Mein erstes Vorbild war F. Müller. Der nächste Spielkamerad neben meiner Schwester in dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Freundschaft zu F. war unausweichlich, er wohnte die kleine selten befahrene und (zum Leid meiner Knie) löchrige Straße runter in einem modernen Neubau, der sich an das alte Haus seiner Großeltern lehnte. Es gibt Fotos von uns Kindern vor dem Gebäude im Schnee, dick eingepackt in Schneeanzüge, mit roten Wangen, die vor Kälte von Stolz glühen. Angelehnt an einen gigantischen Schneemann grinsen wir in die Kamera. Damals war F. noch nicht mein Vorbild, er war mein Zukünftiger. Ich wollte ihn mal Heiraten, sobald wir alt genug waren. Er war mein "lieber Freund", was den rabiaten Jungen an die schimpfenden Worte seiner Mutter "Mein liebes Freundchen" erinnerte. Mein liebes Freundchen war F. vor allem F., wenn wir die Straße hoch, vorbei an dem Mehrfamilienhaus, in dem ich wohnte, und der kleinen Schreinerei gegen[ber, in den Kirschbäumen kletterten und dabei unsere Hosenbeine grün färbten. F. und ich waren zu dieser Zeit ebenbürtig. Ich, etwas vorsichtiger, dafür aber hervorragend sprachgegabt, während F. mit einem leichten Lispeln kämpfte. Er, deutlich wagemutiger und deswegen schnell lernend, was unfairer Weise dazu führte, dass er schneller und besser Fahrrad fahren konnte.
Während F. jedoch voll und ganz in der Rolle des wilden spielenden Jungen aufgehen konnte und es von den Eltern gar gern gesehen wurde, wenn ihr Kind durch lautes Verhalten den Kindergarten aufmischte, stand ich plötzlich das erste Mal im Konflikt mit der Binarität der Welt.
Kindergarten. Diese Institution hat aus meiner aufgeweckten Schwester, die eine geborene Forscherin, sowohl von ihrem unermüdlichen Wissensdurst, als auch ihrer Besserwisserei, gewesen ist, ein Kind gemacht, das Pferde mag, Spinnen fürchtet und am liebsten eine rosane Prinzessin sein möchte. Zu dieser Zeit muss F. mein Vorbild geworden sein, schließlich war er mir so viel näher als meine Schwester, die sich als rosanes Vorbild so gar nicht anbot. Den ersten Schritt machte ich selbst und schnitt mir, während meine alleinerziehende Mutter telefonierte, kurzfristig einen Fokuhila. Zunächst schokiert, dann jedoch amüsiert, entschloss meine Mutter, diese Frisur zu tolerieren. Doch F. war ich mit dieser Version meiner Haare kein Stück näher gekommen, oder der Art und Weise, wie er als Junge und ich als Mädchen in der "Rasselbande", unserer gemeinsamen Kindergartengruppe, behandelt wurde.
Während eines Familienurlaubs entschied ich mich also dazu, dass es nun genug sei, mit dem Fokuhila und ich doch lieber so aussehen wollte, "Wie F." Und wie F. war dann ein Schnitt mit dem Apparat, einmal drüber über den kleinen Kopf. Plötzlich war ich jemand anderes. Ich erinnere mich noch, wie ich mit diesem neuen Kopf das erste Mal nach den Ferien in den Kindergarten maschierte. Es war aufregend, vor allem, weil mich die Erzieher*innen nicht erkannten. Aufregend war auch, dass mein Geschlecht plötzlich zum Fragezeichen wurde.
Meine Mutter erzählt manchmal schmunzelnd, wie wir als Kinder bei einem Besuch meiner Großtante den ganzen Nachmittag über mit einem Nachbarsjungen spielten. Natürlich waren wir gegen Ende des Tages dicke Freunde, als hätten wir uns niemals nicht gekannt. Immer wieder hatte meine Mutter im Laufe dieses Tages wiederholt, dass ich ein Mädchen bin. Doch das hatte er ihr nicht geglaubt. Erst, als wir zur Abkühlung am Abend nochmal schnell in den Bach hüpften, splitterfaser nackt, wurde dem Kamerad bewusst, dass er den ganzen Tag mit einem Mädchen gespielt hatte. Ob er sich noch daran erinnert? Ich selbst habe keine eigene Erinnerung mehr daran, also muss es für mich nicht unangehm gewesen sein.
