"Kein Leben für ein Kind" sagen sie

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Das Licht der Sonne reflektierte sich im Glas des Bilderrahmens. Arthur bewegte ihn ein wenig und die helle Reflexion lief weiter über das Bild.

Es war ein Blick in die Vergangenheit. In eine bessere Zeit. Es zeigte einen hochgewachsenen jungen Mann mit dunklen Haaren, etwa im Mittleren Alter. Vielleicht gerade 30 geworden. Neben ihm ein etwa 10-jähriger Junge mit tiefschwarzen Haaren. Er reichte dem Erwachsenen gerade so bis zur Hüfte und es ließ sich kaum erahnen, welch einen Wachstumsschub das Kind noch vor sich hatte. Beide standen mitten im Park. Arthur erinnerte sich nicht mehr daran, wer das Foto geschossen hatte. Aber er erinnerte sich gerne an den Tag zurück. Es war mitten in den Herbstferien gewesen. Arthur war in dem Jahr eingeschult worden. Ziemlich spät. Sein Onkel hatte ihn zu seinem Geburtstag von der Schule abgeholt und war mit ihm den ganzen Tag bis spät in die Abendstunden durch die Stadt gefahren. Es war einer der schönsten Momente in Arthurs Leben gewesen. Ein unbeschwerter Moment. Voller kindlicher Hoffnung und Naivität.

Bedacht strich Arthur mit den Fingerkuppen über die erwachsene Figur. Sein Onkel Rick. Immer schon sein Vorbild. Wie gern wäre er wie er gewesen. Oder hätte ihn zumindest auf seinen Reisen begleiten können. Aber das ging nicht. Es ist kein Leben für ein Kind, hatte man ihm gesagt.

„Arthur!" Die Stimme seiner Mutter drang vom unteren Stockwerk hinauf, „Komm Kleiner, wir wollen los!"

Arthurs Augenwinkel füllte sich für eine Sekunde mit Tränen und mit einem frustrierten Wutschrei warf er die wertvolle Erinnerung in Form des Bildes gegen die Wand. Genervt fuhr er sich übers verzerrte Gesicht und wischte sich grob die Träne weg. Der Bilderrahmen war an der Wand entlang zu Boden gefallen und lag nun bewegungslos neben dem Bett. Der staubige Rahmen aus Holz hatte eine Delle bekommen und das Glas war an einer Stelle etwas gesprungen.

„Arthur!"

„Ja!", brüllte Arthur wütend zurück, schnappte sich energisch seine Jacke vom Stuhl und stampfte die Treppe nach unten. Im Flur erwartete ihn bereits seine Mutter. Vor 10 Minuten waren sie von der Beerdigung gekommen. Sie hatte sich für den Nachlassverwalter extra ein neues Outfit gesucht. Das verhältnismäßig sittliche, schwarze Kleid bis zum Oberschenkel und die dünne Strumpfhose waren verschwunden. Eine schwarze enge Hose betonte nun ihre abnormal dürren Beine. Schwarze Absatzschuhe, dunkelrote Lippen und ein jugendliches, dunkles Oberteil mit viel Schulterfreiheit. Ein Hut saß auf dem offenen Haar und ein kunstvoller schwarzer Schleier hing ihr locker im Gesicht ohne es völlig zu bedecken.

„Wo bleibst du denn, Schätzchen? Dein Vater wartet bereits im Auto." Ihre Stimme war viel zu freundlich. Als hätte sie vorhin nicht erst ihren geliebten Bruder beerdigt. Arthur rauschte mit großen Schritten an ihr vorbei, stieg wortlos ins Auto und knallte die Tür zu. Kaum einen Augenblick später stieg seine Mutter hinters Steuer und der große Wagen rollte vom Grundstück. Unzufrieden sah Arthur aus dem Fenster des Rücksitzes raus und beobachtete die vorbeifliegenden Häuser, ohne sie wirklich zu sehen. Es regnete nicht. Doch die Straße war nass und der Himmel hing schwer von grauen Wolken, als würden sie Arthurs Leben bedauern.

Das Auto stank.

Es war ordentlich und aufgeräumt. Doch es stank nach verkipptem Alkohol in den Sitzen und eingenistetem Zigarettenrauch.

Arthur hasste diesen Gestank. Mit verschränkten Armen schaute er weiter nach draußen.

„Ach Schätzchen. Mach doch bitte nicht so ein furchtbar finsteres Gesicht, mein Kleiner.", meinte seine Mutter mitleidig in den Rückspiegel. Ihr Sohn schenkte ihr keinen Blick.

Kleiner'.

So nannte sie ihn ständig. Dabei war er bereits mit 14 Jahren einen ganzen Kopf größer als sie gewesen, obwohl sie selber schon eine sehr große und grazile Frau ist. Trotzdem nannte sie ihn noch so.

Er hasste diesen Spitznamen. Gedankenverloren betrachtete Arthur die kalten Straßen und Gassen, die bisher seine Welt gewesen waren. Eine Welt die ihm noch nie gefallen hatte. Er hatte sein Leben in diesen tristen Straßen und zwischen diesen kalten Menschen verbracht. Doch er wünschte ihnen allen nur den Tod.

Kein Leben für ein Kind.

Arthur schnaubte verächtlich. Er ist 16 und gerade erst in der 7. Klasse, weil seine Eltern ihn viel zu spät eingeschult hatten. Sein Leben glich einem Kasperletheater. Einem dieser klischeehaften Teenie-Romane oder dieser „Jugendliteratur", die man sie in der Schule ständig zu lesen zwang. Ein Junge, aufgewachsen bei lieblosen Eltern und Prügelknabe in der Schule.Ein dummes Kind.

Arthur schnaubte.

Sein Leben ist pure Verarschung.

Seine Mutter beobachtete ihn kurz durch den Rückspiegel. Sein Vater lag mit seinem wabbelnden Bierbauch auf dem Beifahrersitz und füllte den ganzen Platz aus. Fett, stinkend, unzufrieden.

Kein Leben für ein Kind.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Dec 02, 2021 ⏰

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