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<Maddie>

Das orangene Licht der Abenddämmerung fiel auf mein Gesicht. Ich hatte meine Augen entspannt geschlossen und hörte die laute Brandung des Meerwassers. Hawaii war einer der schönsten Orte auf der Welt, natürlich nur meiner Meinung nach. Ich liebte sowohl die Strände, als auch die Häuser hier. Es war die Perfektion in Form einer Insel. Seufzend öffnete ich meine Augen wieder und genoss den Anblick des atemberaubenden Sonnenuntergangs. Nachdem die Sonne vom Meer verschluckt worden war, verließ ich den Strand und machte mich auf den weg zu dem gemieteten Ferienhaus.

Auf dem Weg dorthin kam ich an einigen Menschen vorbei. Ich musste tief schlucken, als ich einen jungen Mann erblickte, der fast ganz seine Farbe verloren hatte. Nicht, weil ihm irgendwie übel war, sondern weil er bald sterben würde. Einen genauen Zeitpunkt wusste ich nie, aber er war dem Tod schon ziemlich nahe. Diese Fähigkeit, den Tod der Menschen vorauszusehen, war keine Gabe. Ich war damit geboren und empfand sie als Fluch. Man selbst wusste, dass die Menschen bald ins Gras beißen würden, aber manche von ihnen hatten absolut keine Ahnung, dass ihre Zeit ablief. Menschen, die bei Anschlägen sterben würden oder die unerwartet ermordet werden würden, konnten ja nicht ahnen, was ihnen zustoßen würde. Dagegen wussten totkranke Menschen, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten, und konnten sich von ihren Liebsten verabschieden. Und ich musste zusehen, wie die Farbe der Menschen nach und nach verblasste. Eingreifen konnte ich nicht, da das Schicksal immer einen Weg fand, in Erfüllung zu gehen.

Als ich endlich bei dem gemieteten Haus ankam, nahm ich erst einmal eine kalte Dusche. Eine Abkühlung konnte ich jetzt echt gebrauchen, da es hier ziemlich heiß war – schließlich war es Hochsommer und ich war auf Hawaii. Während das kalte Wasser über meine Haut prasselte, legte ich den Kopf entspannt in den Nacken und dachte nach. Morgen ging mein Flug los und ich würde wieder nach Dallas fliegen. Ich hatte den Urlaub hier dringend benötigt, aber jetzt war ich bereit, in meine Heimatsstadt zurückzukehren. Jedoch wusste ich nicht, wie ich mich gegenüber meinem großen Bruder verhalten sollte. Ein Teil von mir war noch immer wütend auf ihn, aber ein klitzekleiner Teil wollte ihm vergeben. Und diesen Teil verabscheute ich.
Nachdem ich wieder trocken – bis auf meine Haare – und angezogen war, warf ich mich rückwärts auf das extrem weiche Bett im Schlafzimmer. Ich atmete entspannt tief ein und aus, während ich meine Augen geschlossen hatte. Diese unfassbare Ruhe würde ich definitiv vermissen. In Dallas war alles so stressig und mein Leben war ein pures Chaos. Noch nicht einmal meine Wohnung war ordentlich und ich kam nie dazu, sie aufzuräumen, weil ich so viel mit anderen Problemen zu kämpfen hatte. Dagegen war meine Wohnung das kleinste Übel.
Seufzend richtete ich mich auf und griff nach meinem Handy. Auf dem Bildschirm sah ich, dass Eric angerufen hatte – und zwar mehrmals. Er gab echt nicht auf und das, obwohl ich seine Anrufe seit fünf Wochen ignorierte und sogar manchmal wegdrückte. Mittlerweile hatte ich mein Handy aber die ganze Zeit auf lautlos gestellt, da es mich so extrem genervt hatte, dass andauernd meine Freunde anriefen, um zu fragen, wo ich war und wie es mir ging. Alle Anrufe hatte ich ignoriert – ohne Ausnahme. Ich hatte Abstand gebraucht, hatte für mich sein wollen. Jedoch war ich mir nicht sicher, wie ich mit ihnen nach meiner Rückkehr reden und umgehen sollte. Ich wusste nicht einmal, ob ich das noch wollte. Am liebsten würde ich die Vergangenheit hinter mir lassen und ganz von vorn anfangen. Aber die Vergangenheit konnte man nicht ungeschehen machen, so gerne man es auch wollte. Ich legte mein Handy wieder auf den Beistelltisch neben dem Bett umgedreht hin. Ich wollte nicht in Versuchung geraten, doch noch einen Anruf anzunehmen.

Ich machte es mir gemütlich und schloss die Augen. Ich war gespannt, was der morgige Tag mit sich bringen würde. Wahrscheinlich aber mehr Schlechtes.

***

Das war das erste Kapitel :D. Ich hoffe, es hat euch gefallen! Nächste Woche Montag gibt es das nächste Kapitel. Bis dann!

xo Alice

FadingWhere stories live. Discover now