Kapitel 1 Der Ruf der Klinik

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Elias Voss hatte die Kälte nie gemocht, aber die Nacht, in der er zur Kronenberg-Klinik fuhr, war die Art von Kälte, die nicht nur die Haut, sondern die Seele durchdrang – eine feuchte, beißende Kälte, die sich in die Gelenke fraß, die Finger taub machte und die Knochen schmerzen ließ, noch bevor er den Motor seines alten Fords abstellte, ein rostiger Kasten, der bei jedem Schlagloch ächzte, als würde er gleich auseinanderfallen. Der Nebel lag wie ein Leichentuch über dem Wald, so dick, dass die Scheinwerfer kaum zehn Meter weit reichten, und die Kiefern, die den schmalen, schlammigen Weg säumten, ragten wie stumme Wächter auf, ihre Äste ein dichtes Geflecht, das das Mondlicht schluckte, nur gelegentlich durchbrochen von einem fahlen Schimmer, der die Nadeln silbern glänzen ließ, bevor er wieder verschwand, als hätte der Wald ihn verschluckt. Elias' Hände zitterten am Lenkrad, nicht nur wegen der Kälte, sondern wegen des Gefühls, das in seiner Brust wuchs – eine Mischung aus Angst, einer seltsamen, unheimlichen Vorfreude und einer tiefen, nagenden Schuld, die ihn seit fünfzehn Jahren begleitete, ein Schatten, der ihn nie losließ, der ihn trieb, ihn zerfraß, ihn zu diesem Ort brachte, den er nie hatte sehen wollen, den er doch nie hatte vergessen können. Er zündete sich eine filterlose Camel an, der Rauch brannte in seiner Kehle, ein bitterer Trost, während er den Qualm in die kalte Luft blies, wo er sich mit dem Nebel vermischte, ein grauer Schleier, der sich um das Auto legte, als wollte er es verschlingen, es in die Dunkelheit ziehen, so wie der Wald alles verschlang, was dumm genug war, sich ihm zu nähern. Seine grauen Augen, tief eingesunken von zu wenig Schlaf und zu viel Kaffee, starrten auf den Weg vor ihm, aber seine Gedanken waren woanders, weit weg, in Hader's Mill, fünfzehn Jahre zurück, als die Welt noch einen Sinn gehabt hatte, als Anna noch da gewesen war, seine Schwester, seine beste Freundin, sein Licht in einer Welt, die immer zu dunkel gewesen war. Er sah sie vor sich, mit strohblonden Haaren, die im Sommerlicht glänzten, wie sie auf der Veranda ihres alten Hauses saß, die Beine übereinandergeschlagen, ein Aquarell auf den Knien, während sie "The water is wide" sang, ihre Stimme weich wie ein Sommerwind, ein Klang, der Elias immer beruhigt hatte, selbst an den schlimmsten Tagen, wenn ihr Vater nach Bier und Wut stank und ihre Mutter sich in ihrem Zimmer einschloss, die Hände über den Ohren, um die Schreie nicht zu hören. Elias, damals ein magerer Junge von fünfzehn, mit aufgeschürften Knien und einem Lächeln, das noch nicht von Schuld zerstört war, saß neben ihr, die Sonne warm auf seinem Gesicht, und lachte, als sie ihm erzählte, sie werde eines Tages die Welt sehen, weit weg von Hader's Mill, weit weg von ihrem betrunkenen Vater und ihrer zerbrechlichen Mutter, weit weg von dem Wald, der immer am Rand der Stadt lauerte, ein schwarzes Meer aus Kiefern und Eichen, das Geheimnisse flüsterte, die niemand hören wollte. Doch dann kam der Streit, nur Tage vor ihrem Verschwinden, als Anna von Lichtern im Wald sprach, von Stimmen, die sie nachts riefen, ihre grünen Augen weit vor Aufregung, ihre Stimme zitternd, und Elias, genervt und müde von ihren Geschichten, sie eine naive Träumerin nannte, seine Worte scharf wie ein Messer: "Du spinnst doch, Anna! Hör auf mit dem Unsinn!" Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, sie war aufgesprungen, die Veranda knarzte unter ihren Schritten, und sie rannte davon, in die Nacht, in den Wald – das letzte Mal, dass er sie gesehen hatte, das letzte Mal, dass er ihre Stimme gehört hatte, bis heute, bis zu dem Tonband, das er in einem verstaubten Archiv gefunden hatte, mit ihrer Stimme, flehend, verzweifelt, ein Echo, das ihn hierhergebracht hatte, in diese neblige Nacht, in diesen Wald, der ihn beobachtete, der ihn rief, der ihn nie losgelassen hatte. Elias blinzelte, die Erinnerung verblasste, aber die Schuld blieb, ein schwerer Stein in seiner Brust, der ihn niederdrückte, ihn würgen ließ, während er murmelte, wie er es immer tat, wenn die Nerven blank lagen: "Nur ein Job, Elias. Rein, Beweise finden, raus." Aber er wusste, dass das eine Lüge war, eine, die er sich selbst erzählte, um nicht den Verstand zu verlieren, denn das hier war kein Job – das hier war für Anna, für die Schwester, die er im Stich gelassen hatte, für die Schwester, die er retten musste, auch wenn er nicht wusste, ob sie noch zu retten war.

Die Kronenberg-Klinik - Ein Albtraum, der nie endetOpowiadania do pokochania. Odkryj je teraz