Verloren. Dieses Wort beschrieb am ehesten wie ich mich fühlte, als ich die Tür der Arztpraxis hinter mir zuzog und mir die schwüle Sommerhitze ins Gesicht schlug. Ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Ich atmete so tief ein wie ich konnte und meine Augen visierten die nächste Bank in einem Park an, der glücklicherweise menschenleer war. Ich zwang meine bleischweren Beine sich in Bewegung zu setzen und ließ mich auf die Parkbank fallen. Ich musste versuchen ruhig zu bleiben. Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, geradeaus zu starren, keinen einzigen Gedanken zuzulassen und meine Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Sobald der Arzt diese zwei Worte ausgesprochen hatte, wusste ich, dass mein ganzes Leben unweigerlich aus seiner Bahn geworfen worden war. Alles war so perfekt gewesen – zu perfekt. Diese wunderbare Zeit mit meinem Mann und meinem kleinen Engel. Er durfte einfach nicht...Nein, ich durfte gar nicht daran denken. Alles war verloren. Ich fühlte mich immer noch, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen und ich war im freien Fall. Nur es war kein Ende in Sicht. Es gab kein Ende. Keine Hoffnung.
Chorea Huntington. Unheilbare Erkrankung des Gehirns, hallte die Stimme des Arztes in meinen Ohren fort. Doch er musste mir nichts darüber erzählen. Ich wusste genau, was diese beiden Worte bedeuteten. Ich war verloren. Ich hatte mit meiner besten Freundin mitgelitten, gesehen wie es ihrer Mutter von Tag zu Tag schlechter ging, die Bewegungsstörungen, die Schluckstörungen, die Sprachprobleme, die Wahnvorstellungen, die Demenz. Es gab keine Hoffnung. Keinen Ausweg. Doch als ihre Mutter endlich – nach 17 endlosen Jahren – von diesem Leiden erlöst war, kam die neue Angst. Mit einer fünfzigprozentigen Wahrscheinlichkeit war auch meine Freundin erkrankt. Eine der schwersten Entscheidungen stand ihr bevor. Wollte sie ein Leben in Ungewissheit, wobei möglicherweise nie etwas passierte oder eines Tages einfach die Krankheit ausbrach oder wollte sie die Gewissheit, auch wenn das bedeuten könnte, dass sie wusste, dass ihre Zeit begrenzt war und sie eines Tages so leiden musste, wie sie es bei ihrer Mutter miterleben musste. Sie hatte mit der Ungewissheit nicht leben können und glücklicherweise war der Gentest negativ gewesen.
Ich wollte gar nicht wissen, was das für meinen kleinen Engel bedeutete. Ihm stand dasselbe bevor. Wenn ich erkrankt war, war er es zu fünfzig Prozent auch. Tränen liefen mir übers Gesicht, während ich spürte, wie sich die Wut in meinem Inneren ausbreitete. Wie konnten mir meine Eltern das so lange verschweigen. Wir hatten keinen Kontakt mehr, waren zerstritten und hatten uns seit Jahren nicht mehr gesehen, aber wenn nicht mir zuliebe, dann doch wenigstens ihrem Enkelkind zuliebe. Letzte Woche war ein Brief von meiner Mutter in meinem Briefkasten gelandet. Mein Vater war tot. Chorea Huntington. Ich wusste selbst nicht so ganz, wie ich darüber empfand, aber was ich wusste war, dass er je nach Krankheitsverlauf schon viele Jahre erkrankt gewesen sein musste und sie es nicht für nötig gehalten hatten, mir davon zu berichten. Mit diesem Wissen wäre ich niemals das Risiko eingegangen, ein Kind zu bekommen, bevor ich mich getestet hatte. Sie hatten möglicherweise das Leben meines Sohnes zerstört!
Ich wusste ziemlich früh, dass ich so nicht weiterleben konnte. Auch nicht meiner Familie zuliebe. Es ging einfach nicht. Ich war verloren, aber ich musste sie beschützen. Konnte nicht zulassen, dass sie mich so mitansehen mussten. Es würde sie zerstören, so wie es meine Freundin zerstört hatte. Das durfte ich nicht zulassen. Zuhause angekommen berichtete ich meinem Mann von einer Routineuntersuchung mit guten Ergebnissen. Ich hatte ihm nicht erzählt, woran mein Vater gestorben war.
