Kapitel 1

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»Mann, die Raumschiffe sehen ja echt cool aus!«

Malek hatte gerade die neuste Ausgabe von Aliens aus dem All in der Hand, in der endlich die Invasion begann. Darauf hatten wir lange gewartet.

Malek ist mein bester Freund. Wie ich ist er 11 Jahre alt und geht seit der Grundschule in dieselbe Klasse. Er trägt seine fast schwarzen Haare ziemlich kurz und hat eigentlich immer ein Shirt mit einer Comicfigur an. Das ist sowas wie sein Markenzeichen. An diesem Tag war es der Zerstörer aus den Power-Man Heften. Sein Lieblingsbösewicht.

Ich weiß, ich weiß. Comics sind was für kleine Kinder und Malek ist zu alt, um solche Shirts zu tragen. Das sagt zumindest sein großer Bruder Junus. Ich sehe das anders. Für mich sind Comics große Abenteuer und die spannendsten Geschichten. Man kann daraus mehr lernen als aus jedem Schulbuch. Und viel cooler sind sie sowieso. Wenn meine Eltern das nicht für Geldverschwendung halten würden oder mein Taschengeld nicht immer für Comicbücher drauf gehen würde, hätte ich bestimmt genauso viele T-Shirts wie Malek. Mindestens. Am liebsten hätte ich eins von Aliens aus dem All. Meinem absoluten Lieblingscomic.

»Hey Ben.« Maleks Stimme riss mich aus meinem Tagtraum über Comicshirts. »Glaubst du, Außerirdische gibt es wirklich«?

»Ich weiß nicht«, antwortete ich nach kurzem Überlegen. »Aber wenn sie so sind wie in den Comics, will ich es lieber nicht herausfinden.«

In Aliens aus dem All kommen Außerirdische meistens alleine auf die Erde. Sie tarnen sich als ganz normale Menschen und spionieren diese aus. Wenn alles ausgekundschaftet und vorbereitet ist, senden sie geheime Signale an ihren Heimatplaneten. Dann beginnt die Invasion. Man kann die Aliens nur an ihren pechschwarzen Augen erkennen. Diese haben keine Farben, nicht mal das Weiße um die Iris. Sie sind einfach nur schwarz. Jeder könnte ein Alien sein. Ein Lehrer, ein Polizist, ein Nachbar oder sogar die eigenen Eltern. Ziemlich unheimlich. Und ziemlich cool.

Malek hatte das Heft auf den völlig überquellenden Beistelltisch gelegt und stand vor einem der Poster an der größten Wand unseres geheimen Unterschlupfes. Jeder richtige Comicbuchfan braucht einen geheimen Unterschlupf, ein Hauptquartier, eine Festung der Einsamkeit, einen Rückzugsort zum Lesen, Diskutieren und zum Pläneschmieden. Unser Rückzugsort ist ein Baumhaus in unserem Garten, das Malek und ich vor zwei Jahren zusammen mit meinem Vater in einer alten Eiche gebaut haben. Wir haben fast die ganzen Sommerferien dafür gebraucht, aber die Mühe hat sich wirklich gelohnt.

Man erreicht das Baumhaus über eine Hängeleiter, die man von oben einziehen kann. Den Eingang kann man dann von innen verhängen, damit man ungestört ist. Wir benutzen Maleks alte Power-Man Bettwäsche. Sie ist dunkelblau und mit einem großen roten Powerzeichen in der Mitte. Ziemlich beeindruckend, oder? Innen gibt es zwei Sitzkissen und einen kleinen Tisch. Und überall liegen Comics und leere Tüten mit Snacks rum. Im Aufräumen sind wir leider nicht die Besten und ich bin echt froh, dass meine Mutter nie hier rauf kommt. Für die richtige Atmosphäre sorgen die Poster an den Wänden.

