Halid lag im Gras und hatte sich ein weißes Tuch über das Gesicht gelegt.
Die Sonne stand hoch, auch wenn er das nur daran erkannte, wie sie selbst durch den Stoff noch brannte. Er schob ihn zur Seite und blinzelte. Für einen Moment war alles weiß.
Er setzte sich auf, langsam, als hätte er Zeit.
Unter dem Baum war es kühler. Der Schatten bewegte sich kaum.
Wie lange er geschlafen hatte, wusste er nicht. Er schätzte es nach der Sonne, so wie er alles schätzte.
Vor ihm breitete sich die Weide aus.
Die Kühe waren dort, wo er sie hingelenkt hatte. Manche standen, manche lagen. Ihre Bäuche waren rund vom Gras. Es sah aus, als hätten sie alles, was sie brauchten.
Halid rupfte ein paar Grashalme aus und hielt sie zwischen den Fingern.
Er drehte sie hin und her, bis der Saft austrat. Grün, feucht. Er drückte fester und spürte, wie seine Fingerkuppen davon nass wurden. Der Geruch stieg ihm in die Nase.
Er mochte diesen Geruch.
Er roch nach Sommer, nach Abenden, die nicht endeten. Nach Tagen, an denen niemand nach ihm rief.
Zeit hatte hier keine Bedeutung.
Sie stand nicht still, aber sie drängte auch nicht.
Nur die Kühe bewegten sich langsam weiter, als würden sie den Tag tragen.
Seine Schwester hatte einmal gesagt, dass Gräser Hilferufe aussenden, wenn man sie verletzt. Blattduftstoffe, hatte sie es genannt. Halid hatte das Wort vergessen, aber nicht ihre Stimme. Sie wusste immer Dinge.
Sie saß oft ein Stück entfernt von ihm, mit ihrem Heft auf den Knien.
Von morgens bis abends.
Sie schrieb, zeichnete, redete manchmal leise vor sich hin.
Skizzen von Feldern, von Pflanzen, von Dingen, die sonst niemand aufhob.
Ein eigenartiges Mädchen, sagten die Leute.
Er sah zu ihr hinüber. Sie hob den Kopf nicht.
Dann wieder zu den Kühen.
Manchmal stellte er sich vor, selbst eine zu sein.
Jeden Tag dasselbe Gras.
Keine Aufgaben.
Keine Verantwortung.
Keine Fragen.
Er steckte die Grashalme in den Mund und kaute.
Der Geschmack kam langsam. Bitter. Fremd.
Er spuckte aus und verzog das Gesicht.
Jetzt war er wach.
Halid stand auf, griff nach dem Stock und machte sich auf den Weg zur Herde.
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Dört
General FictionIn einem anatolischen Dorf im Jahr 1967 hütet ein Junge die Kühe seiner Familie. Die Zeit vergeht langsam, fast unmerklich. Unter der Weide scheint die Welt stillzustehen, während im Haus darunter Armut, Gewalt und Schweigen ihren festen Platz haben...