***
Wie schon zu erwarten bekam ich in dieser Nacht kein Auge zu, sondern wälzte mich nur unruhig von einer Seite zur anderen. Irgendwann hielt ich es einfach nicht mehr aus – vor allem nicht neben ihm zu legen und ihm alles verschweigen zu müssen – und verließ unser Schlafzimmer. Ein Blick nach links zum Zimmer meines kleinen Engels reichte aus, um erneut von so einer starken Angst um meinen Sohn übermannt zu werden, dass ich mich am Geländer festklammern musste, um mich auf meinen Beinen halten zu können. Ich atmete tief durch und setzte dann meinen Weg in die Küche fort, wo ich mir eine Tasse meines Lieblingstees kochte. Sobald er fertig war, fügte ich noch eine Prise Zucker hinzu und machte mich dann auf den Weg zur Terrasse. Hier draußen im Dunklem und an der frischen Luft fühlte ich mich schon gleich viel ruhiger. Ich trank meinen Tee und visierte dabei die Sterne am Himmelszelt an, als hätten sie eine Antwort für mich. Doch ich fand die Antwort nicht, wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühlte mich noch immer so schrecklich verloren. Aber ich konnte einfach mit niemandem darüber reden. Ich hatte Freunde, aber bei keinem von ihnen hatte ich das Gefühl, dass ich mich ihnen mit so etwas anvertrauen konnte. Außer meiner allerbesten Freundin, aber das ging einfach nicht, nach all dem was sie mit ihrer Mutter durchgemacht hatte.
Und dann gab es natürlich meinen Mann, meine große Liebe, aber ich liebte ihn zu sehr. Ich sah keinen Ausweg, ich konnte ihm das nicht antun. Ich würde mich auf ewig schuldig fühlen, wenn er mit ansehen müsste, wie es mir jeden Tag schlechter ginge, wie ich immer weniger ich selbst war. Er durfte das genauso wenig mitansehen wie mein Sohn. Es würde sie zerstören.
Als meine Teetasse leer war, fasste ich einen Entschluss. Ich holte mir drinnen ein Blatt Papier und einen Stift und fing an zu schreiben. Die Worte flossen nur so aus mir heraus, als hätten sie auf diese Gelegenheit gewartet. Seine Gedanken auf Papier zu bringen, war so viel einfacher als mit jemandem zu sprechen. Ich schrieb alles auf, alles. Erzählte ihm was ich dachte und fühlte – auch dass ich wusste, dass ich so nicht weiterleben könnte.
Mir fiel ein, dass ich morgen zur Beerdigung meines Vaters fuhr. Auch wenn ich ihn jahrelang nicht mehr gesehen hatte, war es mir wichtig gewesen, von ihm Abschied zu nehmen. Gewesen – ich wusste nicht, ob ich jetzt nach all dem immer noch hinwollte. Aber ich würde alleine gehen, wollte die beiden da nicht mitreinziehen, und zwar schon sehr früh, wenn sie noch schliefen, da es eine lange Fahrt war. Könnte ich es tun? So ganz ohne Abschied? Wäre es dann leichter? Ich wusste es nicht. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte.
Ich saß noch auf der Terrasse, als die Sonne schon wieder aufging. Langsam stand ich auf und lief zurück in unser Schlafzimmer. Ich legte den Brief in mein Nachttischschränkchen. Ich hatte noch immer keinen Entschluss gefasst, aber hier würde er heute sicher nicht reinschauen. Eigentlich wollte ich ihn gar nicht anschauen, aber das war einfach unmöglich. Ich betrachte wie er mit einem Lächeln im Gesicht schlief, als hätte er einen schönen Traum. Ich war von seinem Anblick so gefesselt, dass ich erst viel später wahrnahm, wie mir die Tränen übers Gesicht rannen. Ich riss mich zusammen, drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe und zwang mich das Zimmer zu verlassen. Es kostete mich unheimlich viel Überwindung ihn nicht zu wecken und mich in seine Arme zu werfen. Er würde mich trösten und alles wäre wieder gut. Aber so war es nicht und würde es nie sein.
Am Bett meines Sohnes saß ich bestimmt eine halbe Stunde und betrachtete ihn so genau wie ich es noch nie getan hatte. Mein Herz zog sich zusammen. Es tat so weh meinen kleinen Engel alleine zu lassen. Aber es ging nicht anders. Ich war verloren. Sie konnte ich noch retten – allerdings nur, wenn ich ging.
***
Hallo und herzlich Willkommen zu unserer neuen Geschichte! Diese wird bzw. ist dieses Mal auch schon abgeschlossen! Gebt uns doch gerne zwischendrin mal Feedback, wie euch die Geschichte gefällt. Wir hoffen sie gefällt euch und viel Spaß!
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Ein Hauch von Zimt und Zucker
Historia Corta1 Firma. 3 Freunde. 3 Geschichten. Das Leben ist nicht nur süß wie Zucker, es brennt auch wie Zimt.
