Guy

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Er sieht in den Spiegel und fragt sich, warum seine Haare wieder kürzer sind. Dann vernimmt er das Klopfen an der Tür und setzt sich wieder auf den Stuhl, der am Fenster steht.
Der Stuhl steht immer dort, vor dem Fenster, und wird nie bewegt. Es ist der Stuhl, auf dem Unwahrheiten keinen Platz finden.
"Hey Tasha", begrüßt er die junge Dame, die nun durch die Tür ins Zimmer kommt. Sie trägt wieder ein für sie übliches oversized Shirt, welches locker aus der Jeans hängt. Er mag diesen Look sehr an ihr. Es macht sie echt verdammt sympathisch und wenn er könnte, dann würde er sie gerne mal ausführen und näher kennenlernen. Hinter ihr steckt so viel.
Aber das ist nicht, wieso er hier ist. Oder wieso sie hier ist.
"Guy, wie geht's dir?", fragt sie ihn und setzt sich auf den Sitzsack, der vor dem Schrank steht. Wenn er da ist, dann setzt sie sicher immer genau an diesen Platz und er könnte schwören, in dem Licht, welches durch das große Fenster strahlt, funkelt es um sie herum. Sie ist einfach eine göttliche Erscheinung.
"Mal so mal so, aber reden wir nicht über mich. Sondern dich! Wie geht es dir, Tasha?" Er ist wirklich interessiert an ihr, an ihrer Person und warum sie ihn immer besucht.
"Mir geht es super, aber du weißt wir reden hier nie über mich. Das ist das Versprechen." Ihre kalte Antwort ist freundlich verpackt durch ihren warmen Ton und ihre engelsgleiche Stimme.
"Gut, gut. Ich weiß ja schon. Guck mich nicht so an, ich rede ja doch! Also gut. Dann reden wir über mich. Sag mir Tasha, wer hat mir das angetan?" Noch vor ein paar Sekunden saß er auf dem Stuhl, als würde er jeden Moment herunter rutschen. Jetzt jedoch sitzt er gerade, das linke Bein über das rechte geschlagen und die Arme vor der Brust verschränkt.
Auf seinen fragenden Blick antwortet sie nur: "Der Friseur."
"Kann nicht sein! Seit wann ist das so? Sag's mir, na los! Ich kann doch nicht so aussehen, das ist ja...verboten, ist das!" Empört steht er wieder auf und betrachtet sich erneut im Spiegel. Tasha hingegen, ziemlich unberührt, bleibt locker in dem Sitzsack sitzen und betrachtet ihre Nägel.
Das fällt ihm immer auf. Sie guckt ihre Nägel an, die jedes Mal eine andere Farbe zu tragen scheinen.
"Beige, hm. Ich mochte das Rot lieber, bringt deine feurigen Locken mehr hervor."
"Guy, ich habe braune Haare. Feurig können sie ja gar nicht sein", meint sie, während sie ihre Augen verdreht und aufsteht. Sie bewegt sich auf den Schreibtisch zu, der neben dem Spiegel steht und als er sie dabei beobachtet, fällt ihm auf, dass sie sehr kraftlos scheint.
"Hey, ist was los?", fragt er sie also vorsichtig. Normalerweise kümmern ihn solche Sachen nicht, also Gefühle. Aber bei Tasha ist das was anderes. Sie ist besonders.
Ohne seiner Frage Beachtung zu schenken, hebt sie den Notizblock vom Tisch und fragt: "Hast du heute schon geschrieben?" Nun bewegt er sich endlich vom Spiegel weg und scheint ganz außer sich. Freudig lässt er sich auf den Stuhl vor dem Fenster fallen und erzählt ihr von seinen Schriften: "Und wie! Das glaubst du gar nicht! Geschrieben ohne Ende, das habe ich! Wirklich! Bald müssen wir uns ein neues Buch holen, ja so viel hab ich geschrieben! Vielleicht werde ich ja Schriftsteller? Obwohl das würde uns nicht gefallen, meinst du?" Ohne, dass sie antwortet, fährt er fort: "Also zumindest meine ich das so. Oder die anderen? Ist ja auch egal! Zumindest habe ich viel geschrieben, über meine Muse. Du weißt schon, der Antrieb, die Kraft, die Schönheit, die mich jeden Tag bezaubert. Oder zumindest jeden zweiten Tag. Oder dritten? Ich weiß nicht, lang waren sie ja vorgestern noch, meine Haare. Also wahrscheinlich jeden zweiten, oder?"
Auch wenn es eine rhetorische Frage war, denn darauf weiß niemand die Antwort, unterbricht sie seine Ausschweifungen kurz mit: "Ja Guy, alle zwei Tage. Oder mehr oder weniger", bevor er weiterredet. Er redet immer viel, meist Dinge ohne wirklichen Sinn dahinter. Zumindest scheinen sie so, für andere.
Für sie, Natasha Pertif, sind all seine Worte, Formulierungen, Gedanken und Bewegungen von größter Bedeutung und sagen alles aus, was sie eigentlich verstecken sollen.
"Ach Tasha, meine Muse! Ja richtig, du bist es. Aber so oft wie ich es dir sage, weißt du es ja schon. Und dennoch, immer wieder, kehrst du zu mir zurück und entbehrst all das Schöne, was das Universum zu bieten hat! Meine Muse, ein Engel, verschlossen in der bezaubernden Hülle eines wunderbaren Menschen! Das alles lässt mich blühen, schreiben...ach könnte ich doch die Welt bestaunen, sehen wie alles um sie herum glitzert, um meine Muse", schwärmt er, während er den Blick aus dem Fenster wirft. Zu sehen ist hinter dem Panzerglas nur eine Wiese, die leblos scheint.
Ein Wunder ist es nicht, immerhin ist es Herbst und alles, was normalerweise grünt und blüht, hat sich, vorbereitend auf die Kälte des Winters, versteckt.
"Guy, es ist Zeit", bringt sie ihn wieder in die Realität zurück und lässt ihn aufseufzen. "Aber nicht doch, warum denn? Bitte bleib doch noch, ich habe deine Schönheit noch gar nicht genug genießen können!", fleht er sie an. Ohne jedoch dieser Bitte Beachtung zu schenken, geht sie zur Tür und verabschiedet sich. Ihre letzten Worte verhallen immer noch in seinem Kopf, denn es ist jedes Mal das Gleiche: "Wenn was ist, weißt du, wo du jemanden findest."

10/15 - Guy

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