0| Prolog

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Bis es Camilla gelungen war, das Blut aus ihrem Wollmantel zu waschen, war es bereits zu warm, um ihn zu tragen.
Der Frühling hatte sich nur widerwillig eingefunden, die blassblauen Morgenstunden wurden einfach nicht heller und der Frost, auf den breiten, weitläufigen Rasenflächen Warlton's wollte und wollte nicht verschwinden. Auch um Camillas Herz hatten sich immerwährende Eiskristalle gesammelt und bedeckten nun als eine dünne, glitzernde, kalte Schicht das Organ.

Wäre ihre Schwester hier gewesen, dann hätte sie Camilla aufgrund ihrer grauen Gedanken zurechtgewiesen. Alex war schon immer die Frohnatur in ihrer Familie gewesen, der Klebstoff, der das tote Gewebe an seinem Platz hielt. Aber Camilla war so damit beschäftigt gewesen, einen Ozean zwischen sich und ihren Vater zu bringen, dass sie nicht daran gedacht hatte, was es für ihre kleine Schwester bedeuten würde, allein mit ihm zurückzubleiben.

Hätte Camilla, wie ihre streng christliche Zimmergenossin, an eine höhere Macht geglaubt, dann hätte sie einem Gott die Schuld dafür geben können. Aber damit hätte sie sowieso bloß sich selbst belogen. Alex war ihretwegen gestorben.

Inzwischen sehnte sich Camilla nicht mehr nach ihrem Zuhause. Alex war ohnehin immer der einzig mögliche Grund für ihr Heimweh gewesen. Wenn sie über Visalia, ihre in Kalifornien gelegene Geburtsstadt nachdachte, war es nicht etwa der von großen Rissen durchzogene und vor Hitze flimmernde Asphalt oder die breiten Felder und grünen Parkrasenflächen, die vor ihrem geistigen Auge aufblitzten, sondern ihr Vater, mit seinen schicken Anzügen und dem gebräunten Gesicht, es war eine dieser Reichen-Leute-Bräune, die man nur bekam, wenn man das halbe Jahr auf der eigenen Jacht in Palm Springs verbrachte.

Die Spitze des Bleistiftes brach und Camilla fluchte. Sie legte den Stift zur Seite und zerknüllte des Papier, auf das sie die ersten Sätze ihrer Englisch Hausaufgabe geschrieben hatte.

Als Cammilla noch in Visalia gelebt hatte, hatten sie und ihr Vater eine unausgesprochene Abmachung gehabt. Etwas, dass sie irgendwann einmal mit grimmigen Blicken untereinander ausgemacht hatten: Solange sie weiterhin gute Noten und ein blütenweißes Führungszeugnis hatte, würde er nicht weiter in ihr Leben eingreifen als nötig.

Diese Abmachung hatte, entgegen aller Wahrscheinlichkeit gehalten. Sie hatte ihn sogar auf einige wenige Bälle und zu sonstigen unfassbar nervtötenden Veranstaltungen begleitet, nur damit er ihr letzten Endes seine Zustimmung gab, nach Warlton gehen zu dürfen.

Monate lang hatte sie ihn bearbeitet, hatte alle erdenklichen Methoden angewandt, von der weshalb mein Studium ausschließlich Vorteile für dich bringt Rede, sie hatte hier und da Worte wie Verantwortung, Gewissenhaftigkeit und Erfahrung eingebaut, bis hin zur dann bewerbe ich mich an einem Community Collage Masche, die übrigens ein Zucken in ihres Vaters sonst so hartem Gesicht zur Folge gehabt hatte. Da wusste sie, dass sie gewonnen hatte.

Denn wenn Camillas Vater eines auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann war es sein Geld nicht zeigen zu können. Seinen übertrieben ausschweifenden Lebensstil, stellte er bei jeder Gelegenheit möglichst aufsehenerregend zur Show.

Da wäre es natürlich undenkbar, wenn die eigene Tochter auf eine verdammte Gossenschule ginge, seine Worte nicht ihre.

Camillas Meinung nach, hatte sie weit mehr für ihren Vater getan, als eigentlich vereinbart.

Nach Alex' Tod, hatte es Camilla jedoch keine Sekunde länger in dem riesigen Haus ausgehalten.

Hello, das war der Prolog, ich hoffe er hat euch neugierig auf mehr gemacht und im besten Fall einige Fragen aufgeworfen, hehe.

𝐢𝐭 𝐞𝐧𝐝𝐬 𝐰𝐢𝐭𝐡 𝐮𝐬Where stories live. Discover now