem Ersatz suchen, als unsere alte Mitbewohnerin in eine andere Stadt gezogen ist.

„Argh, wann hört sie endlich auf die Türen so laut zu zuknallen?" stöhnte Leyla genervt und kam mit ihrem Schlafanzug und verwuschelten, lockigen braunen Haaren aus ihrem Zimmer.

„Dieses Mal war es meine Schuld, ich habe ein wenig länger im Badezimmer gebraucht als sonst." Erklärte ich und ging zur Küche. Wir hatten eine offene Wohnküche von der man einen super Ausblick auf die Straße und den Park gegenüber hat.

„Wann musst du los?" fragte mich Leyla laut gähnend und kam auf mich zu, während ich mir einen Kaffee einschenkte.

„In zehn Minuten." Antwortete ich und schenkte ihr auch gleich einen Kaffee ein „Was ist mit dir, arbeitest du heute wieder?"

Sie ließ den Kopf hängen: „Ja, in zwei Stunden geht es wieder los und dann bin ich vermutlich die ganze Nacht weg."

Voller Mitgefühl reichte ich ihr den Kaffee. Leyla ist Krankenschwester, aber hat sich trotzdem dafür entschieden nochmal zu studieren, was ich auch gut verstand, denn so wie sie arbeitet könnte ich das keinen Monat aushalten.

The Frost In My VeinsStories to obsess over. Discover now