„Mama, was ist das?"
Jimin blickte seine Mutti mit ganz großen Augen an. Seine Mutti war eine schöne Frau, deren mittellanges Haar sie zu einer schwarzen Blume hochgesteckt hat und deren schlanken Beine von einem endlosen, grauen Rock verdeckt waren. Nun saß sie auf dem Ehebett, vor ihr war ein schwarzer Kulturbeutel geleert worden und Kajal, Rouge und Wimpernzange verteilten sich auf der Bettwäsche. Zu ihren Füßen saß ihr achtjähriger Sohn, der mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den roten Lippenstift in der Hand seiner Mama deutete. Etwas verdutzt wanderte ihr Blick von ihrem Sohn über zu dem Lippenstift und wieder zurück zu dem kleinen Jimin. Mit freundlicher Stimme antwortete sie: „Das ist ein Lippenstift, mein Schatz." „Und was machst du damit?" „Ich bemale mir damit die Lippen, siehst du?" Mit ruhiger Hand legte sie den Lippenstift an ihre vollen Lippen an und färbte sorgsam diese in einem satten Rotton ein. Danach ließ sie den Lippenstift sinken, verschloss ihn wieder und wendete sich erneut ihrem Sohn zu. Sie lächelte den Jungen mit einem warmen Grinsen an. Jimin war völlig begeistert von den roten Lippen seiner Mama. Den Grundschüler überkam das Gefühl, als wäre seine hübsche Mutti in dem Moment, indem sie den Balsam auf ihren Lippen aufgetragen hat, noch tausend Mal schöner geworden. Ihm gefiel der Lippenstift und so fragte er ganz unvoreingenommen und mit vor Freude glitzernden Augen: „Kannst du mir auch Lippenstift drauf malen?" Von der plötzlichen Frage ihres Sohnes etwas verblüfft hielt seine Mutti kurz inne. Erneut wanderte ihr Blick zwischen der kleinen, schwarz-goldenen Hülle und ihrem Sohn hin und her. Ihr Lächeln hatte sich bereits in ein deutliches Grübeln verzogen: Sie war sich unsicher, was sie tun sollte, doch als sie der Achtjährige weiterhin mit großen Kulleraugen anblickte, wusste sie, welche Entscheidung nur die richtige sein konnte. Freudig nickte sie und deutete ihrem Jungen an, sich auf ihren Schoß zu setzen. Sie strich mit dem roten Lippenstift über Jimins dicke Lippen und als sie mit ihrem kleinen Meisterwerk fertig war, wuschelte seine Mutter ihm noch einmal durch sein dickes, schwarzes Haar.
Nun kam auch sein Vater in das Schlafzimmer. Der ungewöhnliche Anblick von seinen zwei Lieblingsmenschen irritierte den Familienvater im ersten Moment merklich. Doch es dauerte keinen Augenblick, da blickten ihn die vor Freude strahlenden Augen seines Sohnes an und mit einmal wich alle Verwirrung. Mit einem breiten Grinsen hob er seinen Sohn auf seine Arme und strich ihm liebevoll über die vollen Wangen: „Da hat sich jemand ja besonders schön gemacht! Gefällt dir Mamas Lippenstift?" Jimin nickte euphorisch und trällerte: „Ja, ich finde den ganz ganz toll. Kann ich das immer machen?" Nach einem kurzen, vergewisserten Blick zu seiner Frau, welche bestimmend nickte, erlaubte auch er seinem Sohn: „Natürlich, wenn es dir niemanden weh tut, darfst du alles machen, was du willst."
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Seit diesem Abend waren mehrere Jahre vergangen, in denen aus dem kleinen Jungen ein großer junger Mann geworden war. Jimin besuchte nun das letzte Jahr einer bekannten Schule für darstellende Künste, auf die ihn seine großartigen Tanzkünste und sein Gesangstalent gebracht hatten. Trotz des großen Pools an kreativen Förderangeboten, die er täglich in den Unterrichtsräumen erlebte, waren die Schulflure nicht gerade von Diversität gekennzeichnet. Die Schüler unterlagen strengem Uniformzwang und hielten sich brav an alle ihnen gegebenen Regeln. Jede noch so kleine Auffälligkeit wurde verabscheut und das Mantra der beständigen Anonymität wurde in die Köpfe der Schüler eingebrannt. Jimin hatte bereits in seinem ersten Jahr beobachtet, wie auf Mitschüler reagiert wurde, die sich für den Auftritt als Background-Tänzer und Statisten die Haare färben und Make up tragen mussten: Deren Freunde zogen ohne Rücksicht auf Verluste mit den fiesesten Worten, die Jimin bis dahin kannte oder auch bislang nicht gehört hatte, über seine Mitschüler her, spuckten ihnen ins Gesicht und warfen ihnen schlimme Beleidigungen an den Kopf. Die Brutalität, mit welcher die Mobber ihr Ziel verfolgten, den Opfern das Leben zur Hölle zu machen, verängstigte den unschuldigen Teenager zutiefst. Von einem Tag auf den anderen war seine kleine Sammlung von Lipglossen, Lippenstiften und Nagellacken in den Mülleimer verschwunden. Schmerzlich hatte er seinen allerliebsten Lippenstift, ein teurer MAC-Lippenstift in knalligen feuerrot, den ihm seine Mama zum 16. Geburtstag geschenkt hatte, weggeworfen, welcher von seiner Mutter später am Abend aus dem Hausmüll gerettet wurde. Noch am selben Abend hatte sie ihren Sohn mit leichten Tränen in den Augen zu Rede gestellt. Sie hatte das Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen. Warum würde ihr kleiner Sonnenschein seinen liebsten aller Lippenstifte wegwerfen, über welchen er sich wenige Monate zuvor noch so sehr gefreut hatte, dass ihm die Tränen gekommen waren? Doch ihre Fragen konnte Jimin damals wie heute nicht beantworten. Mit einem eiskalten Blick hatte er sich von seiner Mutter abgewandt und war in sein Zimmer gerannt. Dort hatte sie ihn noch mehrere Stunden weinen hören bis er irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen war. Seit dem Tag an hatten seine Eltern das gute Verhältnis zu ihren einzigen Sohn verloren. Jimin entzog sich ihnen immer weiter, unterdrückte seine Interessen so sehr, dass er sich bald nicht einmal mehr selbst im Spiegel ansehen konnte, ohne über sein erbärmliches Spiegelbild zu weinen, und verschwand schon bald im tiefen Strudel der Traurigkeit.
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Beautiful BTS OS
FanfictionEin kleiner OneShot über Jimin, der Angst davor hat, er selbst zu sein. Bereits als kleines Kind liebt der Oberschüler Lippenstift und Nagellack. Aus Angst davor, für seine Leidenschaft gemobbt zu werden, unterdrückt er all das, was ihn glücklich ma...
