Teil II

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Die Morgensonne drang durch das gesplitterte Fenster und die Fetzen des Vorhangs. Heiße Strahlen weckten mich, und schweißbenetzt setzte ich mich auf, blinzelte, den Blick abgeschirmt vor dem grellen Licht, atmete ein – und krümmte mich, Staub in der Lunge, im Hustenanfall, der andauerte, bis mir Brust und Kehle brannten. Als es schließlich vorüber war und ich wieder Luft bekam, richtete ich mich langsam auf und sah mich im Raum um, der mir auf den ersten Blick noch immer ein fremder war. Abermals dauerte es einige Sekunden, ehe ich begriff, wo ich mich befand. Das Kirschholz der Zimmereinrichtung war aufgehellt vom Staub, der jede Nacht zurückkehrte. Da standen sie wieder als steingraues Mobiliar: der Geisterschrank, die Geisterkommode – und das Geisterbett, in dem ich saß. Erneut gewahrte ich den eigentümlichen Geruch des Zimmers, der mich zunächst hatte zögern lassen, hier zu schlafen. An diesem Morgen erkannte ich: Es roch nach Vergangenheit, viel davon. Es roch nach den Erinnerungen eines ausklingenden Lebens.

Ich stand auf und ging ans Fenster. Noch immer hörte man das Donnergrollen und den Maschinenpuls. Die Stadt hatte sich in eine große Fabrik verwandelt, und an irgendetwas wurde rund um die Uhr gearbeitet. Über den Ruinen der Wohnblöcke und Einkaufszentren, der Wolkenkratzer und der Universität schwirrten in Scharen die dunklen Drohnen wie Roboterraben, mechanische Todesboten. Was immer dort in der Ferne vor sich ging, Menschen hatten in der Stadt nichts mehr zu suchen.

Ich begab mich, den langen Spiegel im Flur meidend – oder was von ihm übrig war –, die knarrende Treppe hinab und in die Küche. Wer hier gelebt hatte, war nicht herauszufinden. Der Einrichtung nach musste es eine einzelne Person gewesen sein, die das Haus verlassen und all ihre Dokumente mitgenommen hatte, ehe es geschehen war. Das Finale. Der »Endknall«. Welch Ironie, dass gerade dieses Haus, anders als die übrigen in der Umgebung, halbwegs verschont geblieben war! Wenngleich das Dach einigen Schaden genommen hatte und die Fassade bröckelte, ließ sich darin wohnen.

Außer Zweifel stand, dass es sich um eine religiöse Person gehandelt hatte. Das Haus war voller Engelsfiguren. Überall standen sie oder lagen sie verstreut: In den Regalen, auf den Tischen und Fensterbänken, auf dem Nachtschränkchen. Wohin man auch blickte, sah man die kleinen und großen in Gewänder gekleideten Fabelwesen, humanoid, doch mit winzigen Flügelchen oder mächtigen Schwingen; einige Engel befanden sich im Flug, aufgehängt an Nylonfäden, einige hatten, ein gütiges Lächeln im Gesicht, die Arme ausgebreitet wie zur Umarmung – die reine Liebe einer Himmelskreatur darbietend, göttliches Licht, von einem auserwählten Individuum zu empfangen, einer Gruppe von Gläubigen, der Welt.

Ich hatte die Engelsfiguren gelassen, wo sie waren, sie nicht einmal angerührt – vielleicht aus Respekt vor dem Vorbesitzer des Hauses, vielleicht weil sie für mich sowohl Erinnerung an alte Strukturen, an Gemeinschaft und Institutionen, als auch Symbol der Hoffnung waren.

In eine zersprungene Schüssel schüttete ich die letzte Ration Frühstücksflocken, die ich im Keller gefunden hatte. Man macht sich keine Vorstellung, wie einen der Geschmack begeistern kann – ohne Milch, wohlgemerkt –, nachdem man wochenlang nichts als billige Konserven zur Auswahl hatte. Das Frühstück war nicht nur die wichtigste Mahlzeit, sondern dieser Tage auch mein größter Glücksmoment.