Vor einem davon stand Malek jetzt, es war aus Aliens aus dem All und zeigte einen Agenten, der einem Außerirdischen gegenüberstand. Der Agent hatte seine Pistole gezückt, der Außerirdische seinen Blaster. Es sah aus wie ein Duell in einem Westernfilm. »Falls es wirklich Außerirdische gibt, will ich ein Agent werden und die Erde beschützen«, sagte Malek träumerisch. Malek ist von uns beiden auf jeden Fall der Draufgängerische. Ich bin ehrlich gesagt eher ein Angsthase. Natürlich gebe ich das niemals zu. Nicht mal meinem besten Freund gegenüber.

»Ja, das wäre ziemlich toll«, sagte ich wenig überzeugt. In den Comics jagen die Agenten die Außerirdischen und versuchen so eine Invasion zu verhindern. Allerdings sind sie damit nicht sonderlich erfolgreich, denn die Außerirdischen haben eine viel fortschrittlichere Technologie. Blaster, Strahlenkanonen und Betäubungsfallen sind da noch die harmlosesten Sachen. Darauf konnte ich ganz gut verzichten. Oder würdest du gerne betäubt, eingefroren oder zu einer leblosen Dampfwolke vaporisiert werden? Ich jedenfalls nicht.

Von draußen drang ein Geräusch zu uns. Etwas Schweres rollte über den Asphalt. Ich schob den weißen Vorhang des einzigen Fensters unseres Baumhauses zur Seite und schielte raus. Malek kniete sich neben mich. »Mach ein bisschen Platz«, beschwerte er sich. »Ich will auch sehen, was da los ist.«

Es war unser neuer Nachbar Herr Müller. Er war gerade erst eingezogen. Vom Fenster aus konnten wir genau in seinen Vorgarten sehen, der an unser Grundstück grenzte und gerade war er dabei, eine große Mülltonne an die Straße zu schieben. Es war keine normale schwarze Tonne, sondern einer dieser übergroßen Container, die man extra bestellen muss. Mein Vater machte das manchmal, wenn er den Keller entrümpelte. Unsere alte Nachbarin Frau Schröder war diesen Sommer plötzlich ausgezogen. Meine Mutter meinte, sie sei wohl in Rente gegangen und zu ihrem Sohn in die Stadt gezogen. Ich fand das ziemlich schade. Sie war zwar etwas schrullig, aber sie zahlte 5 Euro fürs Rasenmähen. Mehr als genug für ein neues Comicheft. Und manchmal gab es dazu sogar noch frisch gebackene Kekse, die ich dann mit Malek im Baumhaus naschte.

Herr Müller sah nicht aus, also würde er gerne Kekse backen. Er war etwas älter als mein Vater und hatte lichtes schwarzgraues Haar, trug eine dunkle Stoffhose und ein kariertes Hemd. Sein finsterer Gesichtsausdruck wirkte nicht gerade freundlich. Die Sonnenbrille half dabei auch nicht wirklich.

»Wieso trägt der Typ bei dem Wetter eine Sonnenbrille?«, flüsterte Malek und sprach damit meine Gedanken aus. Es war ziemlich bewölkt und würde bestimmt gleich regnen. Zu viel Sonne konnte also sicher nicht der Grund sein.

»Vielleicht hat er etwas zu verbergen«, antwortete ich.

»Du meinst etwas wie schwarze Alienaugen?«, scherzte Malek.

Ich musste kichern und sah zu, wie Herr Müller durch die Garage in seinem Haus verschwand. Von einer niedrigen Mauer, die sein Grundstück begrenzte, sprang eine schwarze Katze. Sie folgte ihm durch das Tor, kurz bevor es ganz geschlossen war.

Das war das letzte Mal, dass ich den Gedanken an Herrn Müllers Alienaugen lustig fand. Denn die folgenden Ereignisse waren alles andere als ein Scherz.

Mein Nachbar ist ein AußerirdischerStories to obsess over. Discover now