Mit etwas Kraft hielt ich mich an der kalten Metallstange fest. An den Scheiben sammelten sich bereits die ersten, weißen Punkte. Es war Mitte Dezember und ungewöhnlich kalt draußen. Fasziniert beobachtete ich die tanzenden Flocken, die an der Scheibe in wahnsinniger Schnelle vorbeizogen.
Das ist der erste Schnee diesen Winter und allein der Gedanke daran, dass wir weiße Weihnacht haben könnten, machte mich unglaublich glücklich.
"Nächster Halt: Mito", kam es aus den Lautsprechern der Bahn.
Mein Blick wanderte zur Anzeigetafel. Hier musste ich umsteigen. Noch einen Moment auf den Halt wartend, machte ich mich zum Ausstieg bereit. Mit einem leichten Ruckeln kam der Zug zum Stehen. Ich ließ die Festhaltmöglichkeit los und folgte dem Strom an Menschen hinaus auf die Plattform.
Direkt spürte ich die kalte Luft gegen meine Haut prallen. Ich stellte mich an die Seite, um den Menschentrubel zu entkommen und aus meinem Rucksack einen warmen Schal zu holen, den ich mir um meinen Hals legte. Leicht frierend sah ich auf die Bahnhofsuhr. Der Zug müsste in fünfzehn Minuten da sein. Zum Glück. Länger würde ich es in dieser Kälte nicht aushalten. Ein Seufzen entkam mir, als ich mich wieder erinnerte, wo ich hin musste. Um ehrlich zu sein, würde ich lieber in die entgegengesetzte Richtung fahren, wieder zurück nach Hause.
Über die Pflastersteine wandernd, machte ich mich auf den Weg zum nächsten Snackautomaten. Ich hatte seit heute Morgen nichts mehr gegessen, daher entschied ich mich dazu, etwas Kleingeld in die Öffnung zu stecken und daraufhin meinen Snack aus dem Fach zu nehmen. Meine Augen wanderten herum. Es war wie leergefegt, keine Menschenseele wartete bei diesen Temperaturen hier draußen auf seinen Zug.
Ich wollte gerade wieder zum Gehen ansetzen, da stoppte ich abrupt, sodass ich fast meine Tüte mit Süßkram fallen ließ. Meine Augen waren weit aufgerissen und starrten auf die Bank neben dem Automaten. Auf dem mittleren Sitz saß ein Junge, seine Beine nah am Körper herangezogen und das Gesicht tief in seinen rotbraunen Schal eingekuschelt.
Wurde ich verrückt? Der Kleine saß bis vor ein paar Sekunden da noch nicht, das hätte ich definitiv gemerkt.
Mit verwirrtem Gesichtsausdruck sah ich auf ihn hinab. Er rührte sich nicht vom Fleck und schaute weiterhin mit leichtem Trotz in den Augen geradeaus auf die Gleisen. Seine schwarzen, etwas längeren Haare standen von allen Seiten ab. Er schien bloß ein paar Jahre jünger als ich zu sein. Vielleicht um die 16.
Was er hier wohl machte?
Ich schaute ihn weiter an.
Dumme Frage. Er wartete bestimmt seinen Zug.
Ich entschied, meinen Snack in den Rucksack zu stecken, mich neben den Kleineren zu setzen und in die gleiche Richtung zu schauen, in die er starrte. Nach einigen Minuten Stille und einer Vielzahl an Zügen, die vorbeifuhren, schielte ich wieder zu ihm hinüber. Wartete er wirklich auf eine Bahn? Er schien mir ziemlich geistesabwesend und etwas verloren zu sein.
Ich öffnete langsam meinen Mund, um zum Sprechen anzusetzen, doch es entstand bloß eine lautlose Kältewolke, weshalb ich meinen Mund schnell wieder schloss. Der nächste Zug traf am Bahnhof ein, doch ich konzentrierte mich nicht großartig darauf, da mich der Junge neben mir im Moment viel mehr interessierte.
Vielleicht ist er von Zuhause weggelaufen und weiß nun nicht, wohin mit ihm? Oder er kann unsere Sprache nicht, das würde auch erklären, warum er nichts sagte, wobei ich mich hier doch offensichtlich wie der letzte Idiot benahm.
Während ich mir weiter Gedanken um den Schwarzhaarigen machte, verfolgte dieser mit seinen Augen den dastehenden Zug, der sich nun wieder in Bewegung setzte. Kurz bevor das Fahrzeug schneller wurde, öffnete er seinen Mund und sprach zu meiner Verwunderung das erste Mal:
"Ist das nicht dein Zug?"
Ich sah ihn perplex an. Hatte er mich gerade angesprochen? Wie kam es plötzlich dazu? Ich wiederholte murmelnd, was er eben von sich gab: "Mein Zug?"
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