Bereits am Morgen herrschte eine Hitze, die es einem schier unmöglich machte, das Haus zu verlassen, und die mich zwang, viel zu trinken. Es grenzte an ein Wunder, dass noch Wasser aus dem Hahn kam, wo das meiste andere, was man in der Zivilisation für selbstverständlich gehalten hatte, zerstört oder verlorengegangen war. Jedoch war die gelbbräunliche Suppe, mit der sich mein verschmutztes Glas füllte, kaum als trinkbar einzustufen. Anfangs hatte es einen Wasserfilter gegeben, integriert in die Wasserleitung, doch funktionierte er seit einigen Tagen offensichtlich nicht mehr. Trinken aber musste ich – und ertragen, was darauf folgte. Also stürzte ich den Inhalt des Glases herunter.

Vornübergebeugt saß ich da und versuchte, mich völlig auf meinen Atem zu konzentrieren. Mich möglichst zu entspannen. Wieder und wieder verkrampfte sich mein Magen, in unregelmäßigen Abständen, es zog und stach und zerrte, und der Schmerz strahlte in die Brust, in den Rücken, in die Beine. Wie schnell oder langsam man auch trank, die Krämpfe waren unvermeidlich. Schon ein kleiner Schluck genügte, um mich für Minuten außer Gefecht zu setzen, und da es auch dann kaum weniger Qualen bereitete, leerte ich das Glas stets in einem Zug, um zumindest die Dauer der Unpässlichkeit auf ein Minimum zu reduzieren. Ich wusste, wie diesen Schmerzen beizukommen gewesen wäre, und ich hatte die Medikamente gehabt, doch waren meine von vornherein begrenzten Vorräte aufgebraucht. So blieb mir, wenn ich nicht verdursten wollte, nichts anderes, als die marternden Momente regelmäßig auszuhalten.

Als nun das Schlimmste hinter mir lag und ich die Augen wieder öffnete, verschwamm die Welt um mich herum. Ich begann, Schemen wahrzunehmen, wie es ab und zu geschehen konnte, nachdem ich getrunken hatte. Die Chemikalien im trüben Wasser schienen zu variieren, oder es war meine körperliche Grundverfassung, die mal besser, mal schlechter auf die Substanzen reagierte, an diesem Tag jedenfalls wirkten die Halluzinationen völlig real. Mein Vater saß am Tisch und sprach zu mir. Geduld und Wärme lagen in seiner Stimme, doch war ihr eine Ahnung von Melancholie beigemischt, die er in meiner Erinnerung kaum je zugelassen hatte.

»Manchmal bereue ich es, kaum Interesse für deine Experimente gezeigt zu haben«, sagte er. »In der Garage, als du klein warst.« Er sagte: »Um ehrlich zu sein, habe ich dem nicht viel abgewinnen können. Du weißt ja, dass ich kein Intellektueller und kein Wissenschaftler bin; ich arbeite mit den Händen. Trotzdem. Ich hätte dir ja einfach nur zuhören können, wenn du so begeistert davon erzählt hast. Von den Erfolgen – und den Misserfolgen.« Er seufzte, dann zwang er sich zum Lächeln. »Na, was soll's, oder? Ist ja auch so was aus dir geworden. Wer weiß, vielleicht war's sogar genau richtig.« Schulterzuckend, doch leiser sagte er: »Vielleicht hat's dich angespornt.«

Auch im Wissen, dass ich sie mir nur einbildete, brachten mich die Worte meines Vaters den Tränen nahe – nein, es war gerade die Tatsache, dass ein solches Gespräch nie wirklich stattgefunden hatte.

»Was hat er denn?«, fragte meine Mutter, die zur Tür hereinkam.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, antwortete mein Vater. »Jetzt ist alles gut.«

Daraufhin lösten sich beide in weißen Rauch auf. Mein Magen hatte sich ein wenig beruhigt.

Den Rest des Tages hielt ich mich im Haus auf. Erst am späten Nachmittag, als die sengende Hitze vorüber war, bereitete ich mich vor, abermals zur Schrotthalde aufzubrechen, um das Ersatzteil für den Filter zu finden und – das noch mehr – das Mädchen wiederzusehen.

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