LAUF!

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"LOS! LAUF DU FETTER!"

Der kleine dicke Junge lief in das Schwarz, während der Sportlehrer mit dem schlecht sitzenden Trainingsanzug und dem Zigarettenatem, der die Mädchen immer an den falschen Stellen berührte, um ihnen bei den Übungen zu helfen, hinter ihm her schrie.

Er lief und lief und um ihn herum war nichts als Schwärze. Er keuchte und schwitzte, japste und schluckte, doch er lief tapfer weiter, wollte sich natürlich keine Blöße geben.

An den Rändern nahm er Menschen wahr, an denen er vorbeilief. Die meisten sahen ihm abschätzig nach. „Schau mal, der ist so fett, da bewegt sich ja der ganze Körper mit", sagte eine. „Der muss ja aufpassen, dass sein Herz nicht stehenbleibt, so dick ist der", sagte ein anderer. Der kleine dicke Junge schüttelte den Kopf, wie um die Sätze aus seinem Kopf zu vertreiben, während er weiter lief. Immer weiter keuchte und hechelte er, aber er lief weiter, immer weiter. Die Gesichter und Menschen um ihn herum wurden zu Schemen und er konnte nicht mehr zuordnen, wer was sagte. Doch die Nachricht in dem, was gesagt wurde, blieb immer gleich. Es sollte verletzen. Es sollte zeigen wie anders er war. Und es sollte ihm seinen Mut und seine Hoffnung nehmen.

Obwohl er sich zu Recht fragte, warum man nicht sehen wollte, wie er ins Ziel kam. Was war der Auslöser für die Abscheu und die Missgunst in den Worten der Anderen?

Er lief weiter, immer weiter. Immer lauter wurden die schmähenden Rufe und zu seinem Entsetzen mischten sich nun auch Stimmen in diese Rufe mit ein, die er nur zu Gut kannte. Seine Klasse, sein Sportverein, seine Kumpels, andere. Er blinzelte einige Tränen weg und lief weiter, was zu Gelächter und Geklatsche führte. Sie wollten ihn wirklich zusammenbrechen sehen. Sie wollten sehen, dass er es nicht schaffte.

Warum? Was hatten Sie davon? Was hatte ein Mensch davon zu sehen wie ein anderer versagte, vor allem, wenn er selbst es nicht war, der die Strapazen auf sich nahm?
Sie alle standen am Rand, sahen nur zu, waren nicht an seinem Lauf beteiligt, aber sie urteilten, stichelten, schmähten und bedrohten. Und all das nur, weil er nicht wie sie war. Nicht die Norm. Nicht so wie Sie.

Dennoch lief er weiter. Er würde hier nicht zusammen brechen. Er lief, es war ihm egal was sie riefen. Es war ihm egal, was der Sportlehrer rief, sie waren ihm egal. Nun, das stimmte nicht ganz. SIE war ihm nicht egal. Ein Blick zu Seite und er sah sie. Anders als die anderen, sah er ihre Gestalt ganz deutlich, sah ihr Gesicht und den eiskalten, erhabenen Blick, mit dem sie auf ihn herabsah. Und ihre Worte waren es, die ihn straucheln ließen. Er kam aus dem Tritt und wäre beinahe gefallen. Ihre Stimme und ihre Worte hatten ihn schon immer viel besser erreicht als alles andere auf diesem Planeten. Wie sehr hätte er sich andere Worte aus ihrem Mund gewünscht als: "Du widerst mich an. Geh sterben."

Doch er fing sich, er schniefte, er spukte aus, doch er fing sich. Und dann hörte er die anderen Stimmen. "Komm doch!", "Nur ein kleines Stück noch!"," Du bist fast da, gib jetzt nicht auf!". Er sah in die Schwärze hinein. Und tatsächlich. Seine Familie und seine Freunde liefen voraus, vor ihm, feuerten ihn an. Sie hatten ihn nicht im Stich gelassen. Er war nicht alleine. Er konnte es schaffen. Er wollte es schaffen. Er mobilisierte all seine Kräfte und lief weiter. Der Schweiß lief ihm wie Bäche von der Stirn, sein Atem rasselte, seine Beine nahm er nur noch als schwere Klötze wahr und sein Körper hatte ein Eigenleben entwickelt, gewillt das Ziel zu erreichen. Und da war es, das Tor, das Ziel, die Ziel Gerade. Er gab alles, seine Muskel drohten zu bersten, sein Kopf zu zerspringen. Doch, DOCH, er schaffte es. ZIEL. Er war im Ziel angelangt! Die weiße Linie markierte das Ende dieser Tortur!

Seine Beine gaben nach, er fiel auf die Knie, röchelte, spukte, atmete schwer. Er hatte das Ziel erreicht. Jetzt musste er sich ausruhen. Er konnte sich nicht bewegen. Nur atmen, nur atmen. Das war ihm jetzt wichtig.

Um ihn herum war es still geworden. Er sah sich um. Die Schwärze gab nicht vielmehr Preis als einige schemenhafte Menschen in Gruppen, abseits, weit weg von ihm. Seine Freunde und seine Familie waren sicher eine dieser Gruppen, doch er erkannte sie nicht. Und dann sah er auf, reckte seinen Kopf in den Nacken. Und vor ihm stand eine Person, eine Frau, so schön, so vertraut und doch so fremd. Und er erzitterte, als er sie sprechen hörte. Wie ihre Stimme diesen angewiderten Ton annahm, diese Überheblichkeit, die er nur zu gut kannte.

"Letzter. Nicht mal dritter oder so. Einfach... Letzter."

Damit drehte sich sie um und ging in die Schwärze hinein. Doch das war ihm nicht mehr so bewusst. Sein Blick war wieder auf die Erde gerichtet. Seine dicken, ungelenken Finger gruben sich in die Erde, sein leicht gequollenes Gesicht war rot geworden, doch nicht vor Anstrengung, sondern vor Scham, vor Wut und Verzweiflung. Und seine Sicht verschwamm, als die Tränen über sein Gesicht liefen und er hemmungslos zu weinen begann.

Er hatte es ins Ziel geschafft, doch seine Leistung wurde nicht anerkannt.
Er hatte alles gegeben, doch das wurde nicht gesehen.
Er hatte sich so viel Mühe gegeben. War das nicht genug?
Doch der letzte Platz hatte immer eine Eigenheit:

Er war der Letzte. Hinter ihm kam niemand mehr, kam nichts mehr.

Er war der Letzte.

Niemand wollte der Letzte sein.

Er war der Letzte.

Der erste, zweite und dritte Platz hatten sich, gratulierten sich und feierten
miteinander.

Er war der Letzte.

Und der Letzte war allein.

Lauf!Where stories live. Discover now