Kapitel 1

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Ich schmeckte Blut; so tief gruben sich meine Zähne in meine Unterlippe. Doch der süße Schmerz konnte keinesfalls dem an meiner linken Seite nahekommen. Es war lediglich der Versuch, mich von diesem abzulenken, oder wenigstens mich vor der anbahnenden Ohnmacht zu bewahren, die wie dicker schwarzer Nebel mich meiner Sinne beraubte. 

Dennoch dachte ich nicht daran, meine Schritte auch nur ein bisschen zu verlangsamen. Lediglich meine Hand verriet mich, indem sie sich auf die pulsierende Wunde presste.

„Na endlich. Ich dachte, ihr kommt gar nicht mehr“, empfing uns eine allzu bekannte Stimme. Owen war zwar noch nie für sanfte Worte bekannt, doch heute bebte er vor Wut.

„Evie muss sofort zum Arzt. Ihr Zustand ist sehr kritisch.“ Averys warme Hand schloss sich um mein Handgelenk und zog mich bestimmt in Richtung des rechten Flügels. 

„Evie bleibt hier!“, entschied Owen. „Und ihr geht mir aus den Augen.“ 
Der Druck um mein Handgelenk blieb noch einen kurzen Augenblick, dann war ich allein. Bunte Punkte tanzten in dem schwach beleuchteten Foyer und meine Lider wollten zufallen, aber ich wusste, dass das hier kein Moment der Rast war. 

„Evie, willst du mir sagen, was da draußen passiert ist?“, fragte Owen und ich wusste, dass seine Frage kein „Nein“ gelten ließ. Stattdessen baute er sich in seiner ganzen Größe vor mir auf und ich versuchte es ihm gleich zu machen, obwohl ich viel lieber mich in mein Bett verkriechen wollte. Nur einen Moment die Augen schließen. Nur ein paar Minuten Schlaf.

„Er hat mich erwischt“, gestand ich und bemerkte, dass meine Knie, wie Schilf im Wind wogen, bereit beim nächsten kalten Hauch umzuknicken. 

„Er hat dich erwischt“, lachte Owen bitter und kam gefährlich nah. Sein Gesicht blieb jedoch unscharf. Seine Züge schienen sich zu teilen und im nächsten Moment standen zwei Männer vor mir. Abwechselnd sah ich beide an. Wer war der Echte? „Du wurdest nicht erwischt. Du hast dich erwischen lassen!“

„Darf ich schlafen?“, fragte der benebelte Teil in mir, der für einen Moment vergessen hatte, wem ich gegenüberstand. Ich hatte zu viel Blut verloren. Ich war nicht ich selbst.

„Los!“, forderte Owen mich auf. Lässig streifte er seine Jacke von den Schultern und warf sie mehrere Meter weit weg. „Greif mich an. Zeig mir, dass du in all diesen Jahren etwas von deinem Vater und mir gelernt hast und sag mir, wieso du das heute getan hast!“

Ich konnte nicht mehr. Dennoch nahm ich all meine Kraft zusammen und griff den linken Owen an. „Er war stärker als ich“, wollte ich schreien, aber aus meiner Kehle kam nur ein Murmeln. 

Meine Faust schlug ins Leere und in der nächsten Sekunde griffen Owens Pranken so um meinen Arm, dass mich der Schmerz für einen Moment ins Hier und Jetzt zurückholte. Ich versuchte mich aus seinem Hebel zu winden, doch ich war ergeben. Das zweite Mal an diesem Tag.

„Nein Evie, er war nicht stärker. Du warst zu schwach. Und in unserer Welt bringt dich Schwäche um!“

In my VeinsStories to obsess over. Discover now