Ich wusste sehr deutlich, was ich wollte und was nicht. Schnell war für mich klar, was weibliche Aktivitäten, Klamotten und Spielzeuge sind und ich habe sie klar von mir gewiesen. Wie ich dabei wahrgenommen wurde, von außen, das weiß ich bis heute nicht.
Dieses unbehelligte Ich- Selbst- Sein hat mich auch durch die Grundschule begleitet. Ich trug kurze Haare, verscheute Menschen aus dem Chor - der Laberverein, wie ich ihn zusammen mit einer ebenso wilden Freundin immer nannte - und hätte ein Kleid nicht mal mit geschlossenen Augen getragen. Auch nicht bei meiner Konfirmation, die ich in einer schicken weißen Hose durchstand. Mit Ende der Grundschule kamen dann zwei Events zusammen: Der Wechsel in die 5. Klasse und damit das Gefühl eine neue Welt zu betreten und der Umzug in ein neues noch kleineres Dorf. Weg von F., dessen Freundschaft ich im Laufe der Jahre durch eine Mädchengruppe, "die wilden Zwerge" nannten wir uns, ersetzt hatte. Beide Events führten jedoch unweigerlich dazu, dass sich der soziale Kreis, in dem ich bis zu diesem Momement wie in einer Seifenblase gelebt hatte, zerplatzte und ich plötzlich an der freien Luft stand.
In dem neuen Dorf war es wieder der benachbarte Junge, der ein enger Freund werden sollte, doch ich war älter, fremdartiger und besonderer. Zumindest in seinen Augen, sodass mir schnell die Bewunderung S. zueigen wurde. S. diente also wenig als Vorbild und überhaupt war es erstaunlich aus den Augen fremder Gleichaltriger auf mein Leben zu blicken. Wir waren nun alle älter und begannen die Umstände, in denen die Spielkameraden lebten, zu durchblicken. So wie ich auf die kleinen Einfamilienhäuser mit Mutter, Vater, Kind und manchmal sogar Hund blickte, so mussten diese Kinder auch auf mich blicken. Ein Kind in einem Hausprojekt voller burschikos aussehender Butches, mit einer alleinerziehenden Mutter und zwei Katzen. Mein Aufwachsen war einfach nicht die Norm auf den Dörfern in der Gegend und auch wenn ich die Butches aus dem sozialen Kreis meiner Mutter liebte und vergötterte, so hätten sie mir in der 5. Klasse nicht als Vorbilder dienen können. Sie waren ein Geheimnis, denn sie wären für die anderen Kinder nicht verständlich gewesen. Das wurde mir klar, als Eva, eine Frau mit einem Bart, die Gemüse lieferte, mir schrägen Blicken angesehen wurde. Zuvor war mir Evas Bart nie als absonderlich aufgefallen. Nicht in die binären Normen passen ist weird, das wurde mir schnell klar.
Fehlenden Vorbildern zu Folge verstecke ich Bilder der angrenzenden Zeit am liebsten. Unentschlossene halb kurze, halb rausgewachsene, komisch asymetrisch fallende Frisuren und Klamotten, die aus der Mädchenabteilung ausgewählt wurden und trotzdem noch meinem Groll gegen Weiblichkeit entsprechen mussten, waren bis zur 9. Klasse Programm.
Einmal hatte ich mich doch in die Jungenabteilung gewagt und dort einen Pullover in den wunderbarsten Farben gefunden. Ich trug ihn gerne und er stand mir gut. So lange, bis ich in der Bibliothek stand und plötzlich ein Junge mit dem gleichen Pullover neben mir in den Reihen auftauchte. Ich fühlte mich so ertappt und so beschähmt. Keiner sollte denken, dass ich Jungenklamotten trug!
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Non Binary Views
Short StoryMeine Utopie ist ein Leben in ohne binäre Geschlechter. Aber die Realität hinkt diesem Wunsch nach und oft schon habe ich mir Geschichten aus dem Leben anderer Menschen gewünscht, deren Augen so wie meine auf diese verrückte eilende Welt blicken. I...
