Die Uhr schlug halb neun. Elenya saß in ihrem Zimmer und blickte zum Fenster hinaus. Die Sonne war bereits unter dem Horizont verschwunden. Draußen auf der Wiese hielten sich noch einige Schüler auf. Elenya rutschte vorsichtig mit dem Stuhl näher an das Fenster heran und beobachtete ihre Mitschüler dabei, wie sie anfingen ein Netz zwischen zwei Pfosten aufzuspannen. Der Volleyball leuchtete im Dunkeln, und nachdem jeder seine Position eingenommen hatte, begannen sie zu spielen. Elenya wollte runter. Sie wollte mitspielen. Sie wollte dazugehören. Aber ich kann nicht, sprach die Angst in ihr. Niedergeschlagen sah sie der leuchtenden Kugel beim Fliegen zu. Elenya besuchte seit einer halben Ewigkeit dieses Internat, und die Leute waren ihr immer noch fremd. Die Gesichter waren ihr bekannt geworden, aber die Leute waren immer noch fremd. Frustriert richtete sie ihren Blick zurück in ihre Geschichtshausaufgaben.
Der Wecker zeigte zwölf Minuten vor neun. Elenyas Gedanken kreisten. Ich kann nicht runter. Es ist dunkel, sie werden sicher nicht mehr lange dortbleiben. Komm schon, sein nicht so ein Feigling! Sie saß mit geschlossenen Augen da und versuchte alle Gedanken auszublenden. Sie hasste es. Sie hasste die Angst und sie hasste, dass sie sich nicht traute. Komm schon, geh runter!
Der Wecker zeigte vier Minuten vor neun. Elenya fühlte sich wie versteinert, bis sie anfing ihren Fuß zu bewegen, dann aufstand und einen kleinen Schritt machte. Dann einen Zweiten, und einen Dritten, und noch Einen. Sie öffnete ihre Zimmertüre und blickte auf den leeren Gang hinaus. Ihre Gedanken waren wie ausgelöscht. Ihr Körper schrie "Gefahr". Elenya ging den Gang entlang. Rechts und links von ihr befanden sich die Schlafsäle ihrer Mitschüler. Am Ende des Ganges bog sie links ab und blickte auf die Treppen hinab. Ihr Körper schrie "Gefahr". Sie stieg die Stufen hinunter und als sie das Ende der Treppe erreicht hatte, stieg ihr der Geruch von Zimt in die Nase. Der Gemeinschaftsraum war mit plaudernden Schülern belebt, die Bibliotek war mit fleißigen Jungen und Mädchen befüllt und im Speisesaal holte sich gerade jemand einen warmen Kakao. Elenya ging an allen Räumen mit gesengtem Blick vorbei. Sie wollte nicht gesehen werden. Dann stand sie vor dem Eingangstor. Ihr Körper schrie "Gefahr". Sie wollte sich verstecken, aber jetzt gab es kein Zurück mehr!
Die Kirchturmuhr schlug Punkt neun. Mit schnellen Schritten hastete Elenya über die Wiese, bis sie vor dem Volleyballfeld ankam. Dort blieb sie stehen. Die Spieler hüpften dem Ball mit vollem Körpereinsatz entgegen. Von oben hatte man gar nicht gehört wie viel Spaß das machte. Und bevor sie sich fragen konnte, ob sie wieder hinaufgehen sollte, sah sie jemand an. Das Mädchen mit dem leuchtenden Ball in der Hand schaute zu ihr hinüber.
„Ehm, willst du auch mitspielen?", fragte das Mädchen unsicher.
„Also... falls noch Platz ist, ansonsten würde ich...", antwortete Elenya mit einem halben Satz und deutete als Ergänzung in Richtung Schulgebäude.
Alle sahen sie an. Schließlich sagte ein Junge, sie könne statt ihm spielen, weil er sowieso noch irgendwo anders hinmüsse. Mit raschen Schritten überquerte sie das Spielfeld und nahm eine Position hinten ein. Das Mädchen mit dem leuchtenden Ball in der Hand lächelte ihr aufmunternd zu.
Elenya machte sich bereit, und das Spiel beginnt!
