Der Moment zwischen dem klingeln, der Schulglocke und dem nachhause gehen war für sie immer der schönste, doch gleichzeitig auch der beängstigende. Da war es erst mal vorbei. Das ganze Leid war vorbei. Sie war frei, vorerst. Doch manchmal begann es auch erst. Manchmal fing es erst an, richtig weh zu tun..
Und so beeilte sich das brünette Mädchen, aus dem Schulgebäude zu verschwinden und den Nachhauseweg anzutreten. Es hörte auf den Namen Linea und hatte strahlend grüne Augen. Und sie wollte nicht. Sie wolle nicht schon wieder. Sie wollte ihm nicht wieder begegnen. Eine weitere Demütigung wäre nicht ertragbar für sie. Linea konnte dieser nicht standhalten. Feste krallte sich das Mädchen an die Träger ihres Rucksacks. Suchte den Halt, den ihr keiner gab. Aber sie fand ihn nicht. Klapprig, fast mechanisch ging sie den Weg entlang, der zu ihr nach Hause führen würde.
Sie war nun schon einige hundert Meter von dem Schulgebäude entfernt und wollte schon erleichtert aufatmen. Kurz schloss sie die Augen und merkte auch schon, wie sie gegen jemanden lief. Ihre Schritte waren schnell gewesen, wollte sie doch einfach nur weg. Loskommen. In ihr Heim, wo sie sich einigermaßen sicher fühlen konnte. Wo ihr keiner etwas anhaben konnte. Nicht so sehr wie hier.
Durch den Schwung prallte sie an dem Körper ab und landete fast auf dem Boden. Sie spürte, wie jemand ihre Arme packte und sie vor dem Kontakt mit dem Boden gerettet wurde. Doch Lineas Wahl zwischen dem Boden und den Händen, die sie da gerade berührten, wäre ganz anders ausgefallen. Lieber würde sie auf den harten Asphalt knallen als sicher in diesen Armen gehalten zu werden, denn diese Arme waren alles andere als sicher. Sie waren der Eingang zur Hölle und Linea musste diese immer und immer wieder betreten. Immer und immer wieder spürte sie den Kontakt wie ein Brennen auf ihrer Haut. Das Brennen wurde zu einem Schmerz, der sich in ihrem ganzen Körper verbreitete wie Gift. Linea wusste, wer da vor ihr stand.
„Wen haben wir denn da?“ Das Mädchen hörte ein kaltes lachen und spürte das Vibrieren seiner Brust. Sie brachte kein Wort über die Lippen und ihr Mund konnte sich nicht entscheiden, ob er lieber geöffnet oder geschlossen bleiben wollte. Sie wollte laufen, weit weg. Vor ihr erblickte sie ein paar Jungs, die sie herablassend ansahen. Laut schluckte sie und erstarrte vor Angst. Konnte nichts tun um zu entkommen. Sie tat nicht mal etwas, als der junge Mann hinter ihr, sie in eine Seitengasse schubste. Gerade so konnte sie sich vor dem Fall retten, sank nur etwas in die Knie. Innerlich schloss sie damit ab. Damit, dass sie heute nicht entkommen war. Wieso auch? Wieso hatte sie geglaubt, sie könnte es? „Dummes, kleines Mädchen.“ Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Angst, große Angst. Mehr war nicht in ihr. Mehr war Linea nicht. Seufzend sah sie über die Schulter, sah diese schwarzen Augen. Sie waren so kalt, wahnsinnig und von Sadismus angehaucht. Sie verstand nicht warum. Warum war er so?
Doch hatte das Mädchen nicht die Zeit weiter darüber zu sinnieren, denn sie spürte wie er ihr in die Haare packte. Sie waren von einem zarten braun, genauso zart wie sie selbst. Die Hand packte fester zu, ließ sie wimmern. Linea konnte sich sein Grinsen bildlich vorstellen. Wie er sie ansah, sie musterte. Sie hatte die Augen geschlossen, wollte sein Gesicht nicht sehen. Das Gesicht des Teufels. Der Griff wurde fester, der Schmerz in dem Mädchen größer. Dehnte sich, aus wie das Universum es tat. Sie schluckte und beschloss ihn anzusehen. Später würde sie sich wünschen, es ist nicht getan zu haben, dass wusste sie.
„Noah ...warum?“
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Lauf um dein Leben
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Silent Control
General Fiction[Allmächtig und Silent Control sind zwei VERSCHIEDENE Geschichten] Linea Parker ist ein Mädchen mit einem Leben, dass nicht ihr gehört - Ein Stipendium. Eine Elite Schule. Eine Chance. Sie dachte, dass alles würde dafür sorgen, dass sie und ihr...
