Das Flugzeug setzte unsanft auf dem Boden auf. Eine heftige Windböe schien nach ihm zu greifen und ein kurzes Rucken ging durch den Flieger. Ein letztes mal krallten sich einige besonders ängstliche Passagiere panische an den Armlehnen ihrer Sitze fest. Doch je mehr das Flugzeug abbremste, desto ruhiger rollte es auf der Landebahn zu seinem Ziel. Herrschte zuvor noch angespannte Stille im Innenraum, so brach zunehmends hektisches Treiben aus, als wir uns dem Stellplatz näherten. Taschen wurden zusammengepackt, schlafende Kinder geweckt und Müll achtlos in die Fächer an den Rückenlehnen der Vordersitze gestopft. Als wäre ein unsichtbarer Startschuss gefallen, sprangen alle aus ihren Sitzen, sobald die Maschine endgültig zum Stillstand kam. Jeder schien als erstes das Flugzeug verlassen zu wollen und ohne Rücksicht auf Verluste wurde das Handgepäck ungeduldig aus den Ablagen gezerrt. Obwohl sich die Türen des Fliegers noch gar nicht geöffnet hatten, standen etliche bereits ungeduldig im Gang. Ich dagegen blieb auf meinem Fensterplatz sitzen und beobachtete das Chaos. Ein Mann mittleren Alters mit einem zerknitterten Anzug schaute immer wieder gestresst auf seine teure Armbanduhr. Ein junges Mädchen, übersäht mit Tattoos und Piercings, kaute gelangweilt auf einem Kaugummi und schien sich gerne provokant in den Weg zu stellen. Das wiederum brachte ein altes Ehepaar zum Schimpfen, das scheinbar versuchte, im Gang weiter nach vorne zu gelangen.
Endlich öffneten sich die Türen des Flugzeugs und in Zeitlupe schoben sich die Menschen Richtung Ausgang. Als es endlich deutlich leerer und ruhiger wurde, erhob auch ich mich schließlich und musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um meinen Beutel aus der Gepäckablage zu angeln. Ich hatte nur einen Stoffbeutel mit dem Nötigsten als Handgepäck dabei, der Rest war in meinem großen Wanderrucksack verstaut und hatte hoffentlich im Laderaum ebenfalls den Weg nach Norwegen gefunden. Mit als eine der letzten verließ ich das Flugzeug und wurde freundlich von einer der Flugbegleiterinnen auf Norwegisch verabschiedet. Ich folgte der Gangway zum Flughafengebäude. Hinter mir schlenderte nur noch ein junges Paar Hand in Hand, gefolgt von einem allein reisenden, älteren Mann. Ich versuchte mir bewusst zu machen, dass ich gerade den Osloer Flughafen in Norwegen betrat, aber in mir war nur diese bekannte, dumpfe Teilnahmslosigkeit. Ich ging lange Gänge entlang, passierte die Ausweiskontrolle und folgte der Schilderung zur Gepäckausgabe. Der Flughafen war groß, modern und hell, doch er schaffte es nicht, mich aus der Reserve zu locken. Wie ferngesteuert folgte ich den Menschenmengen und ließ mich treiben, da alle das selbe Ziel anvisierten. Am Gepäckausgabeband fand ich eine ebenso geladene Stimmung vor und die ersten drängelten sich bereits dicht an das Laufband, dabei war noch nicht ein einziger Koffer zu sehen. Die meisten wirkten gereizt und gestresst, was daran liegen könnte, dass wir mit satten 30 Minuten Verspätung landeten. Die Wetterbedingungen waren jedoch miserabel gewesen und der Flug mehr als nur turbulent. Ich war froh, dass ich keinen Anschlussflug erreichen musste. Ich setzte mich etwas abseits auf eine Bank und wartete gedankenversunken darauf, dass die Gepäckbänder ihre Arbeit aufnahmen. Die Schilder waren in norwegischer Sprache und mit englischen Übersetzungen versehen. Ich war tatsächlich in Norwegen und wartete darauf, dass der letzte Rest meines alten Lebens in Form eines schlichten, blauen Rucksackes ankam. Ich hatte niemanden mehr, zu dem ich zurückkehren würde und ich hatte keinen Ort mehr, den ich mein Zuhause nennen konnte. Alles was ich besaß, hatte mit Leichtigkeit in diesen Wanderrucksack gepasst oder befand sich auf einem Konto mit einem unteren vierstelligen Betrag.
Ich sackte in mir zusammen, als ich völlig alleine auf der Bank saß und die Menschen um mich herum betrachtete. Die wenigsten reisten alleine und wenn, dann hatten sie ein vertrautes Leben, zu dem sie zurückkehren würden. Ich jedoch war komplett auf mich alleine gestellt und das Gefühl des Alleineseins und der Ungewissheit traf mich ohne Vorwarnung. Ich hatte die letzten Wochen so viel geweint, dass die Tränen, welche sich in meinen Augen sammelten, mir nicht mal mehr peinlich waren. Noch nie in meinem Leben fühlte ich mich so einsam, doch zeitgleich wusste ich, dass ich nicht in meiner Heimatstadt hätte bleiben können. Zuviele schmerzhafte und erdrückende Erinnerungen hingen an der Wohnung, die ich den größten Teil meines bisherigen Lebens mein Zuhause genannt hatte. Erinnerungen an meine Mutter, die nach monatelangem Leiden doch den Kampf gegen den Krebs verlor. Erinnerungen an meine Träume und Ziele, die ich mir gesetzt und dann doch aufgab. Erinnerungen an ein Leben, dass mir innerhalb kürzester Zeit fremd geworden war.
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Der Fremde in meinem Schatten
ActionManchmal ist Trauer so überwältigend, dass man nicht in der Lage ist, sich ihr zu stellen. Lian hat nicht nur ihre Mutter an den Krebs verloren, sondern auch noch ihren Studienplatz, ihre Freunde und ihren Traum vom Tanzen. Sie lässt ihr altes Leben...
