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Chiara fragte sich, ob hier die Zeit stehen geblieben war, und sie aus einem langen tiefen Schlaf wieder aufzuwachen begann.

Nichts hatte sich hier verändert.

Selbst der Magnolienbaum mit den krummen Ästen, den man am besten schon vor Jahren hätte entwurzeln sollen, war noch da. Es schien alles unverändert ... und doch war nichts – rein gar nichts mehr – so wie vor über 15 Jahren.

Ein trübes Grau schien mit einem Mal auf diesem Ort zu liegen und Chiara konnte sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen, wie sie als kleines Kind je hier hatte glücklich sein können. Sie wünschte sich sehnlichst, sie hätte niemals zurückkehren müssen. Wie sehr sie sich wünschte, diesen Ort für immer zu vergessen. Und alles was hier geschehen war.

All das dachte sie, als sie am Anfang der Straße stand, die jedem so gewöhnlich und unscheinbar erschienen wäre, wie eine jede andere auch. Schließlich war es einfach nur eine Straße – mit unebenem Kopfsteinpflaster und einzelnen, einsamen Blumen dazwischen. Jeden Tag kämpften sie sich zwischen den harten Steinen empor, um der Sonne näher zu sein. Obwohl sie eigentlich längst aus dem Alter der naiven Warum?-Fragen rausgewachsen sein sollte, kam Chiara nicht darum herum, sich genau diese Frage zu stellen. Warum? Warum nahmen diese zarten Blumen solche Mühen auf sich, nur um der Sonne näher zu sein?

Warum konnte jeder andere in dieser Straße nichts als eine Straße sehen, außer Chiara, die so viel mehr darin sah. Und sich wünschte, sie wäre blind.

Jeder Pflasterstein der auf dem Weg lag schleuderte ihr unerwünschte Erinnerungen entgegen und konfrontierten sie mit einer Vergangenheit, die selbst in der Gegenwart noch ihre pechschwarzen Kreise zog.

Warum war sie hier?

Eine Frage, die sie sich vergangene Nacht schon zigmal gestellt hatte und die sie sich wohl die kommenden Tage noch um einiges öfter stellen würde.

Ein Auto kam die Hauptstraße entlang. Schon nach wenigen Augenblicken verklangen die Geräusche des Motors erneut in der Ferne. Es war wieder still.

Kaum verwunderlich, so früh morgens – noch nicht mal die Dämmerung selbst schien sich zu bequemen Einzug in das kleine Örtchen im abgeschiedenen Norden Italiens zu halten. Und im Gegensatz zu ihrem eigentlichen Leben, war das hier nicht Berlin.

Seufzend fuhr sie sich mit der Hand über die müden Augen und durch die langen Haare, bevor sie nach ihrem Koffer griff und damit über das Kopfsteinpflaster ratterte. Es kam ihr unendlich laut vor, in der ansonsten so ruhigen und verschlafenen Gegend, wo noch nicht mal das Geschrei eines Vogels zu vernehmen war.

Sie fröstelte leicht unter der dünnen Bluse und der grauen Wildlederjacke. Wenn sie ehrlich war, hatte sie niemals ernsthaft damit gerechnet, dass der schlimmste Fall eintreten und es sie hierher zurück verschlagen würde.

Chiaras Schritte stoppten vor dem kaputten Zaun des kleinen Hauses mit der Nummer 63 A und plötzlich war es wieder unheimlich still. Sie legte den Kopf in den Nacken und musterte das kleine Heim.

Wie viele Jahre war es inzwischen bloß her, dass sie zum letzten Mal hier gewesen war? Sie rechnete kurz nach und kam schließlich auf 15 Jahre. So viele schon, dachte sie betrübt und für einen Wimpernschlag lang fühlte sie Traurigkeit.

Es kostete sie einiges an Überwindung, das hüfthohe Gartentor aufzustoßen und über den kurzen Kiesweg zum Eingang zu gehen. Die kleinen Steinchen knirschten unter ihren Sohlen. Der Schlüssel lag nach wie vor unter dem Blumentopf, wo ihn Chiara noch im Grundschulalter versteckt hatte. Doch die Blumen darin waren ausgedörrt und abgestorben.

Sie schob den Schlüssel ein und schloss die Tür auf. Was erwartete sie dahinter? Welche Wahrheit, welche Gegenwart ... welche Zukunft lauerte ihr auf?

Entschlossen schubste sie dir Tür zur Seite und starte in den langen, schmalen Gang, der sich vor ihr auf tat.

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Der Boden war übersäht von wertlosen Dingen. Kaputten und Ganzen, schmutziger Wäsche, Bierflaschen und Glasscherben von kaputten Bierflaschen. Vor allem Bierflaschen.

Erdige Schuhabdrücke waren auf den Dielen zu sehen, der Staub hatte sich dick auf den Möbeln abgelegt. Es stank.

Es stank nach Schweiß, Bier und ... Urin.

Chiara schob den Koffer in eine Ecke, wobei zwei Bierflaschen umfielen und davonrollten.

In der Hoffnung dem Chaos zu entfliehen ging Chiara ins Wohnzimmer und lief damit einem weit versiffteren Übel in die Arme. Verdorbene Essenreste auf dem Couchtisch, Pizzakartons darum verstreut.

Bedauernd stellte sie fest, dass sie Recht gehabt hatte und sich rein gar nichts verändert hatte. Und verlor im selben Augenblick jegliche Hoffnung, dass sich daran je etwas ändern würde.

Ihr Vater würde weiterhin trinken und wie ein Penner alles zugrunde führen, was ihre Mutter hart erkämpft hatte. Selbst im Grab würde er sich nicht bessern. Es war längst alles verloren.


Blumen für dein GrabGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt